„Everyman“ ist eine Rockoper in Münster

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Jedermann (Paul Kribbe) schwächelt in Münsters Rockoper „Everyman“. Mit Ulrike Knobloch (von links), Fritz Steinbacher, Henrike Jacob, Andy Kuntz (hinten) und Suzanne McLeod.

MÜNSTER Eigentlich ist der „Jedermann“ in Salzburg zuhause. Bei den Festspielen wird Hugo von Hofmannsthals Version vom Sterben eines reichen Mannes seit 1920 gegeben. In Münster heißt er „Everyman“ und geht auf ein anonymes Manuskript aus dem 15. Jahrhundert zurück, dem sich Texter Andy Kuntz verpflichtet sah.

Kuntz hat mit Günther Werno und Stephan Will (Musik) ein Rock Mystery geschrieben, das dem drallen Leben eine moralische Korrektur verpasst. Der Tod tritt auf und lässt dem Jedermann noch ein paar Stunden bis zur Grablegung. Seine späte Reue und Läuterung führt dazu, dass ihm Gott vergibt und er als glücklicher Mann die letzte Reise antritt. Denn niemand ist verloren.

Diese Botschaft wird von Regisseur Johannes Reitmeier im Großen Haus am Theater Münster in einem opulenten Bilderreigen präsentiert. Auf historische Moralitäten hebt die Inszenierung weniger ab, sondern erweitert das Rock Mystery zu einer Rockoper mit revueartigen Bildern. Mittendrin der großkotzige Selbstdarsteller Everyman, der nur als Pars pro toto agiert. Denn der Chor zeigt gleich mit erhobenen Smartphones, das hier jeder gemeint ist: „Wir sind Jedermann.“ Damit die Erinnerung an die sieben Todsünden und das eigene Gewissen nicht allzu enervierend gerät, ist der „Everyman“ in Münster großartig ausgestattet. Unter einer Gitterkuppel tummeln sich Partygäste in rot-orangenen Kostümen (Michael D. Zimmermann), ein ausladender Sockel auf der Drehbühne betont die Symmetrie der Spielarchitektur und zu den überwältigenden Massenszenen kommt auch immer wieder die Compagnie des Tanztheaters Münster hinzu. Jason Franklins Choreografien setzen spürbare Akzente.

Das Partytreiben des geldgierigen Everyman ist eine Schau, und Paul Kribbe bewegt ihn so anzüglich, wie einen Mann in den besten Jahren, der feixt, verlacht und nur sich selbst gelten lässt. Die Idiotie seines Vergnügens nimmt in Münster Formen einer abendfüllenden TV-Show an. Erst der böse Hauch des Todes lässt die Stimmung kippen. Es ist ein Auftritt für sich, wie Andy Kuntz im Bühnenzentrum den Tod verkörpert: Nietenhemd, Schnallenstiefel und dunkle Augen. Er kommt im Auftrag Gottes, und der Rocksänger Kuntz gibt der Figur ein Stimmvolumen, das in den Höhen noch jene Kraft entwickelt, die in der Rockszene so geschätzt wird. Seine Band Vanden Plas sitzt auf der Hinterbühne und grundiert das Musiktheater mit gradlinigen Rockarrangements.

Kuntz’ Duette mit Kribbe sind die stärksten Momente. Der Everyman wird von der schwarzen Schwinge umfasst, und ihm bleibt nur noch Zeit bis morgen. Statt Gitarrenriffs sind nun Geigen zu hören. Thorsten Schmid-Kapfenburg, musikalischer Leiter, setzt eine orchestrierte Neufassung für Münster um, die das Opernhafte dieser Inszenierung noch verstärkt. Wie vieldeutig sich die klassischen Passagen mit der Rockmusik reiben, ist überraschend hörenswert.

Unter den Sängern, die meist zwei Rollen übernommen haben, sticht Suzanne McLeod als Mutter und Good Deeds heraus. Hermann Bedke begeistert als Teufel mit höllischen Brandmahlen und großem Bewegungsradius. Der Chor, einstudiert von Inna Batyuk, ist variabel und szenisch sehr präsent.

Das Publikum feierte die Premiere mit Standing Ovations und nicht enden wollenden Applaus.

28. 1.; 4., 8., 28. 2.; 2., 14. 3., 20., 21. 4.; 29. 5.; Tel. 0251/5909 100; www.theater-muenster.com

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