Düsseldorf zeigt die größte Werkschau von Ai Weiwei

10 Millionen Kunstwerke, jedes ein Einzelstück, zusammen eine unübersehbare Masse: Ai Weiweis Installation „Sunflower Seeds“ in der Klee-Halle des K20 der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf. An der Wand Bilder aus dem Zyklus „Zodiac“. Foto: Stitel

Düsseldorf – Das Spektakuläre kommt unauffällig daher. Die Klee-Halle im K20 der Kunstsammlung NRW ist gefüllt mit Sonnenblumenkernen. Ein wenige Zentimeter hoher Teppich aus kleinen grauen Körnchen, allerdings groß, richtig groß: 650 Quadratmeter. Zehn Millionen Kunstwerke sind aufgeschüttet zu einer bemerkenswert unauffälligen Installation. Jeder Kern ist handbemaltes Porzellan. 100 Tonnen wiegt das Kunstwerk „Sunflower Seeds“ von Ai Weiwei.

Solche Dimensionen bringen auch große Museen an ihre Grenzen. Die Kunstsammlung in Düsseldorf allerdings kann die Arbeit in ihrer ganzen Fülle zeigen. Und weitere große Werke wie „Straights“. Die Ausstellung „Everything is Art. Everything is Politics“ ist die bislang umfangreichste Werkschau des chinesischen Künstlers mit mehr als 40 Exponaten. Er selbst habe noch nie einen derart umfassenden Überblick über sein Schaffen gesehen, meint Ai Weiwei. Dabei bespielt das Institut gleich beide Standorte: Im K20 am Grabbeplatz sind die monumentalen Installationen zu sehen. Im K21 im Ständehaus werden kleiner Arbeiten präsentiert, neben weiteren Installationen und Skulpturen auch Fotos, Videoarbeiten und frühe Gemälde.

Der Ausstellungstitel ist für die Arbeit des 61-Jährigen programmatisch. Auch die so minimalistisch wirkenden Sonnenblumenkerne transportieren politische Aussagen. Es hieß in China, dass der Vorsitzende Mao die Sonne sei und die Chinesen wie Sonnenblumen, die sich nach seinem Licht ausrichten. Ai zeigt nun zehn Millionen Individuen als graue Masse. Zugleich reagiert der Künstler auf die ökonomischen Umbrüche, die Globalisierung, die China zum Niedriglohnland, zum Standort industrieller Massenproduktion wandelt. An den Kernen haben 1600 Kunsthandwerker in der Porzellanmetropole Jingdezhen zweieinhalb Jahre lang gearbeitet.

Ai Weiwei hatte seinen Durchbruch 2007 auf der documenta 12 mit seinen Projekten „Fairytale“ , für das er 1000 Landsleute nach Kassel holte, und „Template“, einen Turm aus historischen Holztüren und -fenstern, der nach wenigen Tagen nach einem Sturm einstürzte. Sein Vater war der Dichter Ai Qing, der als Dissident mit der Familie in ein Umerziehungslager gebracht wurde.

Sein Werk besteht aus Eingriffen und Reaktionen auf Missstände, was ihn in Gegensatz zur Staatsmacht brachte. Die monumentale Arbeit „Straight“ (2008–2012) in der Grabbe-Halle des K20 besteht aus Stahlträgern in Transportkisten. Sie wiegt 160 Tonnen. Ai erinnert damit an das Erdbeben von 2008 in der Provinz Sichuan, bei 70 000 Menschen starben, darunter 5000 Schulkinder. Mitursache dieser Katastrophe waren Baumängel. Ai ließ die Stahlträger aus den eingestürzten Schulen bergen, säubern und geradebiegen. „Straight“ heißt „gerade“. Bei früheren Ausstellungen wurden die Stangen zu einer Art Landschaft auf dem Boden angeordnet. In Düsseldorf ruhen sie in Transportkisten wie in Särgen – oder in einem Industrielager.

Gerade an Ais Installationen fällt der Hang zur Ordnung auf. Das Heilen, Reparieren, Ausgleichen ist charakteristisch. Gleichzeitig wirkt seine Kunst meditativ. Die Sonnenblumenkerne und die Stahlstäbe haben in ihrer Strenge etwas von Zen. Auch in anderen Arbeiten wie dem „Circle of Animals“ wurzelt er in der Tradition, bei dem er die Brunnenfiguren aus dem „Alten Sommerpalast“ in Beijing nachformt, die in den Opiumkriegen als Beute nach Europa geschafft wurden. Einige wurden von China zurückgeholt. Die Skulpturen eines französischen Kunsthandwerkers gelten inzwischen als nationale Symbole. Ai schuf eine zweite Version der aus Legosteinen (Zodiac, im K20).

Die Staatsmacht reagierte auf Ai mit Repression. Es gab Anklagen wegen „Anstiftung zur Unterwanderung der Staatsgewalt“, 2011 wurde sein Atelier in Shanghai abgerissen, weil es angeblich ohne Genehmigung errichtet worden war, und schließlich wurde der Künstler verhaftet und 81 Tage lang interniert, ohne offizielle Anklage. Auch das schlug sich in Kunstwerken nieder. Die beklemmende Installation „S.A.C.R.E.D.“ besteht aus sechs Stahlkisten, in denen Ai aus dem Gedächtnis seine Zelle rekonstruierte. In den Räumen wurde er festgehalten, ständig bewacht von zwei Soldaten, die ihn nie aus den Augen ließen. Durch Gucklöcher erblickt man Ai unter der Dusche, auf der Toilette, mit seinen Wächtern auf Griffnähe. Es sind Leidensstationen, wie bei einem Kreuzweg.

Weniger pathetisch ist das Video „Dumbass“ (Trottel, 2013), in dem Ai spielt, singt und tanzt. Hier malt er sich aus, wie er die Situation umkehrt, auf einmal seine Wächter auspeitscht. Oder er rasiert sich Haare und Bart ab und tanzt in Frauenkleidern, während er singt, dass China sich wie eine Nutte aufführe.

Ai hat sich nicht die Initiative nehmen lassen. Fotos zeigen, wie er Spitzel verfolgt und zur Rede stellt. Einen Aschenbecher mit ihren Kippen und Abhörgeräte aus seiner Wohnung stellt er als „Ready-Mades“ in der Tradition von Marcel Duchamp aus. Der Künstler sieht sich als Aktivist. Joseph Beuys ist ein Rollenmuster: Ein Wandbild zeigt Ai energisch vorwärtsschreitend. Damit zitiert er ein Foto von Beuys, „La rivoluzione siamo Noi“ (1972). Beuys sehe aber besser aus, meint Ai.

Seit er in Berlin lebt, greift der Künstler das Thema Migration auf. Seine neueste Arbeit ist „Life Cycle“ (2018), eine 17 Meter lange Skulptur aus Bambusstreifen in Form eines Schlauchboots voller Flüchtlinge. Die Installation „Laundromat“ (Waschsalon, 2016) besteht aus Ständern voller Kleidung. Die Jacken, Hosen, Babystrampler, Schlafsäcke hatten die Insassen des Lagers in der griechischen Grenzstadt Idomeni zurückgelassen. Ai ließ die Sachen reinigen und flicken und zeigt sie als auratische Erinnerung an die Menschen, die in den Kleidern aufbrachen, um ein besseres Leben zu finden.

Dass Ai sich mit der Situation der Flüchtlinge auseinandersetzt, ist nicht willkürlich oder gar spekulativ. „Ich bin selbst ein Migrant“, sagt er, „Ich weiß, wie es ist, wenn man keine Stimme hat, wenn man nicht zu Hause ist.“

Bis 1.9., di – fr 10 – 8, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0211 / 83 81 204, www.kunstsammlung.de

Katalog, Prestel Verlag, München, 32 Euro

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