Jan Friedrich inszeniert Ibsens „Hedda Gabler“ am Schauspiel Dortmund

In einer Puppenwelt: Szene aus „Hedda Gabler“ in Dortmund mit Bettina Lieder und Ekkehard Freye. Foto: Hupfeld

Dortmund – In diesem Puppenhaus stakst ein Mensch gewordener Ken zum Kühlschrank. Mit gelben Handstummeln versucht er, Eier herauszuholen, die davonspringen wie Pingpongbälle. Jede Geste wird von Lautsprecherlachen begleitet wie in alten Sitcoms aus den USA.

Es gibt von Henrik Ibsen das Drama „Nora oder Ein Puppenheim“. Das hat Jan Friedrich bei seiner Inszenierung auf „Hedda Gabler“ übertragen, ein anderes Werk des norwegischen Dramatikers. Ins Studio des Schauspiels Dortmund baut er ein überdimensionales Spielzeughaus, in dem er die Darsteller in Puppenmasken agieren lässt. Sie sprechen nicht selbst, sondern werden von den Kollegen vom Bühnenrand aus synchronisiert. So unglücklich Hedda mit ihrem Ehemann Jörgen Tesman auch sein mag, alles wird weggelacht vom Einspielband.

Das wirkt anfangs ebenso brutal wie künstlich. Aber schon in der Eingangsszene mit Tante Julle schärft es schön den Blick. Ibsen selbst zeichnet Tesman zu als Muttersöhnchen, das sich über die mitgebrachten Lieblingspantoffeln freut. Dass eine lebenshungrige junge Frau keinen Bock auf diese Plastikwelt hat, das sieht man sofort. Man braucht den Text gar nicht, obwohl sich dessen böse Komik so besser erschließt. Außerdem unterscheidet Friedrich zwei Beziehungsebenen: Kaum ist die Tante aus der Tür getorkelt, nehmen Tesman und Hedda die Masken ab. Nun sprechen sie selbst, nun geht es um sie.

Hedda setzt den Puppenkopf selten auf. Ihr Jugendfreund Lövborg trägt nie Maske, ist mit sich im Reinen. Wie Tesman arbeitet er als Kulturwissenschaftler, sie sind Rivalen auf allen Feldern, und Lövborg ist auch geistig der Potentere. Schon sein aktuelles Buch sticht die Abhandlung Tesmans über das Kunsthandwerk in Brabant aus. Und sein Manuskript erst...

Friedrichs Inszenierung löst sich vom Pathos, mit dem Ibsens Stück oft gespielt wird. Die Heldin ist hier kein Opfer, sondern eine Wutfrau, zu groß für ein kleines Leben. Friedrich führt in Heddas Kopf. Es sind ihre Vorstellungen von Sehnsucht, Langeweile und Gewalt, die auf der Bühne erscheinen, vieles als Live-Video (Kamera: Tobias Hoeft) übergroß auf Bretterwände projiziert. Sie manipuliert ihre Umgebung wie ein spielendes Kind. Man sieht ihren Kopf übergroß, wie sie sich im Bad eine Zigarette anzündet. Die naive Frau Elvsted ist in den Filmszenen wirklich eine Barbiepuppe, an der Hedda Verstümmelungsfantasien auslebt. Mit dem Hausfreund Brack kopuliert sie freudlos.

Dies ist vor allem der Abend von Bettina Lieder. Ihre Hedda gewinnt das Verständnis des Publikums. Aber sie entpuppt sich als manipulatives Monster, bis hin zur Vernichtung von Lövborgs Lebenswerk. Die meiste Zeit spielt Lieder vor der Kamera, der Zuschauer ist ihr näher als den realen Akteuren vor der Wand. Die Inszenierung ist auf sie fokussiert, sie löst das auf packende Weise ein.

Die Mitspieler treten etwas in den Hintergrund, aber Ekkehard Freye überzeugt als biederer Spießer Tesman. Christian Freunds Lövborg kommt in Lederjacke als selbstbewusster Rebell, schrumpft aber vor der Überfrau Hedda zum Verzweifelten. Alexandra Sinelnikova ist als Frau Elvsted ein sehr braves Herzchen. Sehr hübsch ist auch die Sauf- und Hurentour als Spiel mit drei Ken-Puppen. Viel Beifall für eine bei allen Effekten konzentrierte und textnahe Inszenierung.

22.2., 2., 8.3., 14.4.,

Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

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