Geplanscht und gezogen: Neustart in Dortmund bei „17+1“

Spielt Schach gegen sich selbst: Anton Andreew ist neu im Dortmunder Schauspielensemble. Foto: Dürrkopp

Dortmund – Julia Wissert mag sich ihren Start als Intendantin des Dortmunder Schauspiels auch anders vorgestellt haben. Nun begrüßte sie auf dem Vorplatz wenige Zuschauer, die Masken trugen, zu einem „ruhigen, intimen, exklusiven Abend“. Und weil die neue Chefin auch das Ensemble neu zusammen gestellt hatte, hatte beim Abend „17 + 1“ jeder zehn Minuten, um sich einmal ganz frei und ohne das Korsett einer Regie vorzustellen.

Und gleich darauf ging Linus Ebner baden: Der Schauspieler setzte sich im Anzug in ein Planschbecken und pries den Vorzug, ein Oktopus zu sein. Frei von Rückgrat, frei von kultivierten Überlieferungen wie Sklaverei, Misogynie, Antisemitismus und Selbstbräuner. Stattdessen genügt eine Kokosnussschale als tragbarer Rückzugsort. Furios Ebners Abgang. Er schlängelte sich wie ein Weichtier zur Tür.

Marlena Keil, eine von zwei Übriggebliebenen aus dem alten Ensemble, moderierte aus dem Off, wann das Publikum sich auf den Weg durch das Schauspielhaus zum nächsten Schauplatz machen sollte. Dass sie bei Ebner etwas zu früh das Wort ergriff, überspielte der souverän.

Nicht alle Miniaturen überzeugten gleichermaßen: Linda Elsners diffuse Meditationen über Quarantäne und Panik auf der großen Bühne verloren sich in ausufernden Videobildern. Die Schauspielerin selbst bekam das Publikum erst ganz zum Ende hin zu Gesicht. Da war etwas zu viel Botschaft und etwas zu wenig Vorstellung.

Adi Hrustemovic machte aus seinem bosnischen Namen eine Stand-Up-Comedy-Nummer, und wie man dieses anlautende „hr“ spricht, das werden sich die, die dabei waren, gewiss merken. Wenn einer schon Adolf heißt, dann muss er auch ein paar Witzchen über den Adidas-Gründer reißen und über einen prominenten Österreicher, der nach Deutschland ging.

Hinreißend präsentierte sich Anton Andreew im Foyer mit einer Schachpartie gegen sich selbst. Wie er den Tisch umkreiste, mal weiß zog, mal schwarz, einen Bauern schlug, dabei von einer gar nicht strahlenden Kindheit als Schach-Wunderkind erzählte, das hatte Charme.

Lola Fuchs schlüpfte in die Rolle des aufgekratzten Marketing-Profis Stefan und pries atemlos so originelle Produkte wie einen Kaffeebecher an. Christopher Heisler musste nur über die Bühne watscheln. In seinem aufgeblasenen Dino-Ganzkörper-Kostüm genügte das schon für jede Menge Lacher.

Viele neue Gesichter, sehr verjüngt erscheint vor allem das Team. Mehr wird man in den nächsten Monaten sehen.

18.10., Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare