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Franz-Xaver Mayr inszeniert „Antigone/Die Politiker“ am Schauspielhaus Bochum

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Von: Ralf Stiftel

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Anna Drexler in Antigone Schauspielhaus Bochum
Rebelliert gegen die Staatsraison: Anna Drexler (Mitte, mit Jele Brückner und Michael Lippold) in „Antigone“ am Schauspielhaus Bochum. Foto: Birgit Hupfeld © Birgit Hupfeld

Bochum – Am Strand kann man ganz entspannt in der Sonne liegen und nachdenken. Was zum Beispiel „Die Politiker“ so sind und tun. Schon das Wort ist aufgeladen mit Emotionen und unterschwelligen Deutungen. Michael Lippold horcht die Wörter auf diese Dinge ab, er wiederholt es mit immer neuen Betonungen, lässt es mal ironisch, mal pathetisch, mal anklagend klingen. Und das ist nur der Auftakt zu einem poetisch-analytischen Gruppenvortrag über eine Menschengruppe, deren Ruf durchaus umstritten ist.

In den Kammerspielen des Schauspielhauses Bochum inszeniert Franz-Xaver Mayr einen Doppelabend, der gleichsam Theorie und Praxis verzahnt. Zunächst den lyrischen Essay „Die Politiker“ von Wolfram Lotz. Und die Tragödie „Antigone“ von Sophokles in einer aktualisierten Nachdichtung von Thomas Köck. Und alles spielt an jenem Strand des Mittelmeers, den abendländische Touristen so gern zum Ausspannen nutzen. Aber seit einiger Zeit werden dort Tote angetrieben, Flüchtlinge aus den Krisengebieten der Erde. Das Bühnenbild von Michela Flück bindet die beiden Texte des Abends zusammen.

Anfangs werden die bunten Handtücher der sechs Darsteller zum Stammtischersatz. Hier entfalten sie mal Vorurteile, mal Fakten über jenen Menschenschlag, der die Geschicke des Staates in unser aller Auftrag leitet. Das funktioniert manchmal ganz sachlich: „Die Politiker konsolidieren die Sozialsysteme“. Die Fortsetzung in Reimen aber treibt es ins Absurde: „...und benutzen für die Hände Creme.“ Der Zugang über die Versform sorgt für große Heiterkeit bei einem doch vermeintlich so theoretischem Thema. Da kommen sie vom Plappern auf Pappeln, von einer Katze zu Adolf Hitler zu Flügen nach Beirut und Athen („Jetzt wisst ihr, wohin sie gehn!“).

Dann wird es konkret. Die Akteure gehen ab. Aus den Ritzen der Bühne qualmt es giftig. Sie kehren zurück, die bunten Kleider sind verschwunden, stattdessen tragen sie eine dunkelgraue Uniform. Lippold ist jetzt Kreon, der in Theben das Gesetz durchsetzt, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. Und es geht nicht mehr darum, einem Rebell gegen die Ordnung das Begräbnis zu versagen. Die angeschwemmten Flüchtlinge sollen nicht in die Erde, denn: „Wir sind nicht der Friedhof der Welt“, wie der Regent betont. Eine Wendung, die man leicht verändert von rechten Politikern kennt. So einer ist auch Kreon, der der „gelebten politischen Praxis“ notfalls die Gesetze anpasst. Anna Drexler vertritt als jugendliche Antigone dagegen eine moralische Position. Sie entlarvt wunderbar emotional die Heuchelei der Macht, als wäre sie bei Fridays for future.

Eigentlich besteht der gut zweistündige Abend aus recht trockenem Stoff. Aber das vorzügliche Ensemble und eine stimmige Regie sorgen dafür, dass man diesem Diskurstheater durchaus unterhalten folgt. Im ironisch-absurden „Politiker“-Teil ist das leichter. Da hat man gleichsam eine Abfolge von Solonummern, die Lippold, Drexler, Jele Brückner, Jing Xiang, Konstantin Bühler und William Cooper bravourös entfalten bis hin zu rasant-musikalisch ausgestalteten Rufwechseln über Arbeitslose und Müll.

„Antigone“ hat eigentlich mehr Handlung. Hier aber fordert die strenge Form des philosophisch-überhöhten Dialogs das Publikum mehr. Doch auch hier erlebt man spannungsvolle Momente etwa mit Bühler als Chor, der emotional heißläuft wie ein Wutbürger, und Jing Xiang als Boten zwischen Pflichtbewusstsein und Furcht.

11., 12., 21., 29.1., 4.2.

Tel. 0234/ 3333 5555, www. schauspielhausbochum.de

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