Frank Behnke inszeniert in Münster Fassbinders „BRD-Trilogie“

Bei dieser Frau werden auch starke Männer schwach: Szene aus „Lola“ am Theater Münster mit Sandra Schreiber und Jonas Riemer. Fotos: Marion Bührle

Münster – Das Theater Münster traut sich etwas. Gleich die komplette „BRD-Trilogie“ von Rainer Werner Fassbinder an einem Abend inszeniert Frank Behnke. Drei Kinofilme als Bühnenversion im Großen Haus, mit einer Band, mit aufwendigen Videoeinspielungen, teils live, teils vorproduziert, vier Stunden zwanzig Minuten mit zwei Pausen: „Die Ehe der Maria Braun“ (kam 1979 in die Kinos), „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ (1982) und „Lola“ (1981).

Alle diese Filme spielen in der Nachkriegszeit, im Wiederaufbau. Sie bilden eher eine atmosphärische Einheit. Die Geschichten stehen eigentlich für sich. Fassbinder zeigt in ihnen, wie der Kapitalismus die Seele auffrisst, die Verletzungen, die der Faschismus schlug, die Verführbarkeit des Menschen. Behnke sieht in der Trilogie eine Aktualität, die er durch einige anachronistische Setzungen herausarbeiten will. Speziell das Ende von „Lola“ verfremdet er. Der anfangs noch so unbeherrschbare Baudezernent von Bohm bricht da aus in eine Wutpredigt mit Motiven zwischen Stephane Hessels „Empört euch“ und Greta Thunberg, wobei in den antikapitalistischen Appell die Namen von Münsteraner Firmen eingearbeitet wurden. Die Videoprojektion bebildert das mit schmelzenden Polargletschern, gerodetem Regenwald, Demonstrationen und den rauchenden Schloten des Wirtschaftswunders. Und wenn er dann still ist, ruft die Prostituierte Lola die Mitspielerinnen, die Frauen mit Zöpfen oder ohne, auf zur weiblichen Solidarität gegen die alten weißen Männer. Da wird Theater zur Agitationsanstalt, auf Kosten der Komplexität.

Schon vorher zeigt sich, dass Behnke sich mit dem Projekt übernommen hat. Zuviel geht verloren, wenn man so durch die Geschichten eilen muss, damit sie alle überhaupt in einen Abend passen. Gleich bei der „Ehe der Maria Braun“ fehlt es an der psychologischen Feinzeichnung. Die Inszenierung hastet durch die Geschichte der Ehe von Maria (Rose Lohmann) und Hermann (Ilja Harjes), die im Bombenhagel heiraten und nach anderthalb Tagen getrennt werden, weil er wieder an die Front muss. Maria hat eine Affäre mit einem GI, der totgeglaubte Hermann kehrt zurück, im Gerangel haut sie Bill eine Flasche über den Kopf, er ist tot. Hermann nimmt vor Gericht die Schuld auf sich, geht ins Gefängnis. Maria wird die Geliebte des Firmenchefs Karl Oswald (Christian Bo Salle) und erweist sich auch als erfolgreiche Geschäftsfrau. Nach Oswalds Tod erben Maria und Hermann – und doch gibt es kein Happy End. In Münster sieht man nicht, warum diese Geschichte mit einer Explosion endet, weil es keinen Gasherd gibt. Und schon vorher wird das besondere Abkommen nicht erklärt, das Oswald mit dem inhaftierten Hermann schließt. Stattdessen lässt die Regie zu Fußballvideobildern und Fotos zum Beispiel von Bundeskanzlerin Merkel die Reportage zum WM-Finale von 1954 eben nicht im O-Ton einspielen, sondern von Joachim Foerster nachsprechen, mit Untertönen des NS-Jargons. Plumper geht’s kaum.

„Die Sehnsucht der Veronika Voss“, Fassbinders film noir aus dem Kino-Milieu, wird in dem Schnelldurchlauf vollends zum Zerrbild. Carola von Seckendorff ist eine gute Schauspielerin. Aber die gealterte Diva nimmt man ihr hier nicht ab. Da stimmen die Töne weder im Song „Memories are made of this“ noch wenn sie mit dem Sportreporter Krohn (Foerster) anbandelt. Die krude Geschichte um Morphiumsucht wird eilig durchgehechelt, und es gibt Szenenfolgen aus Ufa-Filmen, in die von Seckendorff digital hineinmontiert wurde, und eine skurrile Revue mit Filmplakaten, durch die Krohns Freundin Henriette (Rose Lohmann) eilt, mal hier auf einem Schriftzug balanciert, mal aus einem O herausschaut. Da ist viel düstere Stimmung und noch mehr Langeweile, weil vor allem die Posen der Voss zelebriert werden, die sinistren Laborszenen der verbrecherischen Ärztin und Dealerin Dr. Katz (Sandra Schreiber), ohne dass die Geschichte wirklich vorankommt. Und am Ende ist Veronika Voss im Video als Christusfigur am Hakenkreuz zu sehen. Plumper geht’s offenbar immer.

Am Ende nimmt der Abend doch etwas Fahrt auf. Der krude Korruptionsthriller „Lola“ hat deutlich mehr Zug als die beiden anderen Teile der Trilogie. Eingebettet in die angejazzten Schlager, die das Trio nun auf der Bühne vorträgt, quasi als Hausband des Bordells, wird erzählt, wie der neue Baudezernent von Bohm (Ilja Harjes) den örtlichen Klüngel aus Bürgermeister, Sparkassenchef und Bauunternehmer stört, bis ihn die Liebe zur Prostituierten Lola (Sandra Schreiber) angreifbar macht. Das hat Witz, da gehen die Darsteller mehr aus sich heraus, zum Beispiel wenn Jonas Riemer als Schuckert seiner besten Hure Lola erklärt, warum er durchaus Bewunderung für den widerspenstigen von Bohm empfindet. Er tut das nackt, nach dem Sex, und trifft wunderbar den jovialen Ton des örtlichen Paten, der alle im Griff hat. Auch von Bohm, mit dem er sich später ausspricht, während er ihn sich auf den Schoß setzt und hin- und herwendet, als wären sie Vater und Sohn. Und dann finden Schreiber und Harjes tatsächlich zarte, verletzliche Töne für die sich anbahnende ungleiche Beziehung zwischen dem Musterbeamten und der Frau, die mehr sein will als eine Hure.

Hier gewinnt die Inszenierung die Aufmerksamkeit, gerade weil auch die Rotlichtszenen mit einiger Spielfreude ausgearbeitet werden. Dann kommt zwar die dick aufgetragene Gewissensansprache. Aber insgesamt funktioniert der dritte Teil doch. Wenn da nur nicht die drei Stunden davor durchzuhalten wären. Drei Fassbinder-Filme an einem Abend sind einfach eine Überdosis.

5., 8., 11., 17., 20., 22., 27.10., 1., 6.11., 13., 28.12., Tel. 0251/ 5909 100, www. theater-muenster.com

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