Essen erinnert an „Aufbruch im Westen“ und Folkwang

Keramische Werkstatt Margarethenhöhe GmbH auf der Zeche Zollverein, Essen 1936. Johannes Leßmann an der Töpferscheibe, zu sehen in der Ausstellung „Aufbruch im Westen. Die Künstlersiedlung Margarethenhöhe“ in Essen. Foto: ruhrmuseum, ruth hallersleben

Essen – Es ist erstaunlich, dass eine Ausstellung Fensterflügel, Türgriffe- wie -klopfer von 1912 und 1921 präsentiert – „Aufbruch im Westen. Die Künstlersiedlung Margarethenhöhe“. Im Ruhr Museum sind die Arbeiten der Künstler weniger auffällig, als das Bemühen, Objekte, die mit dem Siedlungsbau zu tun haben, sichtbar zu machen.

Dazu zählen auch Zeichnungen des Architekten Georg Metzendorf, der die Siedlung in insgesamt 29 Bauabschnitten zwischen 1909 und 1938 in Essen entwickelte. Vom Torbogenhaus ist eine Tuschskizze gehängt und eine aquarellierte Federzeichnung zum „Ersten Entwurf des Brückenkopfes“ (von 1909), ein Art Entré zur Gartenstadt.

In Essen geht es um einen wichtigen Aspekt der Kunstgeschichte des Ruhrgebiets, der als „Aufbruch“ oder „Impuls im Westen“ in die Literatur einging. Höhepunkte dieser Stadtplanung, die Kunst ins urbane Leben integrieren wollte, war die Eröffnung des Museum Folkwang 1925 mit der Folkwang Sammlung, die 1922 aus Hagen erworben wurde. Außerdem war die Umbenennung der Kunstgewerbeschule 1927 in Folkwangschule ein zweiter Schritt, der Industrie-, Handels- und Wirtschaftsstadt mehr Kultur mitzugeben. Noch heute wird in Essen-Werden und auf dem Unesco Weltkulturerbe, dem Gelände der Zeche Zollverein, in der Folkwang-Tradition unterrichtet. Vor dem 1. Weltkrieg ging es darum, Kunst und Handwerk zusammenzuführen, um Vorbehalte zu zerstreuen und den Alltag der Menschen mithilfe der Kunst aufzuwerten.

In Essen war dieser Impuls verortet. 1920 zog der Grafiker Hermann Kätelhön ins Kleine Atelierhaus auf die Margarethenhöhe. Kätelhön lebte seit 1917 in der Stadt und sollte bis 1931 im Atelierhaus wohnen und arbeiten. Er porträtierte die Menschen der Industriestadt – zugewandt und einfühlsam. Die Grafiken „Müder Bergmann“ (1920/25) und „Emil Kirdorf“ (1929) sind ausgestellt. Kirdorf war einer der ersten Manager der Bergwerksgesellschaften an der Ruhr.

Kätelhön hatte in Margarethe Krupp eine Fürsprecherin, die die Wohlfahrtspflege im Krupp Konzern zu ihrer Sache gemacht hatte. Ihre Stiftung von 1906 stellte insgesamt über 100 Hektar Land und eine Millionen Mark bereit, damit eine Gartenstadt realisiert werden konnte. Vorher hatten die Oberbürgermeister Erich Zweigert und ab 1906 Wilhelm Holle die Stadt planerisch geordnet. Schon 1896 leben über 100 000 Menschen in Essen. Mit dem Architekten Ernst Bode als Baudezernenten sollte die Werkbund-Idee ab 1920 das Stadtbild profilieren und Essen zur Metropole des Reviers machen. Gebäude wurden mit künstlerischen Einlassungen aufgewertet.

Georg Metzendorf erhielt 1908 den Auftrag, eine Gartenstadt zu bauen, nachdem er bereits sein „Kleinwohnhaus“ auf der Darmstädter Künstlersiedlung Mathildenhöhe vorgestellt hatte. Zu seinem „variablen Typengrundriss“ zählte eine Ausstattung mit Multifunktionsheizung, WC und Badewanne. Seine Metzendorfmöbel konnten bei Rincklake bestellt werden. Eine Rechnung der Familie Böllert von 1911 ist ausgelegt, ein Schrank aus Eiche mit Vitrinenaufsatz (1912), wie ein Wohnzimmerstuhl mit Sitzgepflecht (1911) sind in der Schau zu sehen. Aus Drechselprofilen konnte jeder Möbel-Käufer wählen.

Aufgrund der Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg wurden Mehrfamilienhäuser auf der Margarethenhöhe gebaut. Ab 1921 kamen Mietwohnungen mit Ateliers hinzu. Später folgten Werk- und großes Atelierhaus. Die neue Keramikwerkstatt leitete Will Lammert von 1924–1927, bevor er vor allem als Bildhauer arbeitete. Die „Kleine Liegende“ (Bronze, 1930) ist eine naturalistische Plastik von Lammert und in Essen zu sehen. Johannes Leßmann übernahm und setzte danach auf serielle Gebrauchskeramik, auch als die Werkstatt auf das Gelände der Zeche Zollverein verlegt wurde, wo sie heute noch existiert und funktioniert.

Die Künstlersiedlung kannte keine Programmatik. Es ging um Wohnmöglichkeiten und die Chance, zusammenzuarbeiten. Elisabeth Treskow kam aus Bochum und mietete zwei Räume (1927–1943). Die Friedenstaube (1940) der Goldschmiedekünstlerin wirkt ganz bedächtig mit ihrem Zweig im Schnabel. Bekannt machte Treskow auch die Meisterschale, die sie für den Deutschen Fußballbund 1949 entwarf. Alfred Renger-Patzsch fotografierte ihre Studenten auf der Werkschule 1949 in Köln, wie sie die Stilelemente formten. Renger-Patzsch selbst kam schon als bekannter Fotograf auf die Margarethenhöhe. Mit dem Historiker Kurt Wilhelm Kästner realisierte er den Bildband „Das Münster in Essen“ (1932) zur Geschichte des Kirchenbaus. Renger-Patzsch, der mit seinen Fotografien der Ruhrlandschaft eine Identität gab, arbeitete im Museum Folkwang und unterrichtete auf der Folkwang Schule, bis 1933 Albert Mankopf die Schule übernahm. Er löste Alfred Fischer ab und forderte regimetreues Verhalten. Der Künstler Kurt Lewy – seit 1925 in Essen – verließ daraufhin die Künstlersiedlung und Deutschland.

Mankopf ist auf einer Fotografie zu sehen, wie er die Einweihung der Skulptur „Die Säerin“ 1934 mit „Sieg Heil!“ bejubelt. Die Künstlersiedlung verlor an Bedeutung und existierte nach den Bombentreffern im 2. Weltkrieg nicht mehr. Renger-Patzsch verlor sein Fotoarchiv 1944 und zog nach Wamel in die Gemeinde Möhnesee.

In der Siedlung gab es nur wenige Künstler, die über den Westen hinaus bekannt wurden. Auf einem Podest im Zentrum der Ausstellung sind ihre Arbeiten zu sehen. Die Plastiken von Joseph Enseling heben sich noch heraus. Malerei bleibt oft konventionell dekorativ wie Gustav Dahlers „Straßenszene in Afrika“ (1942).

Mit einer zeitgleich entstanden Schule der Gestaltung, dem Bauhaus, hat der „Aufbruch im Westen“ nur den Ursprung im Folkwang-Gedanken gemeinsam. Innovativ waren nur wenige der Künstlersiedlung auf der Margarethenhöhe. In Essen werden einige von ihnen in Kabinettschauen vorgestellt.

Bis 5. 1. 2020; täglich 10 – 18 Uhr; Katalog 29,95 Euro; Tel. 0201/ 24681 444; www.ruhrmuseum.de

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