Fabian Gerhardt inszeniert Remarques „Arc de Triomphe“ in Bochum

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Da wird die Hotelbar zur Zuflucht: Szene aus „Arc de Triomphe“ in Bochum mit Dennis Herrmann und Kristina Peters.

BOCHUM - Sie wohnen gleich in der Lounge eines Hotels, Unbehauste, nur auf der Durchreise. Und hinter ihnen legt ein Live-DJ auf, mal swingende Schlager mit einem Weltmusik-Einschlag, mal melancholischer Trompetenjazz, wie ein Echo von Miles Davis’ Soundtrack zum Film-Noir-Klassiker „Fahrstuhl zum Schafott“. Hierher hat es den Chirurgen Ravic verschlagen, der vor den Nazis nach Paris floh und nun als Illegaler lebt, stets in Sorge, erwischt und abgeschoben zu werden. Er hat gerade die Schauspielerin Joan von der Straße aufgelesen, die vielleicht kurz davor war, aus Verzweiflung in die Seine zu springen.

Erich Maria Remarques 1945 erschienener Roman „Arc de Triomphe“ handelt von der Not von Flüchtlingen, als damit Deutsche gemeint waren. Das trug bestimmt dazu bei, dass nun eine Bühnenversion im Schauspielhaus Bochum zu sehen ist. Regisseur Fabian Gerhardt schuf mit dem Autor Stefan Wipplinger die Theaterfassung. In etwas mehr als drei Stunden entfaltet die Inszenierung die komplexe Erzählung. Einerseits geht es um die verrückte, aussichtslose Liebe zwischen Ravic und Joan. Andererseits geht es um eine Rache: Ravic sieht auf der Straße den KZ-Schergen Haake wieder, den Mann, der ihn einst folterte und seine Geliebte in den Selbstmord trieb. Obwohl Ravic durch eine auffällige Narbe im Gesicht entstellt ist, erkennt Haake sein einstiges Opfer nicht.

Fabian Gerhardt verdichtet das Geschehen zu einer schnellen Szenenfolge. Die atmosphärische Bühne von Christian Wiehle zeigt den Nachtclub mit vielen Tischen voller Gläser und Flaschen. Die Betäubung für schmerzende Erinnerungen ist nah. Verschiebbare Glaskästen werden mal zu Türöffnungen in den nächtlichen Nebel, zur Folterkammer im KZ, dann wieder zu Ausgängen aus dem Operationssaal. Ravic, ein brillanter Chirurg, darf nicht arbeiten, weil sein Abschluss nicht anerkannt wird. Einheimische Mediziner nutzen das aus und lassen ihn für sich operieren – meistens muss er das Leben von Frauen retten, die bei einer Kurpfuscherin abtreiben ließen. Krankenschwester Eugénie macht aus ihrer Ausländerfeindlichkeit keinen Hehl. Und als einer der Ärzte Ravic verrät, verhört ein Beamter den Flüchtling, und die Töne klingen erstaunlich aktuell.

In den Kammerspielen ist das überzeugendes Erzähltheater mit einem stilsicheren Ensemble. Anfangs leistet sich die Regie noch einige Wackler im Stil, zum Beispiel als Ravic Joan aus dem Hotel hilft. Dass der Wirt von Matthias Eberle als Gnom (auf den Knien rutschend) und im Louis-de-Funès-Stil dauerquatschend zur Lachnummer gemacht wird ebenso wie später die spanischen Faschisten mit angeklebtem Dalí-Bart, bringt zwar Lacher, bricht aber unnötigerweise mit dem eigentlich vorherrschenden melancholischen Grundton. Diese aufgesetzte Komik fährt Gerhardt zunehmend herunter und findet zu einem guten Erzählfluss.

Dennis Herrmann verkörpert den Geflüchteten, den einerseits die Zeiten hart machten, der andererseits aber vom Erlittenen traumatisiert ist. Dass da einer seine Gefühlslast unter Coolness verbirgt, nimmt man ihm jederzeit ab. Kristina Peters ist die flirrende, schwer greifbare Remarque-Heldin, die ähnlich paradoxe Emotionen austrägt, ein bisschen Femme Fatale, ein bisschen verlorenes Mädchen. Bernd Rademacher spielt Ravics undurchsichtigen, aber doch loyalen Freund Morosow. Jürgen Hartmann gibt dem fiesen NS-Schergen eine besonders eklige Portion Jovialität mit.

Vier weitere Akteure teilen sich die vielen Nebenrollen, Vernonika Nickl zum Beispiel ist Krankenschwester, Puffmutter und Engelmacherin, Simin Soraya gibt die todkranke, reiche Amerikanerin und die Prostituierte, Günter Alt spielt Ärzte und den Beamten, Matthias Eberle ein halbes Dutzend Randfiguren.

Remarque verfällt zuweilen in einen Kalenderspruchton („Wir leben zuviel in Zimmern“). Die existenzialistisch-heroische Haltung, mit der Ravic sich seinem Schicksal stellt, hat sich auch überlebt. Und doch bietet die Bühne hier eine Geschichtsstunde, aus der sich einiges für heute ableiten lässt. Großer Beifall.

17., 20., 29.3., 4., 19., 27.4.,

Tel. 0234/ 33 33 55 55, www.schauspielhausbochum.de

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