Essens Museum Folkwang zeigt das Projekt „lettres“

William Kleins Fotografie „Heilige Familie auf dem Motorrad“, 1956.
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William Kleins Fotografie „Heilige Familie auf dem Motorrad“, 1956.

Es sind die Schätze der eigenen Sammlung, die mehr Platz im Museum Folkwang erhalten. Seit 1978 hat das Kunsthaus in Essen eine fotografische Abteilung, die mittlerweile 65 000 Aufnahmen umfasst

Essen – Um dieses Konvolut nicht nur in Archivräumen zu verwahren, sind die Kabinetträume im Untergeschoss wieder eröffnet worden. Thomas Seelig, seit 2018 Leiter der Fotografischen Sammlung, hat eine Ausstellungsfläche aktiviert, die bereits von Ute Eskildsen, Direktorin der Fotografischen Sammlung von 1979 bis 2012, zeitweise genutzt wurde. Anlass für eine aktuelle Präsentation bietet nun der Ankauf eines Kunstprojektes, das im Dialog mit Fotografien der Sammlung ausgestellt wird. Hinter dem Titel „21.lettres.a.la.photographie@ gmx.de steckt eine längerfristige Mailart-Aktion. So hatten Initiatoren, die anonym geblieben sind, über zehn Jahre lang Briefe mit gedruckten Fotos, die unkommentiert in Beziehung gesetzt wurden, an Kunstinstitutionen und Fotokuratoren geschickt. Nur der farbige Stempelaufdruck einer E-Mail-Adresse verwies auf eine Autorenschaft, ohne sie aufzuschlüsseln. Wer steckt hinter den 21 Briefen?

Diese konzeptionelle Initiative wird in Essen als künstlerisches Manifest angesehen und erstmals ausgestellt. Hinter „21.lettres.a.la.photographie@gmx.de“ stehen Fragen um die Bedeutung von Fotografien. Wie einflussreich sind Galerien und Museen für den Foto-Wert? Wie wichtig ist die Autorenschaft, wenn es um die Einschätzung eines Lichtbildes geht? Insgesamt werden in Essen 50 Fotografien ausgestellt.

Die Besucher werden erst einmal mit starken Bildbeispielen von Fotografen empfangen, die Bildwirkung nicht diskutieren, sondern Sujets der Fotografie nutzen, um ihre Aussage, ihren Stil zu setzen. William Kleins Fotografie „Heilige Familie auf dem Motorrad“ von 1956 zeigt drei Menschen vereint und in Abhängigkeit verbunden. Es ist eine grobkörnige Aufnahme. Klein arbeitete zu der Zeit in Rom, wo seine Foto-Methode mehr Anerkennung fand als in seiner Heimatstadt New York. Die US-Verleger wollten die direkten, ungeschönten und auch unscharfen Bilder nicht publizieren. Kleins Social Photography fand dann aber in Rom und Paris Interessenten, wo seine Fotografien letztlich auch verlegt wurden. In Europa startete er später eine große Karriere auch als Film- und Doku-Regisseur.

Von Lotte Errell sind die sechs Bewegungsstudien „Chinese beim Tai Chi im Park“ von 1932 aufgestellt. Die Reisejournalistin, geboren in Münster, fängt das Fremde und Exotische ein, ohne es zu betonen. Ihr ging es um den Ernst und die Absicht des Chinesen, seinen Körper zu trainieren. In einer Zeit, als Entdeckungen in fernen Ländern noch ihre Besonderheit hatten, vermittelt Errell mit den Tai-Chi-Bildern eine Kulturtechnik. Das Lichtbild ist ein Fenster zur Welt.

André Kertész’ Fotoaufnahme zeigt im gleichen Zeitraum die Aufnahme eines „Gehirn“ als Studienobjekt – um 1931. Dabei sind die gleichmäßigen Hirnstrukturen sichtbar, die ein wenig gruselig wirken, weil die Tönung des Gewebes mit seinen Windungen selbst in Schwarz-Weiß noch als grauer Duoton merkwürdig erscheint.

Insgesamt werden 28 Positionen aus der Fotografischen Sammlung präsentiert. Im Untergeschoss des Museum Folkwang sind alle Motive aus den 21 Briefen zu finden. Seit 2009 waren sie systematisch verschickt worden. Meist gingen zwei Motive bei den Adressaten ein, wie mit dem „Lettre #10, 2011“, der ein Tagesbett mit stark gemusterter Decke zeigt und einen Mann, der sich mit dem Ellbogen auf einer Matte abstützt und dem die Augen verbunden sind. Die Bilder erinnern an eine Story-Fotografie, die Motive präsentiert, deren Geschichte verschlüsselt bleibt. Der Fotoautor ist kein Erzähler, die Motive stehen für sich – isoliert. Die Bilder wirken unspezifisch: Tagbett und Mann. Es gibt keine erklärte, keine offensichtliche Verbindung.

Die Fotos zum Kunstprojekt „21.lettres.a.la.photographie@gmx. de“ wirken in ihrer programmatischen Absicht hermetisch, mal vereinzelt und auch skurril. Wie das Brathähnchen aus „Lettre #13, 2012“, das vor einem weißen Hintergrund zum Objekt stilisiert ist. Seines Kontextes als Nahrungsmittel beraubt, ist das gegrillte Fleisch nur noch Form und Masse. Fotografie legt mit der visuellen Reduktion folglich eine andere Bewertung des Brathähnchens nahe – als Objekt. Die Fotografie verschließt sich der Aufgabe, das Lebensmittel zu bewerben.

Was macht eine Fotografie wirklich sichtbar? Ähnliche Fragen stellen die Autoren der Briefsendung mit ihren Fotografien. Ausgestellt wirken die Bilder oft spröde. Ein Gänseblümchen reckt sich aus einem Feld (Juli 2014), eine weibliche Vulva ist frontal abgelichtet und zusätzlich mit einem motivlosen Blatt daneben zu sehen (Oktober 2013). Fehlt hier ein männliches Pendant? Oder wird eine Forderung nach mehr weiblichen Themen gestellt, die nicht vom männlichen Blick dominiert werden? Oder liegt ein Vergleich mit Gustave Courbets naturalistischem Gemälde vom „Ursprung der Welt“ (1866) nahe, das den Intimbereich einer Frau zeigt? Im musealen Kontext wäre das durchaus ein verständlicher Ansatz. Die Bilder aus den Briefsendungen gehen im „Dialog“ mit den Sammlungsfotos – so die Strategie der Ausstellungsmacher in Essen – ein Wechselspiel ein.

Fotografien wie Axel Hüttes „Bralos II“ (1995) mit ihrem großen Format forcieren eine Illusionswelt durch den Blick auf eine Gebirgslandschaft. Es geht um tradierte Wirkmechanismen der Kunst- und Fotogeschichte. Die rauen Betonträger und -pfeiler im Vordergrund rahmen dieses klassische Bildsujet, das vielleicht für Touristen künftig mithilfe einer Apartment- oder Hotelimmobilie erschlossen und letztlich zementiert wird. Hütte gehört zur Düsseldorfer Schule, die Bernd und Hilla Becher begründeten. Seine seriellen Fotografien von Stadtansichten und Landschaften sind menschenleer und in ihrer Aussage dem Objekthaften verpflichtet – oft distanziert und kühl.

Das konzeptuelle Mailart-Projekt hat es in dieser Ausstellungskonkurrenz nicht immer leicht. Das vergleichende Sehen, wie vom Kurator Thomas Seelig empfohlen, büßt nach einer Zeit seinen Reiz ein. Vor allem überzeugt gute Sujet-Fotografie.

Bis 8. November; di-so 10 – 18 Uhr, do/fr bis 20 Uhr; Tel. 0201/ 8845 444; www.museum-folkang.de

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