Ernst Ludwig Kirchner als Architekturstudent in Dortmund

Viel Platz für Gemälde und Skulpturen: Das „Schlösschen für einen Kunstliebhaber“ entwarf Ernst Ludwig Kirchner als Architekturstudent um 1904/05. Zu sehen ist die perspektivische Ansicht in Dortmund. Foto: Katalog

Dortmund – Die Menschen, die zum prunkvollen Gebäude gehen, sind elegant gekleidet. In der Tuschzeichnung für die Aufgabe im Architekturstudium hat Ernst Ludwig Kirchner das Publikum charakterisiert, für das ein solches Bauprojekt gedacht sein könnte. Und der Titel spricht, speziell durch den Diminutiv, Bände: „Schlösschen für einen Kunstliebhaber“.

So etwas planten Studenten 1904 oder 1905. Ein privates Museum, in dem auch Feste gefeiert werden konnten. Zu sehen ist das Blatt in der Ausstellung „Ernst Ludwig Kirchner. Vor der Kunst die Architektur“ im Baukunstarchiv NRW in Dortmund.

Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938) ist als Mitgründer der Künstlergruppe „Die Brücke“, als einer der radikalsten Expressionisten heute weltberühmt. Seine Akte in der Ostseelandschaft, seine Großstadtszenen aus Berlin gehören zu den teuersten Bildern auf dem Kunstmarkt. Aber den wenigsten Kunstfreunden ist bewusst, dass der Sohn eines Chemikers aus Aschaffenburg in Dresden Architektur studiert und mit einem Diplom abgeschlossen hat. Die „Brücke“-Mitgründer Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff waren nicht nur seine Freunde, sondern auch seine Kommilitonen.

Kirchners Familie war skeptisch über seinen Berufswunsch Künstler. Er sollte eine solide Ausbildung machen, die sein Auskommen sicherte. Doch obwohl er das Studium nicht ganz freiwillig absolvierte, hat der Künstler die Skizzen, Entwürfe, Zeichnungen dieser Zeit ein Leben lang sorgsam aufgehoben. Er scheint diese Arbeiten doch wertgeschätzt zu haben. Klaus Fehlemann vom Förderverein des Baukunstarchivs NRW hatte von dem Konvolut erfahren, das in der Basler Galerie Henze & Ketterer & Triebold verwahrt wird. Es entstand die Idee einer Ausstellung, die im ehemaligen Museum am Ostwall Premiere hat, anschließend im Zentrum für Baukultur Sachsen in Dresden und im KirchnerHausMuseum Aschaffenburg gezeigt wird.

Die 95 Originalarbeiten, die Kirchner zwischen 1901 und 1905 nach Aufgabenstellungen eines streng organisierten Lehrplans schuf, sind in Dortmund von den Kuratoren Alexandra Apfelbaum und Christos Stremmenos weitgehend chronologisch angeordnet. Am Anfang stehen Arbeiten aus der darstellenden Geometrie und Entwürfe für Ornamente. Später folgen komplexere Aufgaben. So entwarf Kirchner im Sommersemester 1903 im Fach Baukonstruktionslehre Agrargebäude. Eine Skizze thematisiert die Anordnung von Krippen in Militärpferdeställen.

Der Lehrplan in Dresden war zwar verschult, aber Kirchners Lehrer gehörten durchaus zu den eher praktisch ausgerichteten, fortschrittlichen Vertretern ihrer Zunft. Sie waren von der britischen Arts-And-Crafts-Bewegung beeinflusst. Man findet immer wieder eine dekorative Bildsprache, wie sie auf dem Kontinent der Jugendstil prägte. Man schaue nur auf den prachtvoll detailliert ausgearbeiteten Entwurf eines Rauchzimmers, den Kirchner im Wintersemester 1903/04 für Prof. Paul Pfann schuf. Die Dekors der Wandverkleidung könnten auch aus einem Entwurf Henry van de Veldes stammen. Vielseitig war der Arbeitsplan. Da standen Ornamente und eine Heizungsverkleidung ebenso an wie ein Sessel, eine Wanduhr und ein Kronleuchter. Allerdings orientierten sich die Aufgaben am Bedarf eines großbürgerlichen, zahlungskräftigen Publikums, wie schon das „Schlösschen“ ahnen lässt. Mietwohnungen oder Reihenhäuser für Arbeiter findet man nicht unter Kirchners Arbeiten.

Man sieht hier, so erläutert Wolfgang Sonne, wissenschaftlicher Leiter des Baukunstarchivs, exemplarisch, was ein Student um 1900 im Architekturstudium leisten musste. Aufgaben und konzeptueller Hintergrund dieser Entwürfe waren fremdbestimmt, von den Professoren und ihren Vorstellungen.

An manchen Stellen blitzt aber doch schon das eigensinnige Künstlertum hervor. So platziert Kirchner in einen Innenraum mit Liege (WS 1904/05) auf ein Beistelltischchen eine dampfende Teekanne. Immer wieder belebt er Skizzen mit schnellen Staffagefiguren, die seine späteren „Minutenakte“ ahnen lassen.

Und auch wie er mit Farbe umgeht, ist besonders, zum Beispiel bei der Zeichnung einer Bibliothek („Umbau Hetzer“) mit locker geschwungenen Aquarellstrichen in kräftigem Grün. Da setzt er eigene Akzente, die die Lehrplan-Vorgaben kreativ auslegen.

Spurlos blieb das Studium nicht in Kirchners Werk. So malte und bildhauerte er nicht nur, sondern betätigte sich immer wieder als Entwerfer, ja Handwerker. So war in der großen Retrospektive in der Bonner Bundeskunsthalle Bonn 2018/19 ein Bett zu sehen, das Kirchner 1919 für seine Frau geschnitzt hatte. Und ebenso Teppiche, die nach seinen Entwürfen geknüpft wurden.

An jedem der drei Ausstellungsorte wird zudem eine besondere Verbindung herausgestellt. In Dortmund ist das das frühere Museum am Ostwall, das unter der ersten Nachkriegsdirektorin Leonie Reygers mit Expressionismus besonderes Profil gewann. So werden zwischen den architektonischen Entwürfen immer wieder Reproduktionen von Kunstwerken gezeigt, die im Haus einmal ausgestellt waren. Wenn dann noch in einem Gemälde ein Sessel zu sehen ist, der einer Entwurfs skizze des Studenten ähnelt, findet diese Idee zu einer besonderen Pointe.

Als Diplomarbeit plante Kirchner übrigens eine Friedhofsanlage für die „Gräber und Denkmäler hervorragender Personen“. Am 1. Juli erhielt er sein Zeugnis (mit der Note „gut“). Knapp einen Monat vorher hatte er schon mit seinen Studienfreunden die „Brücke“ gegründet. Sein Lebensplan war nicht die Baukunst.

Bis 20.12., di – so 14 – 17, do bis 20 Uhr,

Tel. 0211 / 4967 822, www.baukunstarchiv.nrw

Katalog, Verlag Kettler, Dortmund, 34 Euro

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