Fatih Akins Film „Der Goldene Handschuh“ im Wettbewerb der Berlinale

Jonas Dassler als Fritz Honka in Fatih Akins Film „Der Goldene Handschuh“ , der bei der Berlinale läuft. Foto: Timpen/bombero/Berlinale/dpa

Berlin – Fritz Honka beugt sich über die tote Frau. Er setzt die Säge am Hals an. Das Geräusch, das der Fuchsschwanz macht, ist zu hören. Blut fließt auf die blaue Plastikplane. Aber das Splatterbild mit reißenden Arterien und Fleischbatzen gibt es in Fatih Akins Film nicht zu sehen.

Der Regisseur zeigt in seinem Gewaltdrama „Der Goldene Handschuh“ die Mordgeschichten eines Serienkillers, der ab 1970 Frauen in seine Mansardenwohnung lockte, sich an ihnen verging, sie erschlug, erdrosselte und ihre Leichen zerstückelte. Dazu sind Perlen der Schlagerkultur zu hören: „Es geht eine Träne auf Reisen“ singt Adamo. Akin kultiviert einen schwarzen Humor, wie es ihn im deutschen Kino noch nicht gab.

Fatih Akin, der 2004 den Goldenen Bären für sein Drama „Gegen die Wand“ gewann, ist wieder im Wettbewerb der Berlinale. Der Filmemacher aus Hamburg konzentriert sich auf eine Schauergestalt seiner Kindheit und auf das Kiezmilieu im St. Pauli der 70er Jahre. Ihn habe man mit „Honka“ noch geängstigt, erzählt der Filmemacher: „Pass auf, sonst kommt der Honka!“

„Der Goldene Handschuh“ setzt gleich mit dem Unbehagen ein, das jeder hat, der den Kriminalfall kennt. Eine Frauenleiche unterm Dach. Überquellende Ascher, leere Flaschen, Aktbilder, Tischdeckchen, Puppen – die Abstellkammer einer Randexistenz. Kleine Küche, zwei Zimmer mit Siffloch (Toilette) auf dem Flur. Bevor Fatih Akin brutale Details ausbreitet, ist zu spüren, wie wichtig ihm diese Milieustudien sind: Inhumaner Nachkriegsmief. Wer lässt hier was zu?

In der Verfilmung nach Heinz Strunks Roman geht es auch Akin um den Menschen hinter dem Täter. Das wird bipolar erzählt. Die Kamera von Rainer Klausmann hält lange auf Jonas Dassler, der Honka wie einen Wiedergänger Quasimodos anlegt und mit Buckel humpeln lässt. Für das schielende Auge gab es eine künstliche Linse, die gebrochene Nase hat den Maskenbildner Stunden gekostet und den irren Blick haut Dassler raus, wie er gerade gebraucht wird: gierig, gefühlskalt, hasserfüllt. Eine großartige Schauspielleistung, zum Fürchten.

Er lässt einen für Momente die Hilflosigkeit des Mörders spüren, der sein animalisches Wesen nicht bändigen kann. Er erbricht sich beim Leichenzerteilen, er gerät in Wut, wenn er beim Sex versagt und bekommt im „Goldenen Handschuh“ von Frauen zu hören: „Den würde ich nicht mal anpissen, wenn er brennt.“ Ein Stigma.

Und das ist auch der Humor, der in der Kiezspelunke die Atmosphäre verdichtet – neben Rauch und Unmengen Schnaps. Hark Bohm spielt den Dornkaat-Max, der sich in der Männerriege auf die Kurzen spezialisiert hat. Akin macht auch klar, dass Alkoholiker, Ex-Offiziere und Traumatisierte kein Problem haben, wenn alte Frauen sich „nicht mehr blicken lassen“. Lange sind hier Honkas Opfer im Suff zu bestaunen. Wie Martina Eitner-Acheampong ihren massigen Körper als Ex-Hure Frida abfilmen lässt und später einen Todeskampf abliefert, wie Margarete Tiesel die Gerda stoisch hinstellt, die gedemütigt, geschlagen und missbraucht wird – das ist nichts für Zartbesaitete, aber sehr glaubwürdig. Heintje singt aus der Jukebox „Du sollst nicht weinen“. Aber genau das machen alle im „Goldenen Handschuh“. Sie sind Verlorene.

Akin rutscht aus den Milieustudien ins Horrorfach, sobald Honka die Mansarde erreicht: Schere, Messer und Flaschen sind auf ihrem Platz. Dass die verschnürten Leichenteile unterm Dach stinken, hängt er der griechischen Gastarbeiterfamilie an („Hammelfleisch“).

Ein bisschen Hoffnung kommt auf, als der Handlanger nach einem Unfall ein anderes Leben beginnen will – als Nachtwächter. Es ist sogar rührend, wenn Honka mit Papiertüchern helfen will, während ihm vom gescheiterten Leben gebeichtet wird. Als er wieder zur Flasche greift, wird das Monster in ihm wach. Nur ein Zufall bringt Honkas Leichenteile ans Licht. Ein Schaudern bleibt. Der US-Verleih Warner Bros. startet den „Goldenen Handschuh“ am 21. Februar.

Im Wettbewerb wurden am Wochenende Filme präsentiert, die einzelne Figuren in ihren Lebenwelten zeigen. „Der Boden unter den Füßen“ (Österreich) zeigt, wie eine Unternehmensberaterin (Pia Hierzegger) unter den selbstgewählten Zielen leidet. Ihre Vorgesetzte (Marvie Hörbiger) will Sex, ihre psychisch erkrankte Schwester mehr Fürsorge. Regisseurin Marie Kreutzer lässt die Hauptdarstellerin zweifeln, kämpfen und am Ende verzweifeln. Nicht alles ist zu organisieren, zu garantieren, vor allem ein glückliches Leben nicht. Viel Aufwand für eine 108 Minuten lange Lehrstunde.

Zu lang gerät auch Hans Peter Mollands Film „Pferde stehlen“ (Norwegen, Schweden). Schauspielstar Stellan Skarsgard („Breaking the Waves“, „Mamma Mia: Here We Go Again“) spielt einen alten Mann, der zurück nach Norwegen gezogen ist und Erinnerungen an seine Kindheit zu lässt. Wie kam es zu dem tötlichen Unfall in der Nachbarschaft? Warum war er neidisch auf seinen Vater, der ein Verhältnis mit der Mutter des Opfers einging? Regisseur Moland zeigt Skarsgards Gesicht als Gedankenlandschaft und Äquivalent zu Naturbildern.

Immer finden sich auch historische Stoffe im Wettbewerb um den Goldenen Bären. „Mr. Jones“ von Agniezka Holland, eine verdienstvolle Kooproduktion (Polen, Großbritanien, Ukraine), stellt einen Journalisten ins Zentrum: den Waliser Gareth Jones. Wie er dahinterkommt, dass Stalins Modernisierung vor allem in der Ukraine Millionen Menschen den Hungertod bringt, hat die Regisseurin als eine Art Agenten-Thriller angelegt. James Norton spielt den jungen Mann, der eine Kollegin (Vanessa Kirby) in Moskau beeindruckt. Mit ihrer Hilfe fährt er in die Ukraine, wo einst seine Mutter unterrichtete, und steht vor hungernden Menschen, Erfrorenen und Kindern, die ihren Bruder verspeisen. Eine menschliche Katatstrophe, die politisch auch von der New York Times kaschiert wurde. Peter Sarsgaard spielt den US-Kontrahenten von Mr. Jones, als kühlen Karrieristen. Er will verhindern, dass das Verhältnis der USA zur jungen UdSSR belastet wird. Vor allem auf britischer Seite werden selbstgefällige Herren als politische Führer vorgeführt, die später gegenüber Hitler mit ihrer Appeasement-Politik versagten. Der Film „Mr. Jones“ ist eine Hommage an investigativen Journalismus. Letztlich druckte der US-Mediengigant William R. Hearst die Story von Mr. Jones in seinen Blätter aber nur, um der New York Times eins auszuwischen.

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