Emil Schumachers Materialliebe in Hagen: Bild und Objet Trouvé

Auf Holzlatten gemalt: „Perim I“ (1982) von Emil Schumacher ist eine abstrakte Komposition, zu sehen im Emil-Schumacher-Museum in Hagen. - Foto): VG-Bildkunst Bonn, Emil Schumache

HAGEN - So einen Quast brauchte früher der Tapezierer, um den Kleister auf der Tapetenbahn zu verteilen. Emil Schumacher hat diese riesige Bürste in seinem Werk „Schwarzer Quast“ (1978) zentral auf dem Malgrund fixiert, als ob er einen Schaffensprozess in einem frühen Stadium dokumentieren wollte. Denn auch der Künstler arbeitete mit diesem Werkzeug. Weitere Bilder wie „Studio I“ (1991) und „Pinselbild“ (1978) sind dann spezifischer und nehmen Schwamm, Spachtel, Schaber, Papierreste und eben Pinsel auf.

Solche Objekt- und Materialcollagen des gestisch-abstrakten Malers machen den Hauptteil der Ausstellung „Emil Schumacher – Bild und Objet Trouvé“ in Hagen aus. Am Samstag wird die Schau um 16 Uhr im Emil-Schumacher-Museum eröffnet. Es geht um seine Anordnung von Malerei, Material und Alltag.

Die Ausstellung, die insgesamt 85 Exponate präsentiert, belegt, dass Emil Schumacher (1912–1999) bereits seit den 50er Jahren Fundstücke künstlerisch bewertet hat und eine innovative Intimität zumeist zu Natur-Materialien entwickelte. Nicht immer ist seine Handschrift dann so erkennbar wie in dem Bild „Perim I“ (1982). Auf vier Holzlatten ist sein gestisch-abstraktes Vokabular zu erkennen, dass ein wenig mit fernöstliche Zeichenstrukturen korrespondiert. Vor allem aber sind es seine Tastobjekte, die sich aus neuen Materialien zusammensetzten. Draht und Pappmaché wirken im „Tastobjekt I/1957“ fremd und rätselhaft. Rouven Lotz, wissenschaftlicher Leiter des Hauses, sagt, dass es Schumacher nicht darum ging, Kunst zum Anfassen zu schaffen. Ihm war vielmehr daran gelegen, taktile Objekte aufgrund ihrer haptischen Wirkung zu schaffen. In Hagen sind diese Arbeiten unter Glas zu sehen.

Schumacher wich mit seinen Materialcollagen auch dem Viereck als tradiertem Bildträger aus und erweiterte den pastosen Farbauftrag wie seine informelle Kunst um neue Stoffe und neue Abstraktionen. Fortan sollte er Gegenstände und Materialien immer wieder in seine Malerei integrieren.

Die Ausstellung belegt dieses Charakteristikum im Werk Schumachers mit bislang nicht gezeigten Beispielen, wie der Gouache mit collagieren Nägeln, „G-21/1978“. Das Bild überrascht, weil Schumacher tatsächlich eine gleichmäßige Gitterstruktur skizzierte, um den krummen Nägeln etwas Einzigartiges zu verleihen. Gleichzeitig verschafft er dem Gesamtbild eine animalische Unruhe.

Als in den 1960er Jahren neben dem abstrakten Expressionismus eine neue dominierende Kunstrichtung aufkam, die Pop-Art, war Schumacher irritiert. Den arrivierten Künstler, Professor und documenta-Teilnehmer, der die Figürlichkeit überwunden hatte, überraschte, dass die Produktorientierung und Körperlichkeit dieser Kunst gesellschaftskritische Energie entwickelte. 1967/68 übernahm Schumacher einen Lehrauftrag an der Minneapolis School of Art (USA), wo er zufällig auf ein neues Material stieß: Packpapier, das ihm auf einem Spaziergang entgegen geflogen war. Schumacher überzog das braune Papier mit weißem Acryl und stellte fest, dass der neue Stoff das entdeckte Material festigte. Fortan faltete, schlitzte und knitterte Schumacher das Packpapier und schuf seine „Minnesota Suite“. Die Collage „Cayuna, Minnesota-Suite Nr. 9, 1968“ ist ein farbiges Beispiel für diese wichtige Schaffensphase Schumachers.

Schumacher entwickelte mit der neuen Acryl-Technik und dem Packpapier weitere Wandarbeiten. Acryl war in den 40er Jahren entwickelt, aber erst in den 60er Jahren für die Kunst entdeckt worden. Schumacher verstand, dass seine Arbeit nicht durch die Pop-Art entwertet wurde, sondern zeitgleich existierte. Er holte eben nicht Gegenstände der realen Welt ins Bild wie Pop-Art-Künstler Jasper Johns („Die Flagge“), sondern fand in seiner Kunst neue Bezüge für Alltagsgegenstände. Die Ausstellung in Hagen feiert diese Methode unter dem Titel „Von der Magie und Sinnlichkeit des Materials“. So sind in der Collage „Meon IV“ (1986) vertrocknete Winterbirnen als spielerische Objekte in einer ovalen Form zu sehen. In seinen Bleibildern verbindet er Bleifolie (vom Dachdecker) mit Acrylharz zu archaischen Urformen („B-4, 1970“), die in seiner Kunst immer wieder ein Zielpunkt waren. Leicht und spielerisch wirkt die Fischsilhouette des bemalten Treibholzes („Holzobjekt 1985/20“), herrlich geisterhaft das platzierte Kartoffelkraut in der „Moro“-Reihe 1975, und der Sisalfaden in „G-15/1970“ gibt einer monolithischen Schumacher-Abstraktion ein fieseliges Moment mit. Überraschend sind diese Werke und unterhaltsam.

Die Schau

Über die Materialverwendung wird das bekannte Werk eines großen Abstrakten neu erlebbar und besonders wertgeschätzt.

Emil Schumacher. Bild und Objekt Trouvé im Emil Schumacher Museum Hagen.

Eröffnung Samstag, 16 Uhr;

bis 25. Oktober; di-so 11 – 18 Uhr; Tel. 02331/3060 066; www.esmh.de; Katalog, Kettler-Verlag, Dortmund, 19,90 Euro

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