Geierabend in Dortmund: „Mein Name ist Pott, RuhrPott“

„Heja BVB!“: Nicki (Sandra Schmitz, links) und Procilla (Franziska Mense-Moritz) fordern eine Frauenmannschaft für den Fußballverein Borussia Dortmund. Foto: bussenius/reinicke

Dortmund – „Das war Scheiße“, sagt der Berater der Verteidigungsministerin und holt AKK aus der Bütt: „Wir brauchen mehr Mutti.“ Wie bekannt, eckt die CDU-Politikerin selbst zu Karneval an. Grund genug, dass Profis vom Geierabend Annegret Kramp-Karrenbauer einen Testlauf beim alternativen Ruhrgebietskarneval anbieten. Zur Premiere auf der Zeche Zollern in Dortmund trägt „Karre“, wie der Steiger (Martin Kaysh) die Politikerin abkürzt, ein rotes Barrett. Andreas „Obel“ Obering verspannt sich als AKK und knattert heillos vor sich hin. Ein Desaster statt „konservativem Profil“, dass der umsichtige Berater (Murat Kayi) nicht verhindern kann. Aber warum auch? Am Geierabend wird abgerechnet – mit Politikern, mit Weltgefährdern wie Donald Trump, mit Klimaaktivisten, mit Diätstrategien, mit Helikopter-Eltern, mit BVB, mit SUV, mit allem – irgendwie.

Das achtköpfige Bühnenteam kalauert sich einmal mehr durch Sachlage und Lebensgefühl der Revierbewohner. Und ‘ne dicke Lippe riskieren, gehört zum Selbstverständnis. „Mein Name ist Pott, RuhrPott“, so der Programmtitel im 20. Jahr auf der Zeche Zollern. Denn tatsächlich schreibt John Pearson, Ex-Assistent von Bond-Autor Ian Fleming, dass 007 in Wattenscheid geboren wurde. Der fiktive Agent hat einen fiktiven Geburtsort in einer fiktiven Biografie. Eine nette Erfindung und Stoff für mehrere Bond-Inkarnationen auf der Bühne. Leider oft recht bemüht.

Die Regisseure Heinz-Peter Lengkeit und Till Beckmann halten den Geierabend auf Kurs. Fixpunkte sind bekannten Figuren wie der „Schlendersack“ von Martin F. Risse, der sein Güllestübchen in Schnöttentrop vor dem Verkauf bewahren muss. Sauerländischer Nonsens. Sandra Schmitz schäumt als „Mutter Kowalski“ und stellt sich vor ihren Sohn Kingston, der immer Ärger hat. Wie sie ihn mit Kraft und Finesse raushaut, ist ein kleines Husarenstück. Als „Edgy und Veggie“ hat sie mit Franziska Mense-Moritz wieder den Diätwahn bloßgelegt und den Selbstbetrug gleich mit („Das Sportlichste an Dir ist Dein Eisprung“). Ein Dauerthema.

Sehnlich erwartet wird der hellblaue Frotteebademantel von Franziska Mense-Moritz. Im Publikum ruft jemand: „Raucherecke!“ Die Phantasien reichen von Juno, Overstolz bis Reval, lassen sich die historischen „Lungenbrötchen am Automaten“ doch für eine D-Mark ziehen. Mit kreischiger Stimme wird Verständnis gefordert – für die Not einer Raucherin („Perzen unter Wasser“). Ihr Duett mit „Präsi“ Roman Henri Marczewski auf die Hit-Melodie „Shallow“ von Lady Gaga fühlt sich speckig und lebensecht an: „Manchmal kauf ich Wurst.“

Aber nicht jeder will beim Geierabend gefallen. Hans-Peter Krügers Wutbürger-Figur „Hackenberg“ beklagt sich, dass die AfD „Asyltourismus“ prophezeit, aber nicht eingelöst hat. „Wo ist der Fremdenverkehr?“ Hackenberg hat aus Kartoffelschossgestellen Doppelbetten gezimmert. Sein Geschäftsmodell wackelt. Das ist absurd und um die Ecke gedacht.

Aber nicht jede Nummer überzeugt, wenn die Helikopter-Eltern beim Einstellungsgespräch ihres 42-jährigen Sohnes dabei sein dürfen oder der Chor der Frösche durch infantile Dialoge nervt. Der Kermit-Bonus ist schnell verbraucht.

Eine Musiknummer wie „Nippel ab“ lässt zwei Dinos vormachen, wie Aussterben geht. Und die Schaltverbindung zu Dr. Wattenscheid (Wolfgang Wendland, Frontmann der Punkband „Die Kassierer“) belegt, dass Videos auf der Bühne nicht immer ein Mehrwert sind. Die Parodie auf den Kölner Karneval hat sich der Geierabend diesmal ganz gespart.

Gut ist, dass die „Borussinninnen“ das schwarzgelbe Thema sichern und dass Martin Kaysh seinen jährlichen Spruch vom „letzten Mal“ wieder nicht ernst gemeint hat. So wird auch der Pannekopp-Orden vergeben. Das Publikum entscheidet und singt am Ende „Dortmund“.

9. bis 25. 2.; 34 Termine; Tel. 0231/14 2525; Online-Verkauf: www.geierabend.de/tickets

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