Das Dortmunder U zeigt „The Pink Floyd Exhibition: Their Mortal Remains“

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Der monströse Lehrer bricht durch die Mauer: Das Requisit aus der Show „The Wall“ ist ein Höhepunkt der Pink-Floyd-Ausstellung im Dortmunder U.

DORTMUND - Und wieder schwingt der dämonische Lehrer aus „The Wall“ den Rohrstock. Dem meterhohen, aufblasbaren Monster sang einst der Kinderchor das trotzige „We don‘t need no education“ entgegen. Die von Gerald Scarfe 1980 designte Riesenmarionette entsteigt im Dortmunder U einem Nachbau der Riesenmauer, allerdings nicht in der Originalversion von 1980, sondern in der noch spektakuläreren Version, mit der Roger Waters 2010 tourte.

Spektakel ist das Stichwort für „The Pink Floyd Exhibition: Their Mortal Remains“. Die Ausstellung feiert die Rockband eher als Multimediapräsentation. Hier sind nicht nur mehr als 350 Originalobjekte aus dem Besitz der Musiker zu bewundern. Vor allem wandelt der Besucher durch einen Erlebnisparcours, mit Kopfhörer und einem Audioguide, der den Ton zum jeweiligen Ausstellungsbereich einspielt. Im letzten Raum erlebt man das Reunion-Konzert zum „Live-8“-Konzert 2005 im Hyde Park auf einer Kinoleinwand.

Die 1965 gegründete Band hat sich von der R‘n‘B-Band über den Psychedelic Rock bis zum Bombast der Stadion-Inszenierungen entwickelt. Sie hat einige der meistverkauften Alben aller Zeiten eingespielt wie „The Dark Side of the Moon“ (1973) und „The Wall“ (1979). Wundert es, dass die Schau an ihrer ersten Station im Londoner Victoria & Albert Museum mehr als 300 000 Besucher lockte? Jetzt kommt sie exklusiv nach Dortmund, ins Dortmunder U, das eigentlich Spielstätte für das städtische Museum Ostwall mit moderner Kunst vom Expressionismus über Fluxus bis zur Gegenwart sein soll. Der gewaltige Quader, einst eine Brauerei, wird als Kunstort nicht so angenommen, wie die Stadt sich das wünscht. Also zeigt man Pop, eine durchaus üppige und mit besonderen Stücken aufwartende, aber dabei doch auch unkritische Huldigung, der großer Zulauf sicher sein kann. Rund 150 000 Besucher erhofft man sich an der einzigen deutschen Station.

Zur Vorstellung der Schau schneite Nick Mason herein, Schlagzeuger von Pink Floyd, der zur Zeit auf Deutschlandtour ist. Als Verbindung zur „Exhibition“ hat man ausgemacht, dass 1981 die Revierstadt die einzige Station der „The-Wall“-Tour war. Mason gesteht freimütig, dass er sich an die Stadt kaum erinnert. Damals pendelten die Musiker zwischen Bühne und Hotelbar. Aber er wirbt sehr für die Ausstellung, die 50 Jahre seines Lebens dokumentiere. Mit vielen Objekten verbinden ihn Erinnerungen: „Ich genieße diese Ausstellung mehr als jeder andere.“

Aber man muss nicht bei Pink Floyd gespielt haben, um am Rundgang Freude zuhaben. Schon der Einstieg in die streng chronologisch konzipierte Schau entfaltet die Stärken der multimedialen Präsentation. An jeder Stelle des Rundgangs über 1000 Quadratmeter erklingt die passende Musik. Man betritt eine psychedelische Wunderwelt, eine Art Zeittunnel, mit den bunten Konzertplakaten der Flower-Power-Ära und mit einem Film mit Motiven aus „Alice im Wunderland“, der an die Drogenerfahrungen der Zeit anknüpft.

Es gibt viele Skizzen zu Songs, Covers und Bühnenbildern. Einige Stücke erzählen Anekdoten aus dem Swinging London, wie der Brief der BBC über das ausgerastete Bandmitglied, das einfach so aus der Aufzeichnung für den Saturday Club fortging. Syd Barrett verließ wegen seiner psychischen Probleme durch Drogen 1968 die Band. Aber man sieht auch, dass die Band schon früh mehr war als nur ein Jugendphänomen: 1969 spielten sie die Musik zu Barbet Schroeders Film „More“, 1970 zu Michelangelo Antonionis „Zabriskie Point“.

Natürlich sieht man jede Menge Instrumente, Syd Barretts Fender-Esquire-Gitarre (aber auch sein Zippo-Feuerzeug), Roger Waters‘ Fender-Precision-Bassgitarre, Gongs, Trommeln und Sticks von Nick Mason. Aber das Werk von Pink Floyd tendierte immer auch zum Gesamtkunstwerk, schon bevor sie mit fliegenden Plastikschweinen und anderen Effekten ihre Live-Auftritte zu Spektakeln aufbliesen. Auch die Cover ihrer Alben sollten sich vom Üblichen abheben, und die Designer von Hipgnosis, deren Mitgründer Aubrey Powell die Musiker noch aus Studentenzeiten kannte, fanden besondere visuelle Effekte für die Klänge der Band. In Dortmund sieht man also das Prisma von „The Dark Side of the Moon“ als Hologramm und die surrealen Fotocollagen von „Wish You Were Here“ als Leuchttafeln im Posterformat.

Zuweilen hat man das Gefühl, durch einen in den Raum gebrachten Dokumentarfilm über die Bandgeschichte zu laufen. Neben Originalszenen von Konzerten und früheren Auftritten kommen oft Zeitzeugen zu Wort. Das hat durchaus einen Mehrwert, wenn man vor dem Bildschirm steht, auf dem David Gilmour und Roger Waters abwechselnd mit Gitarre erscheinen und erläutern, wie sie den Song „Wish You were Here“ geschrieben haben, eigentlich ein einfacher Country-Song, wie Gilmour meint.

Nicht alles im Werk und im Design hält die Originalität und Frische der Hochphase von Pink Floyd. Der Glühbirnenanzug zu „Delicate Sound of Thunder“ (1988), die Kopfskulpturen zu „The Division Bell“ (1994) sind sehr gewollt surreal, vom Pomp der Aufblasfiguren ganz zu schweigen. Aber so ist das, wenn man seine „sterblichen Überreste“ an die Öffentlichkeit bringt. In Dortmund sind nun fünf Monate lang die Höhen und Tiefen einer Band zu sehen, die Musikgeschichte geschrieben hat.

The Pink Floyd Exhibition: Their Mortal Remains

im Dortmunder U,

bis 10.2.2019, mo – do 10 – 18, fr bis 20, sa, so bis 22 Uhr,

Tel. 0231/ 50 24 23,

www.pinkfloydexhibition.de

www.dortmunder-u.de

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