Dortmund spielt Laurie-Penny-Text: „Everything Belongs to the Future“

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Noch ist die Spannung da: Mario Lopatta und Bérénice Brause sind ein Paar in der Uraufführung von Laurie Pennys „Everything Belongs to the Future“ in Dortmund.

DORTMUND Der Blick in die Zukunft ist ein literarischer Ansatz, um Probleme in der Gegenwart anzusprechen. George Orwells „1984“ spielte auf den Überwachungsstaat an und wie das Individuum zwangsangepasst wurde. Laurie Penny, englische Autorin, Bloggerin und Feministin, hat in ihrem Roman „Everything Belongs to the Future“ („Alles gehört zur Zukunft“) zwei Motive für Dystopien in Stellung gebracht: einen zugespitzten Klassengegensatz und die Hoffnung auf Gerechtigkeit als sozialen Kern des Menschseins an sich.

Es geht um den Traum vom ewigen Leben, den sich nur Reiche verwirklichen können. Und auf der anderen Seite um die Frage, wie sich das Mittel gerecht verteilen lässt, das die Unsterblichkeit garantiert.

Pennys Science-Fiction-Story ist am Schauspiel Dortmund in einer Bühnenfassung von Laura N. Junghanns (Deutsch von Anne-Kathrin Schulz) uraufgeführt worden. Im Studio hat Maria Eberhardt eine mehrteilige Oberfläche geschaffen. Hinter dem Rebellenquartier der Künstlerkolonie mit Labor-Plastikzelt und Kebab-Wagen lassen sich zwischen den Monitorflächen Wandteile öffnen, so dass ein Blick in die Universität Oxford möglich ist. Hier wird gefeiert. Die Firma TeamThreeHunderd, die die Vitalpille „The Fix“ entwickelt hat, begeht 2098 den 70. Jahrestag dieser Entwicklung. Sphärische Musik blubbert, spacige Typen stehen beieinander. Dave, Entwickler von „The Fix“, ist misstrauisch geworden, da nur wenigen das Medikament zugute kommt und ein Forscherkollege verschwunden ist. Saladin Hasan hatte den Koran gelesen. Willkür und Ignoranz herrschen. Parker versucht, Dave zu beschwichten. Beide sind fast 100 Jahre alt, aber nur 25 Jahre gealtert.

Die Inszenierung von Laura N. Junghanns rahmt die Handlung um den Bombenanschlag der Rebellen mit zwei Gesprächen von Nina und Alex. Erst werden sie im Holloway-Gefängnis verhört. Nina ist bei dem Anschlag um 65 Jahre gealtert. Bérénice Brause spielt eine impulsive wie radikale Künstlerin, die an die Femen-Bewegung erinnert. Der „Sprengstoff“ sollte den Fix-Schluckern ihren jugendlichen Vorteil nehmen, traf aber auch andere. Ob auch Alex für den Tod einer Frau verantwortlich ist, wird im Gefängnis untersucht. Mario Lopatta ist Ninas Freund, der ihren sozialen Idealismus unterläuft und als Spitzel in der Künstlerkommune beim Establishment Punkte sammelt. Er bekommt „The Fix“. So plant er ein sorgenfreies Leben für sich und Nina. Auf Gemeinsinn hat er keinen Bock.

Sein intellektueller Gegenentwurf ist Dave. Frieder Langenberger gibt dem einsichtigen Forscher Eleganz und Charakter. Der Homosexuelle ist scharfsinnig und spürt ohne Fix ein besseres Lebensgefühl, als ihn das jugendliche Getriebensein verlässt. Langenberger wird immer authentischer inmitten einer chaotischen Gesellschaft.

Die Live-Kamerabilder, die Monitorillustrationen und die Porträtbild-Videos erweitern die Studiobühne um zeitliche Dimensionen. Allerdings sind die Spielszenen in der Künstlerkolonie besondern spannend, wenn es um den Richtungsstreit geht. Das Theaterspiel ist nun intensiv, laut und körperlich. Es sind die besten Momente der Inszenierung. Dabei ist das Motiv, aus Liebe für zwei zu handeln, der antiquiertere Weg zum Glücklichsein. Nina und Alex sind weit auseinander. Zwischen Männern und Frauen stimmt es in unserem Kapitalismus nicht mehr. Frauen werden ausgebeutet. Eine Kernthese von Laurie Penny.

Bei den Zwiegesprächen zwischen Alex und dem intelligenten Computer Cynthia spielt Regisseurin Junghanns auf die Ohnmacht an, die heute herrscht, wenn Konsumenten beim Telefonieren auf Sprachcomputer treffen. Das amüsiert und ist zeitnah.

Die Schauspieler – Kevin Wilke spielt den systemkonformen Forscher Parker, der Dave bekehren will, hintertrieben und schmierig – gehören zum Schauspielstudio, einer neuen Einrichtung des Theater Dortmund. Vier Studenten der Kunstuniversität Graz arbeiten derzeit in Dortmund. Nach „Everything Belongs to the Future“ sind sie Teil der Produktion „Tartuffe“.

20., 27. 10.; 3., 17., 25. 11.;

Tel. 0231/5027 222;

www.theaterdo.de

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