Schwarzes Loch und Totentanz

Die dritte Triennale Brügge spürt dem „TraumA“ in der Idylle nach

Hans Op De Beecks Skulptur „Danse Macabre“ bei der Triennale in Brügge, Belgien, Detail
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Ein Vergnügen mit dem grauen Beigeschmack der Vergänglichkeit: Hans Op De Beecks Skulptur „Danse Macabre“ ist in Brügge Teil der Triennale. Foto: Stiftel

Dieses Karussell dreht sich nicht. In stumpfes Grau verblasst steht das Kirmesgerät vor der Sint-Walburgakerk in Brügge und ruft uns die Vergänglichkeit des Seins in den Sinn. Auf dem Pferd reitet ein Skelett mit Zylinder. Eine feine Knochendame trägt historische Rüschen und einen Sonnenschirm und bleckt die fleischlosen Zähne. Ein Mädchen führt irritierenderweise eine Robbe an der Leine. Das alles hat der belgische Künstler Hans Op de Beeck lebensgroß und genau bis ins kleinste Detail geformt. Und die lebensfrohen Putti im altertümlichen Dekor der monströsen Skulptur kontrastieren mit den großen Totenschädeln, die den Reliefs auf Renaissance-Grabtafeln in alten Kirchen nachempfunden sind.

Der „Danse Macabre“, der Totentanz, von Op de Beeck ist Teil der dritten Triennale Brügge. Seit 2015 versucht die belgische Stadt, mit dem sommerlichen Kunstevent auch ein Publikum anzusprechen, das sich für mehr interessiert als den üblichen Kanon von alter Kunst, alten Häusern, morbider Nostalgie. In der dritten Ausgabe spricht das Kuratorenteam um den Brügger Museumsdirektor Till-Holger Borchert unter dem Leitmotiv „TraumA“ die dunkle Seite der Touristenmetropole an, die vor der Corona-Krise jährlich mehr als fünf Millionen Touristen anzieht.

Arbeiten von 13 internationalen Künstlern, oft an der Schnittstelle zwischen bildender Kunst und Architektur, sind in den Stadtraum inszeniert. Dabei habe man sich daran orientiert, Stellen abseits der Hauptanziehungspunkte anzusteuern, unterstreicht Borchert. Das entspannt den pandemiekonformen Kunstgenuss. Und es bringt Publikum an Orte, die sonst sehr im Schatten stehen. Das Museum Onze-Lieve-Vrouw ter Potterie am Stadtrand zum Beispiel hatte seit Jahren nicht solche Besucherzahlen wie zur Zeit. Im einstigen mittelalterlichen Spital mit angegliederter Kirche zeigt Laura Splan „Disentanglement“, eine Arbeit, die zum aktuellsten Trauma passt. Die US-Künstlerin interessiert sich für die Strukturen von Viren und Mikroben. Neben mittelalterlichen Altären und Skulpturen sieht man eine Videoarbeit, auf der sich filigrane Linien zu immer neuen Formen anordnen. Und in einer Vitrine hängen kleine Spitzendeckchen in der Gestalt runder Erreger, samt den pilzartigen Auswüchsen der Spike-Proteine.

Das Unheimliche kommt aus dem Untergrund: Henrique Oliveiras Skulptur „Banisteria Caapi (Desnatureza 4)“.

Das Unbewusste, Verdrängte nimmt auch Henrique Oliviera in den Blick. Aus einer Gracht scheint ein unheimliches Wurzelwerk die Reste der mittelalterlichen Stadtmauer am Augustijnenrei zu überwuchern. Erobert die Natur hier den Stadtraum zurück? Oder ist auch die Arbeit des brasilianischen Künstlers symbolisch zu verstehen, eine Metapher für dunkle Geheimnisse, die nicht hinter einer glatten Fassade der Gastfreundschaft bleiben wollen?

Zum unmittelbaren Erlebnis macht Gregor Schneider das Traumatische des Ortes. Der deutsche Künstler, der für seine Installation „Totes Haus u r“ 2001 den Goldenen Löwen der Biennale Venedig gewann, hat in die Kirche des Brügger Priesterseminars (Grootseminarie) „Black Lightning“, den schwarzen Blitz, gebaut. Vom Kirchenschiff sieht der Besucher nichts. Stattdessen tastet er sich durch einen lichtlosen Stofftunnel, der Orientierung beraubt. Dieser Weg vermittelt eine sinnliche existenzielle Erfahrung in der vermeintlichen Geborgenheit des Sakralraums. Eine weitere Arbeit Schneiders, die architekturale Skulptur „Kellerfenster“ (1985–2001) ist in der begleitenden Ausstellung „Die poröse Stadt“ in der Poortersloge zu sehen, dem Infozentrum der Triennale.

Die Kirche als Ort dunkler Geheimnisse wird mehrfach Thema dieser Ausstellung, mal mehr, mal weniger direkt. Ein weiteres, sonst für auswärtige Besucher nicht ganz so zentrales Museum ist das Haus des Dichterpriesters und Lehrers Guido Gezelle (1830–1899). Er gilt als bedeutendster flämischer Poet des 19. Jahrhunderts. Er scharte eine Gruppe Schüler zu einem Freundeskreis. Einem 18-Jährigen schrieb Gezelle das berühmte Liebesgedicht „Dien Avond en die Rooze“, das man heute nicht unbefangen liest. Héctor Zamora umbaute einen Baum im Garten des Gezelle-Hauses mit einem Baugerüst, so wie parasitäre Schlingpflanzen manchmal Bäume umwuchern. Man kann die monumentale Installation „Strangler“ (Würger) des mexikanischen Künstlers als Sinnbild übergriffiger Beziehungen ansehen. Zugleich ist es ein buchstäblich zugängliches Spektakel: In langer Schlange warten Besucher, das Gerüst zu besteigen und grandiose Blick auf die Pflanze und auf die Stadt zu haben.

In den Beginenhof haben Joanna Malinowska und C.T. Jasper eine Skulptur aus Gdynia versetzt. In der polnischen Hafenstadt sollte „Natasha“ an die heldenhafte kommunistische Revolution erinnern. Aber die Menschen sahen in ihr ein Symbol der Unterdrückung. Wie wird eine so ideologisch aufgeladene Figur an einem anderen, gedanklich ganz anders besetzten Ort wahrgenommen?

Nnenna Okore hat den Poertoren am Stadtrand mit einem knallroten Gewebe verfremdet. Der Wehrbau, in dem Schießpulver gelagert wurde, wird zum Träger eines dekorativen Gewebes. Die amerikanisch-nigerianische Künstlerin bezieht sich auf die Spitzenklöpplerinnen der Stadt.

Ein herrlich absurdes Bauwerk setzte das Büro von Pieterja Gijs und Arnout Van Vaerenbergh in den Baron Ruzettepark. Auf der Wiese erhebt sich ein Pavillon aus wuchtigen, verwinkelten Stahlpfeilern, die nichts tragen oder stützen, sondern in ihrer Überfülle Selbstzweck werden. Man kann dieses monströse Objekt begehen, sich sogar erstaunlich leicht durch das Gewirr bewegen.

Einmal führt der Weg doch ins touristische Zentrum: Auf dem Burg, dem Platz am gotischen Rathaus, stellt Nadia Kaabi-Linke ihren „Inner Circle“ auf. Die große kreisrunde Bank ist nicht benutzbar, weil sie mit glänzenden Stacheln besetzt ist. Ein sozialer Leerraum.

Bis 24.10., die meisten Arbeiten sind ganztägig zugänglich. Ausstellung Die poröse Stadt bis 26.9.

Info: 0032/50/ 448 000

www.triennalebrugge.be

Allgemeine Infos:

www.visitflanders.de

Es empfiehlt sich, sich vorab über die aktuellen Corona-Regeln zu informieren. Jeder Belgien-Reisende, der länger als 48 Stunden bleibt, muss sich auf einer Internetseite registrieren:

www.info-coronavirus.be/de/plf/

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