Fotos von Linda McCartney in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen

Bewegt und harmonisch zeigt Linda McCartney die Beatles auf der Party zu „Sgt. Pepper“, London (1967). Foto: © Paul McCartney/Fotografin Linda McCartney/Courtesy Sammlung Reichelt und Brockmann

Oberhausen – Linda Eastman traf den richtigen Moment: John Lennon kasperte wieder einmal herum und grüßte Paul McCartney mit einem Handschlag, als sähen sie sich zum ersten Mal. Ein Witz, den der Beatle mehr als nur einmal machte. Aber hier veredelt die Geste das Bandfoto zu einem ikonischen Motiv, das man nicht vergisst.

1967 war das, auf der Party zum Album „Sgt. Pepper‘s Lonely Hearts Club Band“ in London. Die Amerikanerin sollte die Beatles noch öfter fotografieren. Ein Jahr später zeigt sie die Fab Four auf Treppenstufen an der Abbey Road sitzend. Jeder ist mit sich beschäftigt. Es gibt keine Kommunikation unter ihnen. Linda Eastman nannte das Bild: Die vier Fremden.

Heute kennt man die Fotografin als Linda McCartney. Und schnell denkt man, dass sie all den Stars nur so nah kam, weil sie mit Paul McCartney verheiratet war. Ein Irrtum, sagt Christine Vogt, die Direktorin der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen. Linda Eastman war eine anerkannte Bildreporterin für Zeitschriften wie den Rolling Stone, Vogue, Time, Life. Sie war 1968 die erste Frau, die ein Titelbild für den Rolling Stone lieferte, eine Aufnahme von Eric Clapton.

Das vielseitige Schaffen Linda McCartneys kann man von Sonntag an in Oberhausen kennen lernen, in der Ausstellung „Linda McCartney – Fotografin unter Musikern“. Mit rund 150 Fotos sowie rund 50 weiteren Exponaten wie Plattencovern, Büchern, Kameras kommt die Künstlerin zur Geltung.

Linda McCartney, geboren 1941 in New York als Tochter eines wohlhabenden Anwalts, hatte schon im Elternhaus viel Kontakt mit Kultur. Der Maler Willem de Kooning war ein Freund der Familie. Ein Studium der Kunstgeschichte brach sie früh ab. Ihre erste Ehe wurde früh geschieden. Als alleinerziehende Mutter brauchte sie einen Beruf, zunächst im Büro der Zeitung „Town and Country“. Hier sah sie 1966 eine Einladung der Rolling Stones zur Präsentation ihres neuen Albums. Das Management hatte das Event auf eine Luxusyacht verlegt, auf der aber keine Fotografen zugelassen waren. Eine Frau aus dem Management ließ aber Linda Eastman an Deck. Mit einer exklusiven Bildstrecke, die die jugendliche Energie der Musiker kongenial festhielt, begann die Karriere der Promi-Fotografin.

Und sie endete, als sie1969 McCartney heiratete. Da war sie dann selbst zu prominent für den Job. So lautet zumindest die offizielle Version. Vielleicht war aber auch die Rollenverteilung in der Familie McCartney eher klassisch: Der Mann arbeitet, die Frau kümmerte sich um die Kinder. Die gemeinsame Tochter Mary kam im gleichen Jahr zur Welt. Stella (1971) und James (1977) folgten. Linda fotografierte weiter – privat. Aber sie versuchte sich auf anderen Feldern, stieg nach der Auflösung der Beatles in McCartneys Band ein. Und sie engagierte sich für vegetarische Ernährung. In einer Vitrine sieht man einige Kochbücher und ein Foto, auf dem sie für ihren Veggie-Burger wirbt. 1998 starb sie an Brustkrebs.

Bei der Ausstellung stehen natürlich die Rock-Stars der späten 1960er Jahre im Fokus. Linda Eastman hatte ja praktisch alle vor der Kamera, die Rang und Namen hatten. Und obwohl sie Autodidaktin war, gelangen ihr eine ganze Reihe von Aufnahmen, die bis heute unerreicht sind. Das beginnt mit dem auf der Bank hingelümmelten, präpotenten Rolling-Stones-Gitarristen Brian Jones. Sie fotografierte immer wieder auch Jimi Hendrix und seine Band, dabei gelang ihr beim Rheingold-Festival in New York eine hinreißende Aufnahme: Der Gitarrist wird durch das Spotlight aus dem Schwarz geholt, sein linker Arm und der Gitarrenhals stehen fast parallel. Die Dynamik des Auftritts ist grandios eingefangen. Großartig auch ein Konzertbild von B.B. King, das gerade durch die Bewegungsunschärfe die Energie des Moments einfängt.

Ähnlich intensiv setzte sie sich mit Janis Joplin auseinander. Eine Farbaufnahme aus dem Fillmore East von 1967 zeigt die Bluessängerin mit geschlossenen Augen am Mikrophon.

Linda Eastman machte oft ungewöhnliche Bilder, nicht nur in Konzerten. Sie zeigt Brian Wilson, Sänger der Beach Boys, wie er gähnt. Stephen Stills fotografiert sie mit einem brennenden Streichholz, vielleicht eine Reminiszenz an die Hell-Dunkel-Malerei von Barockmalern wie Caravaggio und Georges de la Tour. Auch ein Bild der „Who“ (1967) wirkt wie von kunstgeschichtlichen Anspielungen durchtränkt: Jeder der vier Musiker hat eine andere Gemütszustand, vom lachenden Sänger Roger Daltrey über den versonnenen Pete Townshend, den robusten Bassmann John Entwistle und den entspannten Schlagzeuger Keith Moon. Es ist wie eine Rockversion der vier Temperamente.

Bei Eastman wirken die Stars locker, berührbar. Das liegt auch daran, dass die Bilder oft zu einer Zeit entstanden, als die Künstler noch nicht weltberühmt waren. Auf einem Porträt von 1967 sieht Townshend aus wie ein Student, ein Hobbymusiker, wie er mit Gitarre unter einem Poster der Marx-Brothers sitzt. Die Yardbirds nimmt sie im selben Jahr auf der Straße auf, junge langhaarige Rebellen, denen eine ältere Dame gerade grimmig ausweicht, und die Musiker sehen ihr nach, fast ist sie die Hauptdarstellerin dieses Bildes. Mama Cass Elliot und John Phillips von The Mamas and the Papas fotografiert sie beim Essen, während im Hintergrund der Fernseher läuft. Die große Soulsängerin Aretha Franklin posierte 1968 als Model mit Perücke und einem extravaganten Kleid. Eastman hatte aber mitbekommen, dass sie nach einem Streit mit ihrem Mann im Hotel in Tränen ausgebrochen war. Die Verletzlichkeit sieht man dem Foto an.

Natürlich sieht man viele Fotos von den Beatles, im Studio, eine Art Making off des berühmten Fotos vom Zebrastreifen der Abbey Road, in privaten Momenten. Und immer wieder Paul – gleich in einer Serie mit der ganz jungen Tochter Mary. Auch nachdem sie aufhörte, Musiker zu porträtieren, fotografierte sie weiter. Sie betrieb Street Photography, machte Schnappschüsse aus dem fahrenden Auto: Einen Mann in einem offenen, überquellenden Müllcontainer. Einen Jogger in Badehose. Einen älteren Mann nimmt sie vor einer Ladenzeile auf und nennt das seltsam melancholische Bild „Fear crawled“ (1973).

Dann wieder lichtet sie geschlachtete und gerupfte Hühner in einer Fleischerei ab, das Bild von 1981 ist betitelt: „Go veggie“.

Sie experimentiert, zum Beispiel mit Mehrfachbelichtungen in „Ace hi“ (1972), was geisterhafte Szenen ergibt, die vielleicht die Wahrnehmung unter Drogeneinfluss reflektiert. Und sie setzt alte Fototechniken ein zum Beispiel in den Sun Prints, Drucken, die nicht mit Chemie im Labor entstanden, sondern unter Sonnenlicht mit Mineralien. Diese Art, Abzüge herzustellen, sei ein wenig wie Kuchen backen, sagte sie dazu. Die entsprechenden Aufnahmen sind manchmal blau getönt, und sie wählt für die Abzüge surrealistische Motive wie das Porträt eines maskierten Jungen oder das Bild eins mit Puppen behängten Baums.

Eröffnung Samstag, 19 Uhr, 19.1.–3.5., di – so 11 – 18 Uhr, Tel. 0208/ 412 49 28, www.ludwiggalerie.de, Booklet 5 Euro

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