Eliot Weinberger schreibt mit kaltem Zorn: „Neulich in Amerika“

US-Präsident Donald Trump macht sich oft Gedanken über sich selbst. So findet er, es sei eine gute Idee, das Monument am Mount Rushmore um ein Porträt von Donald Trump zu erweitern. Foto: dpa

Das Schlimmste, was man gegen den US-Präsidenten unternehmen kann, ist, ihn unverfälscht zu Wort kommen zu lassen. Kaum ein anderer Politiker redet sich so bereitwillig um Kopf und Kragen. Kaum ein anderer stellt seine Selbstverliebtheit so unverfroren und ungehemmt aus. Wer sonst setzte einen Tweet ab wie diesen: „Wie kommt es, dass all die Politikexperten und Berater, die ich so leicht & brutal schlage, Leute, die ihren Kunden Rechnungen stellten, die den Wert ihrer Leistungen überstiegen, so dermaßen ,verstört‘ sind, wenn es um euren Lieblingspräsidenten geht, mich. Diese Leute sind vollkommen verrückt!“

Das Schlimmste, was man gegen den US-Präsidenten unternehmen kann, ist, ihn unverfälscht zu Wort kommen zu lassen. Kaum ein anderer Politiker redet sich so bereitwillig um Kopf und Kragen. Kaum ein anderer stellt seine Selbstverliebtheit so unverfroren und ungehemmt aus. Wer sonst setzte einen Tweet ab wie diesen: „Wie kommt es, dass all die Politikexperten und Berater, die ich so leicht & brutal schlage, Leute, die ihren Kunden Rechnungen stellten, die den Wert ihrer Leistungen überstiegen, so dermaßen ,verstört‘ sind, wenn es um euren Lieblingspräsidenten geht, mich. Diese Leute sind vollkommen verrückt!“

Der amerikanische Schriftsteller Eliot Weinberger stellt diesem Zitat nur die Schlagzeile der New York Times voran, die die höchste Arbeitslosigkeit seit der Weltwirtschaftskrise verkündet. Aber dem US-Präsident ist eben etwas anderes wichtig.

Eliot Weinberger, geboren 1949 in New York, ist einer der faszinierendsten Meister des Essays. In vielen Büchern kompiliert er Funde aus den verschiedensten, zum Teil entlegensten Wissensgebieten zu berückend schönen Texten, die unseren Blick auf die Welt erweitern und verändern können. Aber er äußert sich nicht nur über mittelalterliche Heilige, griechische Philosophen, chinesische Kaiser und das Nashorn. Er ist eben auch ein scharfsichtiger Beobachter der Politik. In dem Band „Neulich in Amerika“ sind zehn Essays versammelt, in denen Weinberger sich mit zwei US-Präsidenten auseinandersetzt: George W. Bush und eben Donald Trump.

Weinberger ist kein Enthüllungsjournalist, keiner, der schmutzige Anekdoten ausplaudert, die er als Insider irgendwo aufgeschnappt hätte. Genau das macht seine Texte so erschütternd: Man muss nicht nachts im Oval Office dem Präsidenten beim Burger-Verzehr zuschauen, um Bescheid zu wissen. Es liegt alles an der Oberfläche. Jeder kann es wissen, der Zeitung liest und die Aktivitäten auf Twitter beobachtet. Weinberger rechnet im aktuellsten Text, der im Mai entstand, mitten in der Corona-Pandemie, einmal nach: „Innerhalb von 24 Stunden verschickt er über hundert Tweets und Retweets, wobei Lesen und Schreiben derselben eindeutig den Großteil seiner Zeit in Anspruch genommen haben dürfte.“ Weinberger montiert mit stoischer Nüchternheit, was in den traditionellen und digitalen Medien frei zugänglich ist. Es fügt sich zusammen zu einer vernichtenden Bestandsaufnahme. Gab es je einen unfähigeren Machthaber im Weißen Haus? Einen, der von sich prahlt: „Mein IQ ist einer der höchsten – und ihr alle wisst es!“ Den am verregneten Nationalfeiertag vor allem das interessiert: „Man hat an dem Tag gesehen, dass meine Haare echt sind...“ Der unbedingt klarstellen muss: „Meine Finger sind lang und schön, genau wie, das wurde vielfach dokumentiert, andere Teile meines Körpers.“ Diese Zeugnisse einer Ich-Fixierung sind schon ohne jeden Kommentar komisch. Manchmal werden dabei Fake News schon auf der nächsten Seite entlarvt, zum Beispiel wenn die Prostituierte Stormy Daniels, der Trumps Mitarbeiter Schweigegeld zahlten, zitiert wird: „Obwohl Trump … mit der Größe seines Glieds geprahlt hatte, weist Daniels dies anhand ihrer beruflichen Expertise zurück.“

Aber Weinberger beschreibt eben nicht nur die menschliche Schwäche des Präsidenten. Er zeichnet ein Bild einer Nation, die eine furchterregende Machtstruktur beherrscht: „der militärisch-industrielle-christlich-fundamentalistische Komplex“. Der Autor arbeitet auf, wie Umweltschutzregelungen abgeschafft oder doch abgeschwächt werden, und Sozialregelungen, Bildungseinrichtungen, moralische Grundsätze. Er notiert Fälle, in denen Mitarbeiter der Regierung persönlich profitieren.

Wer nun glaubt, dass die Verhältnisse erst unter Trump so katastrophal wurden, der lese Weinbergers Chronik der Jahre unter Bush junior, von dem es heißt, seine „Unwissenheit in allen Dingen des Regierens und der Welt“ sei umfassend. Schon damals ging es darum, fortschrittliche Gesetze der Vorgängerregierung zurückzunehmen oder doch auszuhebeln.

„Die Republikaner: ein Prosagedicht“ ist eine Abfolge von Thesen: „Pete Coors, Senatskandidat aus Colorado, ist Republikaner. Der Erbe des Vermögens von Coors Beer hat erklärt, falls er gewählt würde, werde sein Hauptanliegen sein, das Mindestalter für Alkoholkonsum zu senken.“ Da formt sich mosaikartig das Bild einer geistig korrupten, ideologisch gesteuerten, zuweilen geistig beschränkten und widersprüchlichen politischen Klasse. Das schließt einen absurden Humor ein. So weist Weinberger auf den republikanischen Präsidentschaftskandidaten Ben Carson hin, der glaubt, der Satan sei in Charles Darwin eingefahren und habe ihm persönlich die Evolutionstheorie eingeflüstert, um die Menschheit zu verderben.

Weinberger zeigt in seinen raffinierten Textmontagen, dass Trump kein Ausrutscher ist, sondern sich perfekt einfügt in den Mainstream seiner Partei. „Neulich in Amerika“ ist eine über Jahrzehnte hinweg entstandene Chronik des Landes. Man spürt den Zorn hinter diesen akribischen Listen. Aber Weinberger schreibt nüchtern. Und sein Gegenprogramm steckt in der Einleitung, einer Reihe von Zitaten aus dem mehr als 2000 Jahre alten Huainanzi, einer Staatsschrift, die der chinesische König Liu An erstellen ließ. Da heißt es zum Beispiel: „Der Herrscher sollte Schwierigkeiten erwägen, bevor sie auftreten, sich gegen Unheil wappnen, bevor es eintrifft, sich vor Verfehlungen hüten, auf Kleinigkeiten achtgeben und Gelüsten nicht freien Lauf lassen. Er sollte aufrecht sein und unbeirrbar, rein und unverdorben, bewandert sowohl in zivilen als auch in militärischen Dingen. Er sollte sich gebührlich verhalten. … Er sollte in Stille leben und ausgeglichen sein.“ Fällt irgendjemandem bei dieser Beschreibung Donald Trump ein?

Eliot Weinberger: Neulich in Amerika. Deutsch von Beatrice Faßbender, Eike Schönfeld und Peter Torberg.

Berenberg Verlag, Berlin. 269 S., 16 Euro

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare