Fuchs, Matherly und Pils im Bottroper Quadrat

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Eine Skulptur aus Beton und Gips von Justin Matherly, zu sehen im Bottroper Quadrat.

BOTTROP Die Schulter wirkt wie abgerissen, so tief geht der Spalt in Justin Matherlys Betonskulptur. Der US-amerikanische Bildhauer hat dem griechischen Gott der Heilkunst, Äskulap, mit seinem Stab nur ein wenig Stabilität gegeben. Die Schlange, die sich um die Stütze dreht, ist nur noch teilweise zu erkennen. Der Sohn der ramponierten Gottheit steht klein und stoisch daneben. Nur ein Zwerg (neben dem Über-Vater) oder eine „South-Park“-Figur? Matherly, der im New Yorker Stadtteil Brooklyn lebt, ist seit den Skulpturprojekten 2017 bekannt. In Münster zeigte er „Nietzsches Felsen“, eine sperrige Rekonstruktion des Denkerfelsens, der am Silvaplanersee in der Schweiz dem Philosophen gewidmet ist. Hier hatte Nietzsche nachgedacht: „Also sprach Zarathustra...“.

Im Bottroper Quadrat Josef Albers Museum, wo eine kleine Gruppenausstellung mit drei Künstlern zu sehen ist, stellt sich Matherly (46) dem philosophischen Gedankenbild vom „Übermenschen“, der fröhlich und frei lebt, ohne an das Morgen zu denken, einmal mehr entgegen. Selbst der Gott der Heilkunst kann sich hier nicht mehr helfen. Die Figur ist hohl. Auf der Rückseite hat Matherly sogar den Sockel geöffnet, so dass unter dem Gips standardisierte Gehhilfen aus der Therapie zu sehen sind. Es wirkt wie eine brüchige Zurschaustellung. Der Titel „It’s okay to limp“ spielt auf Sigmund Freuds „Es ist in Ordnung, wenn Du ganz langsam gehst“ an. Der Psychoanalytiker meint, dass wir das Tempo rausnehmen sollen und doch ans Ziel kommen.

Matherly zerlegt auf einer bildnerischen Ebene souverän Daseinskonzepte, die in seinem Werk meist auf griechische und römische Skulpturen zurückgehen. Seine Zersetzung hat System. Fünf Äskulap-Figuren sind in Bottrop ausgestellt. Sie sind selbstreferenziell, ein wenig ironisch und wirken in ihrer bildnerischen Existenz verloren.

Tobias Pils (47) sucht auch nach dem bildnerischen Ausdruck einer Figur. Der Maler aus Österreich verliert sich in surrealen Bildfindungen, die eine humane Metamorphose zu erschweren scheinen. Pils hatte 2017 eine Einzelausstellung in Bottrop präsentiert. Nun sind die hochformatigen Gemälde „Figures 1–5“ (2018) zu sehen. In einem Werk reckt sich ein kopfloses Wesen mit Händen und Füßen. Das Körperliche wird malerisch von Ornamenten, Kleinstfiguren, Strichen und Rissen bedeckt. Das Dreidimensionale verliert neben Strukturfeldern an Raum, eine bildnerische Hierarchie oder Formbestimmung bleibt in Konkurrenz. Es herrscht eine beunruhigende schwarz-grau-weiße Abstraktion.

Festlegen will sich auch Bernhard Fuchs (47) aus Österreich nicht. Der Fotograf und Becher-Schüler zeigt nach seinen Landschaftsbildern („Waldungen“, 2014) elf Studioporträts aus der Serie „Lot“ (2007–2017). Er kennt die Porträtierten, betreibt aber keine Charakterisierung. Fuchs fotografiert auf seinen Sitzungen mehrmals. Er interessiert sich für die Situation: das Fotografieren als Begegnung. So geben die Porträts eher ein Verhältnis zueinander wieder, eine Transzendenz, etwas kaum Fassbares: „Christina“ scheint vom Bildprozess überrascht, „Timophy“ ist abwesend und ganz bei sich, „Maria“ ruht wie eine Statue in sich selbst. Wo ist der Fotograf?

„Bernhard Fuchs. Justin Matherly. Tobias Pils. Fotografie. Skulptur. Malerei“ ist ein für Bottrop neues und interessantes Ausstellungsformat.

Bis 27. 1. 2019; di-sa 11 – 17 Uhr, so 10 – 17 Uhr; Tel. 0204/372030; www.quadrat- bottrop.de; heute findet in Bottrop die Grundsteinlegung für den neuen Anbau ans Josef Albers Museum statt, ab 14 Uhr.

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