ECM-Jazznight mit Vijay Iyer und Nik Bärtsch im Konzerthaus

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Zauberte auch am E-Piano: Vijay Iyer bei seinem Auftritt im Konzerthaus Dortmund.

Von Ralf Stiftel

DORTMUND - Dieses Sextett ist sofort auf dem Punkt. Kraftvoller, nervös pulsierender Großstadt-Funk, raue Bläserthemen, und zu all dem das pointierte Spiel des New Yorker Pianisten Vijay Iyer.

Sie spielen sich reihum die Bälle zu im Konzerthaus Dortmund. Erst liefert Tenorsaxofonist Mark Shim ein Solo mit allen Finessen einer an Coltrane geschulten Technik, rasende Läufe, Überblaseffekte, gutturale Bauchtöne. Dann testet Steve Lehman aus, welche verrückten Intervalle am Altsaxofon gerade noch spielbar sind. Dann erkundet Graham Haynes die Klangvariationen eines elektronisch verfremdeten Flügelhorns. Eine wilde Fahrt durch das 2017 bei ECM erschienene Album „Far from Over“.

Selten hört man Jazz dieser Klasse in der Region. Schon die erste Gruppe, Nik Bärtschs Ronin, bot eine Tour de Force mit ganz anders gearteter Musik. Dann setzte Iyers Sextett bei der „ECM-Jazznight“ im Konzerthaus noch eins drauf. Das Verrückte: Nach einer Viertelstunde erhoben sich Leute und gingen. Und dann noch welche, ein schleichender Publikumsschwund. Am Auftritt konnte das nicht liegen, der war voll auf der Höhe. Wollten da einige Fußballfans noch die zweite Halbzeit des BVB mitbekommen? Galt es, den letzten Bus ins Sauerland zu erwischen? Solche rücksichtslos störenden Abgänge kennt man sonst nur bei missglückten Theaterabenden. Aber im Jazzkonzert, bei dem der Fan doch eigentlich weiß, was ihn erwartet?

Iyer zeigte sich irritiert, ließ sich aber vom Applaus der Gebliebenen überzeugen, dass er doch weiterspielen sollte, und stimmte die beseelte Ballade „For Amiri Baraka“ an. Der 47-jährige Sohn indischer Einwanderer startete hier sein Europatour, und er hatte sich in seiner Ansage noch gefreut, dass der erste Abend immer der beste sei. Und er tat trotz allem alles, um diese Hoffnung wahr zu machen. Er schreibt sehr eigenwillig den Fusion-Jazz fort, wie ihn Miles Davis in den späten 1960ern entwickelte. Und im Konzerthaus trieb er seine Mitstreiter zu immer neuen Höchstleistungen, ekstatische, expressive Soli einschließlich einer ebenso präzisen wie rasanten Schlagzeugeinlage von Jeremy Dutton krönten einen großartigen Auftritt, bei dem allenfalls ein Teil des Publikums Aussetzer hatte.

Ganz anders klang das Schweizer Quartett Ronin, benannt nach den herrenlosen Samurai. Ein wenig fernöstliche Philosophie mag in der Musik des Pianisten Nik Bärtsch stecken. Mehr jedenfalls als genuiner Jazz. Die Band spielt ausgefeilte Patterns, gern in ungeraden Metren, mal fünf Viertel, mal sieben. Wie bei der Minimal Music, beim Techno oder bei Metal kommt es weniger auf Melodielinien an als auf einen Ensembleklang, der lange entwickelt wird und sich dabei nach und nach ändert. Das Ergebnis hat sperrige Wucht, große Kraft und kühle Schönheit, wenn eine kurze Figur von Bassist Thomy Jordi und Schlagzeuger Kaspar Rast unentwegt wiederholt wird, mal der eine, mal der andere auf einmal andere Taktteile betont, bis sich ein neuer Rhythmus etabliert hat, und darüber spielt Sha an Altsax oder Bassklarinette weit gespannte Linien. Manchmal klingt das wie Steve Reich auf Speed. Dann wieder hat man das Gefühl, von einem wuchtigen Rockriff überrollt zu werden. Soli im klassischen Sinn spielen die Musiker von Ronin nicht, allerdings hat jeder von ihnen Momente, in denen er prägnant in den Vordergrund rückt.

Der hochvirtuose Auftritt kam beim später so unzuverlässigen Publikum sehr gut an. Es erklatschte sich sogar eine Zugabe. Ganz so ahnungslos waren die Besucher der Jazznight also letztlich nicht.

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