Edvard Munch wird von Karl Ove Knausgård präsentiert

Licht materialisiert sich in Farbe: Edvard Munch malte „Die Sonne“ 1912. Das Bild hängt in der Ausstellung der NRW-Kunstsammlung in Düsseldorf, die der Schriftsteller Karl Ove Knausgård kuratiert hat. Foto: nrw-kunstsammlung

Düsseldorf – Die Sonne strahlt in Edvard Munchs Gemälde mit einer seltenen Kraft. Mit ihrem weiß-gelben Licht scheint sie die Uferlandschaft zu sprengen, so radikal überziehen rote und orangene Farblinien die Meeresbucht. Mit gestrichelten und getupfen Farbspuren überformt Munch das Landschaftsbild für den Momente, in dem die Sonne alles beherrscht. Es wirkt wie ein visuelles Bekenntnis zum Leben und überwältigt einfach. In der NRW-Kunstsammlung in Düsseldorf ist „Die Sonne“ (1912) das erste Werk der Ausstellung „Edvard Munch – gesehen von Karl Ove Knausgård“.

Knausgård ist Schriftsteller und der gegenwärtig renommierteste in Norwegen. Mit seinem autobiografischen Projekt „Min Kamp“ (Mein Kampf) hat er eine tabulose Selbstreflexion und detaillierte Beschreibung seines Lebens vorgenommen, die neue Maßstäbe für realistische Literatur setzte. In 30 Sprachen ist das umfangreiche Werk übersetzt worden. Dass Knausgård von Edvard Munchs Bildern berührt wird, hat auch etwas damit zu tun, das beide versuchen, ein Gefühl mit ihren künstlerischen Mitteln spürbar zu machen.

In Düsseldorf sagt Knausgård, dass Munch so ikonografisch sei, dass man seine Gemälde gar nicht mehr sehe. Er denkt an den „Schrei“, jenes symbolistische Werk von 1893, mit dem der Norweger eine Bildchiffre für menschliches Leid und Not erschuf. „Das kranke Kind“ (1885/86) ist eine weitere Ikone in Munchs Oeuvre. Die Mutter muss die todbringende Erkrankung ihrer Tochter hinnehmen und versinkt hilflos. Munch arbeitete zeitlebens immer wieder an dem Moment der Todesgewissheit. Er setzte sich mit dem frühen Sterben seiner Mutter und Schwester auseinander.

In Düsseldorf ist nun ein anderer Maler zu sehen. Nicht der Munch (1863–1944) der Beziehungskonflikte, den Schmerz und Tod antrieben, ist zu sehen, sondern vor allem der Maler, der Natur und das Leben feierte. Die Schau verändert die Rezeptionsgeschichte Munchs hierzulande. In Düsseldorf selbst gab es erst Ende der 1960er Jahre eine große Grafik-Schau zu dem bedeutenden Modernen.

Knausgård wählte aus dem Archiv des Munch Museums in Oslo bereits im Jahr 2017 Bilder aus, um den Landsmann neu vorzustellen. 1700 Arbeiten hatte der Maler der Stadt Oslo hinterlassen. Er sei erstaunt und geschockt gewesen, wie eindrücklich Munchs Werke sind, erinnert sich Knausgård. Die Ausstellung hatte Susanne Gaensheimer, Direktorin der NRW-Kunstsammlung, seinerzeit gesehen und nun nach Düsseldorf geholt. Sie wolle damit einen frischen Blick auf die moderne Sammlung ihres Hauses werfen, sagte Gaensheimer. Insgesamt sind 140 Werke in Düsseldorf zu sehen. Über 100 Leihgaben kommen aus dem Osloer Munch Museum.

Es sind Bilder, die ab Ende der 1890er Jahre entstanden sind. Munch hatte in Paris Pointillisten und Symbolisten kennengelernt, einen Skandal in Berlin um eine abgebrochene Ausstellung 1892 erlebt und immer mehr Anerkennung für seinen radikalen Stil erfahren, der sich nun änderte. 1909 kehrte er nach Norwegen zurück und zog 1916 nach Ekely. Sein Landsitz mit mehreren Freilichtateliers lag nahe Kristiania, Norwegens Hauptstadt, die ab 1925 Oslo hieß. Er fühlte sich in der Natur wohl.

Knausgård will den Künstler in der malenden Erfahrung seiner selbst erkannt haben. Das Bild von 1942 – „Maler an der Hausfassade“ – ist ein schlichtes Synonym für die Glückseligkeit des Künstlers. „Der Maler malt einen Maler“, sagt Knausgård, und man hat das Gefühl, dass der Autor an seinen eigenen Schreibprozess denkt und Munch dabei nahe ist. Knausgård versteht sich als Künstler, der „nach Eingängen zur Wirklichkeit, nach Öffnungen zur Welt“ sucht.

Die Ausstellung ist in vier Kapitel, vier Räume unterteilt: „Licht und Landschaft“, „Der Wald“, „Chaos und Ordnung“ und „Die Anderen“. Die Bilder sind dicht gehängt und machen neugierig. Munch zieht einen mit seinem malerischen Gestus und den satten Farben an, wie „Frau mit Mohnblumen“ (1918/19). Und „Baumgruppe am Strand“ (1904) ist so ein ausgewogenes Idyll mit Bäumen, Menschen, einem Steg, Schiffen und dem Meer. Auch das kühle Licht des Nordens ist hier sichtbar.

Seine „Wald“-Bilder sind oft grüne Innenräume mit gigantischen Bäumen ohne Himmel. In „Frühling im Ulmenwald“ (1923-25) wirkt die winzige Frau ganz in Rot wie ein niedlicher Fremdkörper neben dem massigen Stamm im Bildzentrum. Mit der „Schneelandschaft, Thüringen“ (1906) drückte Munch seine Einsamkeit aus. Er musste über eine unglückliche Liebe hinwegkommen, trank viel und erlitt zwei Jahre später einen Nervenzusammenbruch. Knausgård hatte beim Anblick dieses Bildes geweint, weil er Munchs Verlorenheit nachfühlen konnte. Der Schriftsteller äußert sich im Katalog zu jedem Ausstellungskapitel.

Unter „Chaos und Ordnung“ sind Interieurbilder, Gruppen von Aktbildern, Grafiken und große Zeichnungen gehängt. „Greise im Sonnenschein“ (1909/10) besteht aus wenigen Kreide- und Kohlestrichen auf Leinwand und fängt die Mühen des Alterns ein. Die figurengroßen Porträts („Die Anderen“) sind dagegen eine solche Bildmasse, dass man sich konzentrieren muss, um das Einzelwerk zu würdigen. „Jappe Nilssen“ (1909) wirkt stattlich, persönlich und repräsentativ, wie es bereits die klassische Porträtmalerei forderte. Munchs Grafiken („Frauenbildnis, 1920“) sind unmittelbar und sensibel. Er hatte die Techniken in Berlin weiterentwickelt, als auch Käthe Kollwitz ihre Ausdrucksform gefunden hatte.

Bis 1. 3. 2020; di-fr 10 – 18 Uhr, sa, so 11 – 18 Uhr; Tel. 0211/83 81 204; www.kunstsammlung.de

Katalog 28 Euro

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