In Dortmund wartet eine Werkschau zu Ruth Baumgarte auf Besucher

Selbstbewusst inszeniert sich Ruth Baumgarte in diesem Selbstbildnis, das um 1947 entstanden ist. Foto: ©Kunststiftung Ruth Baumgarte

Dortmund – Selbstbewusst blickt die Frau uns an. Sie trägt eine Baskenmütze, eine Zigarette hängt ihr im Mundwinkel. Sie hält Pinsel und Palette. Ruth Busse ist damals 24 Jahre alt, sie ist gerade geschieden, allein erziehende Mutter eines Sohnes. Sie verdient ihr Geld als Illustratorin und Pressezeichnerin. Und sie stellt sich selbst als Lebenskünstlerin dar, als Bohèmienne, als lebte sie in Paris und nicht in Bielefeld, 1947, nach dem verlorenen Krieg.

Dieses Gemälde sollte nun im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte zu sehen sein. Aber wegen der Pandemie ist das Haus geschlossen, so dass die Werkschau für Ruth Baumgarte (1923–2013) zwar seit Mitte November hängt. Aber ihr Publikum kann nicht kommen. Was schade ist, denn hier wäre eine interessante Künstlerin zu entdecken.

Rund 180 Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Grafiken vermitteln die Entwicklung einer ungewöhnlich emanzipierten Frau, die aus einer Familie von Schauspielern in Coburg stammt. Mitten im Krieg nimmt sie ein Kunststudium auf, arbeitet an einem Zeichentrickfilm mit – ein kurzer Ausschnitt aus „Armer Hansi“ (1943) wäre im Museum anzuschauen –, und nach der Kapitulation beginnt sie, in der sowjetisch besetzten Zone als Pressezeichnerin für die Berliner Zeitung zu arbeiten. 1946 siedelt sie nach Bielefeld um, wo sie nach der Scheidung von ihrem ersten Mann freie Illustratorin wird, weiter für Zeitungen arbeitet, aber auch eine Reihe von Kinder- und Jugendbüchern ausstattet. Ende der 1940er Jahre lernt sie den Industriellen Hans Baumgarte kennen, den sie 1952 heiratet. Ihr Mann verbietet ihr, weiter für die links gerichtete Bielefelder Freie Presse zu arbeiten. Da stößt Emanzipation an Grenzen. Sie wendet sich neuen Themenfeldern zu, malt in den Baumgarte-Eisenwerken Szenen aus der Industrie. Unter anderem werden ihre Bilder für den jährlichen Werbekalender des Unternehmens verwendet. Ruth Baumgarte beginnt eine intensive Reisetätigkeit, zunächst in Europa, später auch nach Südafrika, Ägypten, in den Iran. Ab 1970 wendet sie sich Themen wie der Umweltverschmutzung zu. Ihr Alterswerk aber ist geprägt von den Gemälden zum Thema Afrika, die ab 1980 entstehen.

All das könnte man dank dem Engagement der Galerie Samuelis Baumgarte und der Ruth-Baumgarte-Kunststiftung nachvollziehen. Ausgestellt sind frühe Zeichnungen, zum Beispiel das bewegte Blatt „Zigeuner im Regen“ (1942), das zwei Straßenmusiker mit ihren Instrumenten zeigt, die offenbar flüchten. Eine Widerstandskünstlerin macht so ein einzelnes Blatt nicht aus Baumgarte. Aber die Motivwahl zeigt ihren eigenen Kopf.

Die Blätter aus den 1940er Jahren sind realistisch, am ehesten beeinflusst von der Neuen Sachlichkeit. Ein Porträt ihres ersten Mannes Eduard Busse (1946) weist expressionistische Tendenzen auf. Ihre grafische Bildauffassung ist spannend: Im Blatt „Leben“ (um 1949) zeigt sie eine Frau, eingebettet in Szenen einer Biografie, wobei die Mutterrolle neben der als arbeitende Künstlerin steht. Schade, dass Kurator Eckhart J. Gillen ihre Illustrationen nur in einer kleinen Auswahl berücksichtigt. Da zeigt sich Baumgarte als souveräne Handwerkerin, die zeittypische Stilmittel zum Beispiel mit dem Titelbild für Marei Hoppes Buch „Bille der Backfisch“ routiniert beherrscht.

Auch die Arbeiten für die Stahlwerke, Aquarelle, Zeichnungen und Collagen aus der Metallverarbeitung, sind aufregend gestaltet. Oft lässt Baumgarte ihre Zeichnungen skizzenhaft offen, was sie dynamisch und lebendig macht. In ihren Aquarellen zeigt sie die Faszination für die Fabrikhallen, für das Labyrinthische der industriellen Prozesse.

In den 1980er Jahren reagiert sie auf Zeittendenzen. Die Umweltbewegung entsteht, 1986 kommt es zur Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. In der Serie „Wintertod“ (1982) stellt sie in großformatigen Aquarellen tote Vögel dar, surreale Szenerien, die von giftfarbenen Nebeln durchwabert werden. Manches, wie das Blatt „Zählt nicht uns, zählt eure Tage“ (1987), wirkt plakativ, überzeichnet. Da arrangiert sie eine Gruppe Punks wie für eine Kinoreklame. Aber ihre Zeichnungen von Obdachlosen sind kraftvoll und genau beobachtet.

Kurator Gillen sieht in den starkfarbigen Afrika-Bildern einen Höhepunkt in Baumgartes Schaffen. Man mag dem nicht recht folgen. Baumgartes Blick auf den Kontinent ist doch sehr touristisch-folkloristisch. Sie zeigt eine Landbevölkerung in Dörfern, edle Wilde, als hätte es im späten 20. Jahrhundert auf dem Kontinent keine Städte gegeben. Der Titel jenes Ausstellungskapitels lautet „Utopie Afrika“. Baumgarte sah im Süden das hoffungsstiftende Gegenbild zu ihrem Überdruss an den europäischen Verhältnissen. Von Kenntnis – zum Beispiel der Nachwirkungen des Kolonialismus, von Apartheid, vom Ausnutzen des Kontinents als Müllkippe des Westens – findet man nichts in ihren Bildern. Und die wuchtigen, vom Expressionismus übernommenen Farben wirken einigermaßen willkürlich gesetzt.

Gleichwohl ist es mehr als schade, dass dieses Lebenswerk, wenn es schlecht läuft mit der Pandemie, unter Ausschluss der Öffentlichkeit aufgefächert wird. Verlängert werden kann die Schau nicht.

Ruth Baumgarte war nie Avantgarde. Aber sie schuf eine eigensinnige Bildwelt, die Beachtung verdient.

Zur Zeit geschlossen,

bis 21.2.2021. www.mkk.dortmund.de, Katalog, Hirmer Verlag, München, 30 Euro, im Buchhandel 34,90 Euro

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