Eine Entdeckung im MAS Antwerpen: Die Barockmalerin Michaelina Wautier

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Die Künstlerin malte sich selbst in die antike Szene: Michaelina Wautiers „Bacchanal“ ist in Antwerpen zu sehen.

ANTWERPEN - Dieser „Triumphzug des Bacchus“ überrascht in vieler Hinsicht. Das Motiv aus der antiken Mythologie hat viele Barockmaler angeregt, aber Michaelina Wautier fand erstaunliche Lösungen für das Motiv. Bei ihr ruht der Gott des Weines auf einer schlichten Karre, die ein graubärtiger Faun schiebt. Verglichen mit Darstellungen von Rubens und Cornelis de Vos wirkt Bacchus hier recht athletisch. Aber am meisten verblüfft die halbnackte Frau am rechten Bildrand. Die Künstlerin selbst setzte sich hier ins Bild.

Eigentlich hätte das 1659 entstandene monumentale Gemälde mit lebensgroßen Figuren das Zeug zum Skandal. Wer hätte erwartet, dass eine Frau im 17. Jahrhundert nackte Männer jedes Alters kenntnisreich und detailliert darstellt, in einer Szenerie, die geprägt ist von Sexualität und Rausch, und sich auch noch selbstbewusst in die Szene stellt, als einzige Figur, die den Blickkontakt zum Betrachter sucht? Aber nichts davon. Michaelina Wautier schuf das Bild sogar für einen hochgestellten Auftraggeber, für Erzherzog Leopold Wilhelm, den Statthalter der spanischen Niederlande, einen bedeutenden Kunstmäzen. Mit seiner Sammlung kam das Werk ins Kunsthistorische Museum in Wien.

Zur Zeit allerdings ist es im Museum aan de Strom (MAS) in Antwerpen zu sehen. Der Kunsthistorikerin Katlijne Van der Stighelen fiel das Bild vor vielen Jahren auf. Und die Künstlerin ließ sie nicht los. In aufwendiger Forschungsarbeit macht sie nun eine der raren Künstlerinnen des Barock erstmals für die Öffentlichkeit erkennbar. Und die in Kooperation mit dem Antwerpener Rubenshuis erarbeitete Ausstellung „Michaelina. Baroque‘s Leading Lady“ zeigt, dass die Malerin sich allemal neben ihren männlichen Kollegen behauptet.

Selbst Fachleute kennen nur wenige Künstlerinnen aus dem 17. Jahrhundert. Am bekanntesten ist wohl die italienische Malerin Artemisia Gentileschi, daneben gibt es noch die Niederländerin Judith Leyster und die auf Stillleben spezialisierte Flämin Clara Peeters.

Mit Michaelina Wautier (1604–1689) betritt nun eine neue Meisterin die Szene. In der Antwerpener Ausstellung, der ersten überhaupt, sieht man von den 26 bekannten Werken 17. Und Michaelina begnügte sich nicht mit kleinen Formaten oder mit den auf dem Markt nicht so geschätzten Stillleben. Sie beherrschte alle Genres, porträtierte Feldherren der spanischen Armee, schuf aufregende Heiligenbilder und großformatige Historienszenen.

Über das Leben dieser Ausnahmefrau ist leider wenig bekannt, Katlijne Van der Stighelen hofft, irgendwann einmal Briefe der Künstlerin zu finden. Sie wurde in Mons geboren, in eine wohlhabende Familie, und sie lebte mit ihrem Bruder Charles in Brüssel. Verheiratet war sie offenbar nicht, so behielt sie ihre Unabhängigkeit. Vermutlich hat sie in Charles‘ Atelier auch die Möglichkeit gehabt, männliche Akte zu studieren und sich in den malerischen Techniken zu schulen.

Einige Werke kamen in große Museen, auch das Koninklijk Museum voor Schone Kunsten in Antwerpen und das in Brüssel steuerten Leihgaben bei, wie das Porträt eine spanischen Offiziers und das Bildnis zweier Mädchen als Sant Agnes und Sankt Dorothea. Aber die meisten Bilder spürte die Kuratorin in Privatbesitz auf, wie das eindringliche Selbstporträt, in dem sich Michaelina überaus selbstbewusst mit Pinsel und Palette vor der Staffelei darstellt. Ein echter Fund war auch ein weiteres Großformat, die „mystische Hochzeit der Heiligen Katharina“ (1649): Das Bild war im Seminar Notre-Dame von Namur eingelagert, völlig verschmutzt und in einem schlechten Zustand. Inzwischen wurde es aufwendig restauriert und gereinigt und gehört zu den Prunkstücken der Ausstellung. Man kann hier auch studieren, wie originell und souverän Michaelina Wautier mit der Ikonografie umging. Am rechten Rand des Bildes sieht man Johannes den Täufer mit einem Lamm, klassischerweise ein Attribut des Heiligen. Er berührt das Tier mit seiner Rechten und weist mit seiner linken Hand auf eine Heilige hinter Maria und dem Kind. So wird das Lamm auch mit der Frau in Verbindung gebracht, die damit als Heilige Agnes gekennzeichnet wird.

Sie beherrschte auch Genreszenen, wie eine Darstellung zweier Jungen, die Seifenblasen fliegen lassen, belegt. Wunderbar charakterisiert sie die Knaben, den einen, der sich ganz darauf konzentriert, eine weitere Blase aufzupusten, den anderen, der einer weiteren Blase einfach nur hinterher guckt. Hinreißend ist auch ein Stillleben, eine Blumengirlande, die zwischen zwei Tierschädeln gespannt ist (1652), ein Motiv, das für die Entstehungszeit sehr ungewöhnlich ist. Zudem fasziniert die Strahlkraft, mit der Michaelina gerade die Rottöne setzt – expressive Farbexplosionen.

Bis 2.9., di – so 10 – 17 Uhr,

Tel. 0032/3/ 388 44 00, www.mas.be,

Katalog (engl./nl.) 45 Euro

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