Gerburg Jahnke inszeniert Anna Baseners Huren-Roman in Dortmund

Eine Erfrischung für die Schätzeken: Szene mit Anke Zillich aus „Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte“ in Dortmund. Foto: Hupfeld

Dortmund – Mit so einer Omma im signalorangnen Reinigungsfachkraftkleid machst du ja schon mal einiges richtig. Die nimmt beherzt dem Besucher in der ersten Reihe die Brille von der Nase, haucht kräftig auf die Gläser und wienert sie mit ihrem Putzlappen. „... du siehs ja gar nix vonne Herrlichkeit hier“, da muss Omma eingreifen. Und weil die Leute im Dortmunder Schauspiel so langsam schalten, übersetzt Omma erst mal „Hobbyflecken“ und „Öves“ und vor allem „Samtkragen“, den Spezialdrink für Puffmitarbeiter: „Erst tust du den Korn!“

Anke Zillich muss „mit die hier vorn Grundkurs“ machen, und sie gibt dabei eine handfeste Ruhrpottmatrone, wie man sie seit Tana Schanzara nicht gesehen hat. Aber genau hier beginnen auch die Probleme mit dem Stück „Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte“: Das Publikum wird behandelt, als ob Dortmund nicht mehr zum Revier gehörte. Zillich muss, der Text gibt ihr das vor, die Strategen, Eumel und Schätzeken im Zuschauerraum wie Fremde ansprechen. Da setzt das Fremdeln ein. Der Titel verspricht ja viel. Anna Baseners 2017 erschienener Roman machte Eindruck. Adolf Winkelmann arbeitet gerade an der Verfilmung. Und am Schauspiel Dortmund inszeniert Gerburg Jahnke, Kabarettistin und langjährige Gastgeberin der TV-Kabarettsendung „Ladies Night“, die Bühnenfassung, die sie mit der Autorin erstellt hat. Eigentlich kann da nichts schief gehen.

Es ist am Ende leider doch ein ziemlich kleines Vergnügen. Die Omma rettet ihre Freundin Mitzi vor dem brutalen Zuhälter Herbert mit einem tödlichen Schlag mit der Kornflasche. Dann wird Mitzis Urne begraben, und die Omma taucht bei ihrer Enkelin Bianca in Berlin auf, auf der Flucht vor einem neuen Zuhälter, dem Polen Blazek. Bianca entwirft Designer-Slips, landet mit dem aus dem Ruhrgebietnachgereisten Polizisten Bernhard im Bett, findet beim Erwachen 1500 Euro in einem ihrer Schlüppis und quält sich mit der Frage, ob sie das zur Hure macht. Irgendwie steht immer wieder der Schauspieler Theo in der Flexiküche (weil die Tür offen ist), baggert Bianca an und singt ein Lied. Das ist einfach nur sprunghaft, die Figuren sind Typen, aus Klischees montiert, und es gibt gar nicht genug Songs für jedes Logikloch.

Nicht nur wegen der offensiv verqualmten Frauenzigarette „Eve“ vermittelt das ein Siebziger-Gefühl. Auch die Lieder über Prostitution wirken mit ihrem trotzigen Engagement wie aus der Steinzeit der Frauenbewegung übrig geblieben: „Wir sind alle Marionetten / Von Kapitalismus und Patriarchat / Und auch in euren Ehebetten / Da wird bezahlt bezahlt bezahlt“, die Refrainzeile lautet: Ab wann ab wann ab wann ab wann nennt man das Prostitution?“. Hinzu kommt, dass die Arbeit der Huren gar nicht auf die Bühne gebracht wird. Stattdessen räkeln sich Männer travestiemäßig in Schaukäfigen. Und Freier bleiben draußen.

Da nutzen sich auch die Running Gags ab mit dem „Samtkragen“, dieser Mischung aus Korn und Boonekamp, und der verschiebbaren Flexiküche, die ein Venedig-Gefühl erzeugt. So sehr sich die Darsteller auch reinwerfen – es gibt an diesem Abend einfach viel zu wenig, über das man richtig lachen kann. Das liegt auch an der dramaturgischen Schwäche: Das fühlt sich nicht an wie eine Komödie, sondern wie ein matter Kabarettabend mit kurzen Sketchen und Schlagern dazwischen.

An den Schauspielern liegt es gewiss nicht. Anke Zillich als Omma ist ohnehin saalfüllend. Auch vom übrigen Ensemble sieht man immer wieder schöne Momente: Andreas Beck verleiht selbst einem so verramschten Abklatsch eines Popolski-Polen wie dem Blazek eine gewisse Grundwürde, und sein Song ist großes Kino: „Wem der Herz schlägt/ Der schlägt nicht zurück“. Auch Friederike Tiefenbacher als Mitzi berührt mit ihrem Song, in dem sie Naivität und Durchtriebenheit andeutet. Und wenn Caroline Hanke als Bianca und Jens Kipper als Bernhard auf dem Hochbett sitzen und ihre rauschende Liebesnacht zelebrieren, indem er einen Fußball-Spielbericht vorträgt und sie stöhnt, dann ist das nicht unbedingt neu, aber doch sehr intensiv ausgeführt.

Dem Theater kann’s egal sein: Die nächsten Vorstellungen sind zuverlässig ausverkauft. So stimmt am Ende wenigstens die Kasse. Gemessen am Standard des Hauses aber: eine Pleite.

21., 22.2., 2., 8., 23.3., 3., 14.4., 4., 5.5., 1., 29.6.,

Tel. 0231/ 50 27 222

www.theaterdo.de

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