George Brants Stück „Am Boden“ in Dortmund

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Sie schickt den Tod in die Ferne: Szene aus „Am Boden“ in Dortmund mit Alexandra Sinelnikova und Manuel Loos.

DORTMUND - Man vergisst diese coole Frau mit der roten Mähne beinahe vor den seltsam grauen Bildern auf der Leinwand. Da schildert sie, wie eine Gruppe Männer an der Straße in der Wüste steht und sie sie anvisiert und wenn sie die Freigabe hat von ihrem Team – „Bumm!“ Und auf der Leinwand zerstäuben die grauen Flecken in einer großen Wolke.

Krieg sieht so aus, fühlt sich an wie ein Videospiel. Zumindest für die Piloten, die irgendwo in der Wüste in den USA in geheimen Zentren sitzen und von dort Drohnen mit tödlicher Ladung in Echtzeit steuern. Davon erzählt der US-Dramatiker George Brant in seinem Stück „Am Boden“, das 2013 in San Francisco uraufgeführt wurde. Das packend erzählte Ein-Personen-Drama läuft an vielen deutschen Bühnen. Nun inszeniert es Thorsten Bihegue am Schauspiel Dortmund.

Im Studio verkörpert Alexandra Sinelnikova die namenlose Pilotin, die anfangs noch selbst im Flieger saß, mit dem sie im Nahen Osten die Schurken bekämpfte. Doch im Urlaub verliebt sie sich, sie hat Sex mit Eric und wird schwanger. Und mit einer kleinen Tochter kommt ein Kampfeinsatz in Übersee natürlich nicht in Frage. Stattdessen steuert sie nun Drohnen.

Bihegue gibt Sinelnikova den Schlagzeuger Manuel Loos als Partner, der mit sprechenden Songs wie „Super Sexy Woman“ und krachenden Rock-Rhythmen den langen Text strukturiert, manchmal sogar in die Rolle Erics schlüpft, stumm, aber ein präsenter Ansprechpartner. Und zwischen Regalen mit Umzugskartons, aus denen die Schauspielerin mal einen Hocker, mal ein Familienfoto nimmt (Ausstattung: Svea Schiemann), leuchtet die große Leinwand, auf der mal die verdoppelte Pilotin als Superheldin posiert, mal ein Feld von Kreuzen aufscheint oder die abstrakten Bilder einer Infrarotkamera, mit denen die Kampfeinsätze von Drohnen gesteuerte werden.

Alexandra Sinelnikova versetzt sich überzeugend in die Pilotin, die das Publikum zum Komplizen ihrer Geschichte macht. Anfangs hat sie die Körpersprache eines Machos, das große Ego eines Menschen mit der Macht über Leben und Tod. Die Fassade bekommt bald Risse, zunächst, als klar wird, dass sie nicht mehr selbst fliegen, sondern nur noch an der Fernsteuerung sitzen wird. Der nächste Stimmungsumschwung kommt, als sie Spaß daran bekommt, die Feinde über den Bildschirm auszulöschen, wieder das „Bumm“-Gefühl. Doch das Bewusstsein, zu den „Drohengöttern“ zu gehören, hält nicht endlos vor. Mit leisen Gesten vermittelt Sinelnikova, wie sich das Ferntötungsgeschäft und ihr Familienleben zunehmend überlagern. Wie sie leidet daran, dass sie ihrem Mann nichts erzählen darf. Wie sie auf dem langen Heimweg anhält und aus leeren Colaflaschen einen privaten Friedhof in den Sand setzt. Wie sie beginnt, in den Zielen, die anfangs nur graue Flecken auf einem grauen Bild waren, Menschen zu erkennen, vielleicht sogar ihre eigene Tochter. Immer mehr verliert sich die Distanz der Erzählerin zu den Ereignissen, immer intensiver werden die Gefühle.

Ein eindringlicher Abend zu einem brisanten Thema. Großer Beifall.

19., 26.12., 12.1., Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

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