Düsseldorfs K20 zeigt die Bauhaus-Künstlerin Anni Albers

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Schichten und Variationen: „Red and Blue Layers“ (Baumwolle, 1954) nennt Anni Albers ihr Bildgewebe, zu sehen im K20 in Düsseldorf.

DÜSSELDORF Blau, Rot – Rot, Blau, Blau... Wer das Bild „Red and Blue Layers“ (1954) von Anni Albers aus der Distanz betrachtet, denkt vielleicht einen Moment an Farbmalerei, an Mark Rothko und Barnett Newman. Aber um Malerei geht es nicht in dem Bildgewebe der Künstlerin, die mit ihren seriellen und linearen Arbeiten Themen des Minimalismus vorwegnahm. „Anni Albers“ heißt die Retrospektive im K20, der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf, die rund 300 Exponate präsentiert. „Nach zwei Jahrzehnten wieder eine umfassende Schau zur Bauhaus-Künstlerin“, sagte Susanne Gaensheimer, Direktorin der NRW-Kunstsammlung.

Anni Albers (1899–1994) war auch Designerin, Lehrerin, Grafikerin und Autorin. Ihr Mann Josef Albers (1888–1976) erlangte mit seinen abstrahierten Farbstudien („Homage to the Square“) weltweite Anerkennung. Anni Fleischmann lernte ihn am Bauhaus in Weimar kennen, sie heirateten 1925. 1933 emigrierten beide in die USA. Die Nationalsozialisten hatten das Bauhaus geschlossen. Und Anni Albers entwickelte ihre textile Kunst am Black Mountain College in North Carolina.

Die Ausstellung zeigt am Anfang einen „Wandbehang“ (Baumwolle und Seide, 1924) aus der Bauhaus-Zeit. Anni Albers gehörte zur Werkstatt für Textilien von Gunta Stölzl. Es entstanden Bilder am Webstuhl, symmetrisch angeordnete Flächen und Schachbrettmuster. Albers‘ „Wandbehang“ von 1927 fertigte Gunta Stölzl 1964 erneut an, weil die Webarbeit der ehemaligen Schülerin verloren gegangen war. Das Exponat ist nun in Düsseldorf zu sehen.

Die Bauhaus-Archive haben wegen des Jubiläumsjahres 2019 eine Leihsperre. Dennoch sind in Düsseldorf herrliche Arbeiten zu sehen – mithilfe der Anni und Josef Albers Stiftung. Mitorganisator der Schau ist die Tate Modern in London, wo „Anni Albers“ im Anschluss zu sehen ist.

Albers’ Interesse für Materialien war am Bauhaus geweckt worden. Schon in den 20er Jahre griff sie zu synthetischen Fasern, Zellophan und Silberfäden. In ihrer Diplomarbeit entwickelte sie 1930 einen lichtabsorbierenden und schalldämpfenden Stoff für einen Wohnraum (von Hans Mayer), der maschinell gefertigt wurde. Das Bauhaus in Dessau (ab 1925) orientierte sich an industrieller Fertigung. Ab 1952 kooperierte sie mit der Firma Knoll.

Anni Albers stieß auf ihren Reisen nach Mexiko mit Josef Albers auf präkolumbianische Webarbeiten, auf Taschen, Gurte. Der Faden an sich wurde für sie interessanter – neben der Textur der Stoffe („Fäden können als expressive Medien dienen, daran glaube ich“). Das Ergebnis des Handwebens war für Albers „Glanz, Mattigkeit, Knotenhaltigkeit“. Höhepunkt der Ausstellung sind ihre „Pictorial Weavings“, kleinformatige Bildgewebe, die sie gerahmt hat. In „Red and Blue Lavers“ bündelte sie Fäden (Dreherbindung), so dass die Oberfläche eine ungemein haptische Textur erhält. In „Variations on a theme“ (1958) werden Plastikstäbe vom Bildgewebe (Leinen, Baumwolle) erfasst, „Northwesterly“ (1957) schafft mit der wechselnden Fadenstärke eine Landschaftsanmutung mit Beige, Grün und Türkis (Baumwolle, Rayon, Acryl), und „Pasture“ (1958) ist in Orange, Grün, Grau (Baumwolle) vielleicht der Höhepunkt ihrer Kunst – Landschaftsabstraktion und Stimmungsbild. Sie war vom Werk Paul Klees beeinflusst.

In Düsseldorf sind Trennvorhänge in Naturtönen (Leinen, Baumwolle), Fenstervorhänge und freihängende Raumteiler (1948, Walnuss-Latte) zu sehen. Neben Produkten für die Industrie schuf sie Auftragswerke wie die „Six Prayers“ für das Jüdische Museum in New York. Ab 31. Juli wird diese große Arbeit in Düsseldorf ausgestellt. Sie ist ein Beispiel für freie Linienverläufe, wenn der Faden über das Raster hinweggeht. Man muss heute einen Blick entwickeln, um diese Strukturarbeit zu schätzen. Aber es lohnt sich. Mit der Massenproduktion von Textilien ist uns ein Wissen verloren gegangen. Der Stoff lässt sich als Naturfaser verstehen.

Heute greifen junge Künstler wieder auf Handwerkstechniken zurück, um Kunstwerke zu schaffen. Eine Reaktion auf die Digitalisierung und den Verlust an manuellen Fähigkeiten.

Anni Albers hat mit ihren Texturen eigenständige Abstraktionen entworfen, die für sie zum modernen Leben gehörten. Sie nutzte den Wechsel zwischen freier und angewandter Kunst – ein Ziel des Bauhauses. Sie entwarf auch Alltagsdesign (mit Alexander Reed um 1940), wie die Halskette aus einem Abflusssieb und Büroklammern.

Aus den 60/70er Jahren sind noch Prägedrucke zu sehen. Anni Albers war das Weben zu schwer geworden.

Bis 9. 9.; di-fr 10–18 Uhr; sa, so 11–18 Uhr; Tel. 0211/8381 204; www.kunstsammlung.de

Katalog, Hirmer Verlag, München, 36 Euro

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