Das Emil-Schumacher-Museum Hagen zeigt eine Werkschau zu Fritz Winter

Prototypisch für die informelle Malerei: Fritz Winters Gemälde „Sehr aktiv“ (1952/53) ist im Emil-Schumacher-Museum Hagen zu sehen. Fotos: Museum

Hagen – Das Gemälde „sehr aktiv“ (1952/53) verkörpert die Essenz der informellen Nachkriegsmalerei. Die Komposition besteht aus einem Mosaik farbiger Flächen, wobei ein grell leuchtendes Gelb mit matten Partien in abgedämpften Braun- oder Grüntönen kontrastiert. Darüber hat Fritz Winter ein Netz aus schwarzen Linien gespant. Man könnte es auch für Zeichen einer unbekannten Schrift halten. Der Künstler verlieh dem Werk dadurch Tiefe: Der Betrachter unterscheidet unvermittelt Vorder- und Hintergrund. Und obwohl dieses Bild keinen Inhalt hat, kein Thema, keinen Gegenstand, spricht es doch, vermittelt Bewegung und Strahlen.

Zu sehen ist das Gemälde von Sonntag an im Emil-Schumacher-Museum Hagen. Das Haus vermitelt in der Ausstellung „Fritz Winter – Durchbruch zur Farbe“ mit mehr als 90 Werken einen Überblick über Winters Schaffen von den Anfängen bis zum letzten ausgeführten Gemälde. Hauptleihgeber der Ausstellung, einer Koproduktion mit dem Angermuseum in Erfurt, ist das Fritz-Winter-Haus in Ahlen, in dem die Nichte des Künstlers, Helga Gausling, den Nachlass betreut. Die Institute arbeiten schon länger zusammen, zuvor hatte das Museum das Winter-Haus mit Leihgabn für Schumacher-Ausstellungen unterstützt.

Fritz Winter (1905–1976) wurde in Altenbögge als Sohn eines Bergmanns geboren. Eine Karriere als Künstler war sehr unwahrscheinlich. Doch ein Kunstlehrer entdeckte die Begabung und drängte seinen Schüler, sich doch beim Bauhaus zu bewerben. Winter wurde von Paul Klee angenommen.

Die weitgehend chronologisch aufgebaute Ausstellung zeichnet sehr klar nach, wie Winter die Impulse seiner Lehrer aufgriff, wie er auf die Zeit reagierte und wie er seine typische, reife Form der Abstraktion entwickelte. Gerade das frühe Werk vor 1945 ist erfreulich umfassend ausgebreitet. So kann man verfolgen, wie gleich mehrere Bauhaus-Meister jeweils Anstöße für neue Entwicklungen bei Winter gaben.

Das Gemälde „Mädchen in Blumen“ (1928) weist mit der filigranen Struktur aus Linien, die in die Farbe geritzt sind, auf Klee hin. Doch bald schon wechselt Winter zu klaren, reduzierten Kompositionen, wie das Bild „Die Welle“ (1931) vermittelt. Auf schwarzem Grund bilden wenige Farbfelder eine sich von links nach rechts auftürmende Form. Dabei ist auf einem grauen Feld die Farbe besonders pastos aufgetragen, so dass sich fast schon ein Farbrelief ergibt. Immer wieder betont Winter die Stofflichkeit seiner Farben, indem er ihnen Sand oder Gips beimischt. Zeitweise verwendet er geometrische Formen wie in dem Werk „Die Ovale (Komposition in Gelb)“ (1932). Hier werden neue Einflüsse spürbar, in den schlanken Hochformaten „Totem“ und „Große Zeichen“ (1932) wirken die Formen organischer, weicher. Hier könnte Willi Baumeister Anregung gewesen sein. Selbst nach dem Abschluss beim Bauhaus bleiben dessen Spuren in Winters Werk gegenwärtig.

Anfang der 1930er Jahre werden die Bilder dunkler, fast völlig von Braun- und Grautönen bestimmt, wobei oft aus der Tiefe Licht aufscheint. Helligkeit, Leuchten wird zum Thema in Winters Malerei, und er nimmt das auch in die Titel: „Kommendes Licht“ heißt ein Werk von 1933.

Politisch allerdings verdunkelte sich Deutschland. Die Nationalsozialisten beschlagnahmten im Zuge der Aktion „Entartete Kunst“ auch Werke von Winter und verhängten 1937 ein Malverbot. Der Künstler aber indet auf einmal zu einer organischen, expressiven Farbigkeit, die in „Sommer in unserem Garten“ (1938) an Kandinsky erinnert.

Winter wurde zum Kriegsdienst eingezogen, kam an die Ostfront. Dabei schuf er kleine Bleistiftzeichnungen im Postkartenformat, von denen in einem Kabinett Beispiele ausgestellt sind. Ausstellungskurator Rouven Lotz glaubt, dass Winter bei diesen Arbeiten die Farbe immer schon mitdachte. Ein Blatt von 1939 zeigt ein zerschossenes Haus. Spitze, gleichsam zerbrochene Gebilde sind auf den kleinen Blättern zu sehen, die dabei aber abstrakt bleiben.

Wenige Gemälde entstehen in dieser Zeit, aber bei „Zerstörung“ (1944) kann man sich die kleinen Blätter als Keimzellen vorstellen. Spitze Gebilde, wie eingestürzte Mauern, zerbrochene Bäume, sind in dunklen Tönen dargestellt, zwischen denen Rot lodert, die Farbe von Blut und Feuer. Daneben hängt die „Metamorphose“ (1944), ein lichteres, mit Gelb erwärmtes Bild. Hier, besonders in der Serie „Triebkräfte der Erde“, legte Winter den Grundstein für seine Nachkriegskarriere. 1952 erhielt er den Konrad-von Soest-Preis. Er wurde auf eine Professur in Kassel berufen. Er wurde zu den ersten drei documenta-Ausgaben eingeladen.

In der Schau sieht man die grandiosen Gemälde, die zunächst mit der Spannung zwischen leuchtenden Farben und verschlungenen, versponnenen Linien arbeiten. Nicht viele Maler konnten Blau so intensiv strahlen lassen wie Winter in Werken wie „Zwei Figurationen“ (1953). Manchmal nahm Winter auch ein Element ganz zurück, wie in „Vergehende Schrift“ (1961), in dem einige Zeilen in einer unbekannten Schrift auf weißem Grund zu verlaufen scheinen. Dann gewinnen seine Bilder die Farbigkeit zurück, mal in schlierigen Kompositionen wie „Beginnender Sommer“ (1961), später mit klar konturierten Arbeiten wie „Rotes Signal“ (1967).

Eröffnung Sonntag, 11 Uhr (Anmeldung erforderlich).

30.8.–31.1.2021, di – so 12 – 18 Uhr, Tel. 02331/ 207 31 38, www.esmh.de

Katalog, Verlag Kettler, Dortmund, 29,90 Euro

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