Dortmund feiert 50 Jahre Werkkreis Literatur der Arbeitswelt

Das Logo des Werkkreises gestaltete Ilse Straeter. Foto: aus dem Band Literatur in Westfalen

Dortmund – Der Metallarbeiter Günter Hinz reimte Klartext auf die Frage, warum er schreibe: „Mein Stil ist hart – ich schreibe ungebeten, / den Spießern mach ich unterm Hintern Dampf. / Ich bin Prolet und schreibe für Proleten. / Mein Wort soll Waffe sein im Klassenkampf.“

Das Dichten hatte Hinz im Werkkreis Literatur der Arbeitswelt gelernt. Eine einzigartige Einrichtung: In Werkstätten sollten Arbeiter dazu gebracht werden, aus ihrem Alltag zu berichten. Vor 50 Jahren, am 7. März 1970, wurde der Werkkreis in Köln gegründet. Das Jubiläum wird groß gefeiert: Das Fritz-Hüser-Institut in Dortmund, das den Nachlass des Werkkreises verwahrt, richtet das Festival „works & cycles“ aus. Bis November sollen bundesweit Veranstaltungen aller Sparten ein breites Publikum ansprechen, ganz im Geiste der ursprünglichen Werkkreis-Macher.

Die Arbeitswelt war ja schon vorher durchaus in der deutschen Literatur angekommen, zum Beispiel in der Dortmunder Gruppe 61 mit Autoren wie Max von der Grün, Josef Reding, Günter Wallraf. Aber da schrieben noch immer nicht die Arbeiter selbst. Erasmus Schöfer, einer der Gründer des Arbeitskreises, gehörte zu den Kritikern. Er forderte, dass die Arbeitswelt selbst zu reden beginnen solle. Schriftsteller sollten in Werkstätten Arbeitern helfen, ihre Erfahrungen in Texten auszudrücken. Die Autoren der Gruppe 61 stimmten einer entsprechenden Satzungsänderung nicht zu. Also entstand der Werkkreis.

Schöfer, heute 90, berichtet von den frühen Erfolgen. Der Verband Deutscher Schriftsteller VS beschloss unter anderem auf Antrag von Heinrich Böll und Martin Walser, den Werkkreis zu unterstützen. Es begann mit Schreibwettbewerben. Die besten Texte erschienen in Sammelbänden wie „Ein Baukran stürzt um“ (Piper Verlag), später in der legendären Reihe des Fischer Verlags mit Titeln wie „Als wärest du kein Mensch“, „Liebe Kollegin“, „Die Kinder des roten Großvaters erzählen“, „Sehnsucht im Koffer“. Ziel war, so erläutert Schöfer, nicht „Qualität im Sinne der bürgerlichen Kultur“, sondern eine literarische Einmischung, der Versuch, die Gesellschaft zu verändern. Die Arbeiter selbst sollten in den bundesweit rund 30 Werkstätten unverfälscht zu Wort kommen. Und klar war auch, dass man sich nicht am Markt orientierte, sondern politisch wirken wollte. Die Themen waren erstaunlich zeitlos, sprachen vieles an, was auch heute noch interessiert: Streiks, Rationalisierung, Emanzipation der Frau, Migration. Der Werkkreis suchte den Schulterschluss mit den Gewerkschaften, „da wollten wir hin“, so Schöfer.

Die Bewegung hatte durchaus Erfolge. Es gab neue Veranstaltungsformen. 1970 schrieb die Neue Ruhr-Zeitung in Essen über eine Veranstaltung in Essen neben der Kokerei Emil. Da las unter anderem Richard Limpert sein Gedicht „Werk-Mai und wir“. Nachdem er mit den Zuhörern diskutiert hatte, packte er zusammen und ging zur Arbeit: „Um zwei Uhr war Schichtbeginn!“

Die Buchreihe gehörte in den 1970er Jahren zur Grundausstattung vieler Haushalte. Es erschienen rund 60 Bände mit einer Auflage von mehr als einer Million Exemplaren. Heute sind nur noch einige Werkstätten in Süddeutschland aktiv. Auch der Fischer-Verlag stellte die Reihe 1986 wegen schlechter Absatzzahlen ein. Heute, so Schöfer, hätten oft Volkshochschulen die Nachfolge des Werkkreises angetreten, allerdings mit anderer Zielgruppe: „Da dürfen Hausfrauen und Jünglinge ihre Herzensergießungen üben.“

Heute sind die meisten Werkkreis-Bände nur noch antiquarisch zu haben. Eine Reihe von Autoren hat sich freigeschrieben, Heinrich Peuckmann ist inzwischen Generalsekretär des PEN Deutschland. Von Horst Hensel liegen etliche Romane vor wie auch von Schöfer.

Das Fritz-Hüser-Institut in Dortmund verwahrt den Nachlass des Werkkreises, rund 50 Regalmeter Material, so Direktorin Iuditha Balint. Dort hat man das Jubiläumsprogramm organisiert, das am Samstag mit einer Festveranstaltung im Museum für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund eröffnet wird. Sie sieht den Werkkreis in einer Vorreiterrolle für eine dokumentarische Schreibweise. Und sie unterstreicht, dass hier schon früh Themen angesprochen wurden, die bis heute relevant sind. Das Programm soll an vielen Orten unterschiedliche Interessenten ansprechen, von der Nordstadt bis zum bürgerlichen Theatergänger.

Auch die Geschichte des Werkkreises wurde vom Institut aufgearbeitet und in einem Sonderteil in „Literatur in Westfalen. Beiträge zur Forschung“ zusammengefasst, mit Essays, Porträts, Materialien und Fotos. Darin wird zum Beispiel die Rolle des Werkkreises als Übungsraum für Krimiautoren aufgearbeitet, aus dem Autoren wie Werner Schmitz, der Pionier des Ruhrpott-Krimis („Nahtlos braun“), Frank Göhre („Der Schrei des Schmetterlings“), Heinrich Peuckmann und Horst Hensel hervorgingen. Es wurde auch versucht, Theatergruppen und Grafiker zu fördern, Beispiele aus den Grafikwerkstätten sind abgedruckt. Und Ilse Straeter erzählt im Interview, wie sie das markante Logo mit der Faust, dem Stift und dem Schraubenschlüssel entwickelte.

Und vielleicht ist es ja immer noch Zeit für eine Haltung, wie sie Liselotte Rauner 1974 im Gedicht „Schreibender Arbeiter“ formulierte. Sie schreibt vom „Gewinn den wir erstreben / ist Freiheit für ein sinnerfülltes Leben / heißt Mitverantwortung in unserem Land“.

Das Veranstaltungsprogramm beginnt am Samstag, 7. März, 18 Uhr im Museum für Kunst und Kulturgeschichte mit Reden und einer Podiumsdiskussion über „kollektives künstlerisches Arbeiten“ (Eintritt frei, Anmeldung: anmeldung@stadtdo.de) Ein Schreibwettbewerb richtet sich an junge Autoren. Texte bis 11.3. unter kbecker@stadtdo.de Horst Hensel stellt sein Romanprojekt „Salz & Eisen“ vor, Literaturhaus Dortmund, 19.3., 19 Uhr Das komplette Programm unter www.fhi.dortmund.de Walter Gödden / Arnold Maxwill (Hgg.): Literatur in Westfalen. Beiträge zur Forschung 17, mit Sonderteil Werkkreis Literatur der Arbeitswelt. Aisthesis Verlag, Bielefeld. 544 S., 29,80 Euro

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