Eine Biografie in Briefen: Patrick Leigh Fermors Buch „Flugs in die Post!“

In klassischer Pose: Patrick Leigh Fermor (1915–2011). Foto: Dörlemann Verlag

In diesem Buch stecken herrliche Charakterisierungen. Über den Exzentriker Gerald Berner schreibt Patrick Leigh Fermor: „In Rom setzte er immer eine dunkle Sonnenbrille auf; er sagt, sonst ließen ihn die Bettler nicht in Ruhe, seine Augen seien zu gütig.“

Schon steckt man mitten drin im prallen Band „Flugs in die Post!“ mit 174 Briefen, die „Paddy“ zwischen 1940 und 2010 verfasste. Sir Patrick Leigh Fermor (1915-2011) ist eine monumentale Erscheinung des alten Großbritanniens. Der wohl beste Reiseschriftsteller seiner Generation, der so unnachahmlich von Griechenland schwärmte. Der Kriegsheld, der auf Kreta in einem Husarenstreich den deutschen General Kreipe entführte. Der Charmeur mit zahlreichen Affären. Der Zürcher Dörlemann-Verlag pflegt sein Werk seit Jahren. Vermutlich 5000 bis 10 000 Briefe hat Fermor geschrieben, schätzt der Herausgeber Adam Sisman. Seine Auswahl ergibt eine Art Biografie im Spiegel dieser reichen Korrespondenz.

Fermor entstammt den besseren Kreisen, war aber wohl ein schwieriger Jugendlicher, der mit 18 von zahlreichen Schulen geflogen war. 1933 beschloss er sich, Europa von Holland bis nach Istanbul zu durchwandern, woraus sein Hauptwerk wurde, eine Reiseerzählung, deren dritter und letzter Band erst unvollendet nach seinem Tod erschien. Aus dieser Zeit findet man keine Briefe. Bei Kriegsausbruch meldete er sich als Freiwilliger. Aber in der Ausbildung erkrankte er an einer Lungenentzündung, an der er beinahe gestorben wäre. Der erste Brief an einen Kameraden handelt von seiner Situation im Hospital.

Man bekommt in diesem Buch ein lebendiges Bild dieses umtriebigen, neugierigen, abenteuerlustigen Mannes. Bis in die 1960er Jahre vagabundierte er ohne richtigen Wohnsitz durch Europa. Er kam oft bei Freunden unter, die gerne aus dem Adel stammen durften, aber auch in Klöstern oder in der Ruine einer mittelalterlichen Burg. Das Geld war lange Zeit knapp, aber Fermor war begabt im Schnorren. Er stürzte sich ins Leben – und wusste daraus überaus unterhaltsamen Stoff für Erzählungen zu gewinnen. Da erzählt er von der Dorffête in Frankreich: „Ohne vorherige Probe spielte das Streichorchester aus Pacy zusammen mit dem Blasorchester von Gadencourt, wobei letztere die ersteren mit ohrenbetäubenden Furzsequenzen aus riesigen zerbeulten Blechpötten vollkommen übertönten… am Ende waren alle sturzbetrunken. Ein herrlicher Nachmittag.“ Ein Besuch bei der alten Lady Wentworth wird zum Schauerstück: Sie spielt mit ihren Besuchern Billard und schlägt sie vernichtend, „ein Spiel um das eigene Leben gegen eine menschenfressend Hexe“. Er besucht den griechischen Reeder Niarchos auf seinem dreimastigen Traumschiff und fragt am Ende: „Warum zum Teufel haben sie nicht mehr Spaß bei all dem Geld?“ Er reist als Drehbuchautor mit Hollywoodregisseur John Huston („ein fieser alter Gauner“), Errol Flynn („ein schrecklicher Blödian, aber sehr lustig“) und Juliette Gréco nach Kamerun. Er erzählt, wie er beinahe der Blutrache auf Kreta zum Opfer gefallen wäre, sich dann aber mit Yorgo aussöhnte, indem er Pate von dessen Tochter wurde und am Ende das Angebot bekam: „Taufbruder, wenn du einen Feind hast, egal wer es ist, jemand, den du gern los wärst – ein Wort von dir genügt, Taufbruder!“ Und seiner Geliebten schreibt er einen Brief über Filzläuse, in dem er die Peinlichkeit mit Macho-Witzen über „Truppenbewegungen in den unteren Regionen“ überspielt.

Das liest sich alles very british. Fermor zeigt sich gern als Snob. Zu seinem Freund, dem adligen Schriftsteller Patrick Balfour, meint er nach dem Tod von King George V.: „Bald wirst Du die Motten aus Deinem Hermelin klopfen müssen, wenn Du, was ich doch hoffen will, bei der Krönung dabei bist.“

Einen Polizisten, der beim Sturm im Hafen starb, nennt er einen „sympathischen Jungen“. Der große griechische Komponist heißt bei ihm „Mickey“ Theodorakis. Er trifft den früheren Premierminister Harold Macmillan: „ein absolut bezaubernder, hochgelehrter alter Knabe“. Man sollte einen Sinn für diesen Ton und diesen speziellen Humor haben, um diese Prosa richtig zu schätzen. Auch die Lust an gebildeten Anspielungen und fremden Sprachen fordert heraus, selbst wenn der opulente Anmerkungsapparat das meiste entschlüsselt. „Ding-dong“ schreibt er schon mal in griechischen Lettern. Und eine Zahnärztin entdeckt bei ihm „in einem Backenzahn eine unermessene Höhle, so groß, daß die Schafherde des Polyphem dort bequem hätte überwintern können“. Selbst der triviale Anlass wird zu einer Anspielung auf die Odyssee genutzt.

Dann gibt es wieder diese wilde Party, bei der die Feiernden nachts nackt am See landen, und die Fermor schildert, dass man denkt, man sei dabei. Am nächsten Morgen beschwört er die Göttin Alka-Seltzer, „die den Kopfschmerz unter ihren Füßen zermalmt“. Und auch die Natur schenkt ihm eine Pointe: „Wenn es schattig wird, schleicht ein Marder aus den Bergen herunter, kackt auf die Terrasse und schleicht wieder zurück in die Berge“.

Patrick Leigh Fermor: Flugs in die Post!. Deutsch von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. Dörlemann Verlag, Zürich. 704 S., 44 Euro

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