Dortmund bietet dem Kunstspaziergänger eine Fülle sehenswerter Skulpturen

Archaisch wirkt der „Chip“ von Stefan Sous. Foto: Stiftel

Dortmund – Der Kampf gegen die Pandemie ist noch nicht beendet. Die Museen bleiben geschlossen, obwohl man hier mit Abstand abschalten und genießen könnte. Es bleibt der öffentliche Raum. Heute führt unser Kunstspaziergang nach Dortmund.

Die einstige Stahl- und Biermetropole hat ihren Kunstbestand seit zehn Jahren erschlossen. Die frühere stellvertretende Leiterin des Museums am Ostwall, Rosemarie E. Pahlke, leitet eine Stabsstelle, bietet (zur Zeit natürlich nicht) Führungen an, arbeitet einen disparaten Bestand kunsthistorisch auf. Fast 900 Werke erschließt eine Website, leider nicht immer auf dem neusten Stand und etwas unübersichtlich.

Wir konzentrieren uns auf die Innenstadt und beginnen in Bahnhofsnähe am Platz von Amiens. Dort, direkt am Museum für Kunst und Kultur, liegt der fast zehn Meter durchmessende „Chip“, mit dem Stefan Sous 2007 den Kunstpreis NRW der Sparda-Bank West gewonnen hat. Die Stahlskulptur wirkt wie ein riesiger Faustkeil, archaisch und modern zugleich. Wir wenden uns zum Museum. Neben dem Eingang stehen in einer Nische zwei Figuren von Friedrich Bagdons. Für die Stadtsparkasse schuf er 1923 Symbole für das Leid durch den Krieg und die Hoffnung auf einen Neuanfang im Stil des Expressionismus.

Die Kunst kam oft als Auftrag oder Stiftung in die Stadt. Nicht immer geschah das konfliktfrei. Im Freistuhl vor der Sparkasse finden wir die „Drei Musen“ von Theo Uhlmann. Sie ersetzten 1988 eine kinetische Edelstahlplastik. Pikant: Der Künstler saß im Verwaltungsrat der Bank, der den Auftrag vergab. Den anschließenden Sturm der Kritik überdauerte die Arbeit. Unweit in der Kampstraße findet sich die Skulptur „Kommunikation?“ (1982) von Heinrich Brockmeier, zwei sich gegenüber sitzende Figuren, bei denen die Möbel weggelassen wurden. Kein herausragendes, aber ein zeittypisches Werk.

Nun wenden wir uns Richtung Wall. Vor dem Bau- und Sparverein stehen zwei schlanke Stelen: „Optionen“ (2011). Der Hammer Künstler Gordon Brown hat aus zwei Lärchenstämmen angedeutete Hochhäuser geschnitzt, wobei in jeder Fensternische ein kleines Häuschen sitzt. Am Wall geht es rechts zum U, wo unter anderem die „Dortmunder Rosen“ (2018) stehen, staksige Laternengebilde aus Autoscheinwerfern. Nach einer Renovierungspause laufen auch wieder die grandiosen „Fliegenden Bilder“ Adolf Winkelmanns oben am Kunstgebäude. Im Februar werden sie für weitere Arbeiten erneut für einige Wochen abgeschaltet.

Wir wenden zum Hohen Wall. Vor der Thier-Brauerei stehen zwei abstrahierte Granitpferde von Willy Meller (1955). Ein Stück weiter am Hiltropwall ist die vergoldete „Fortuna“ (1954) von Gerhard Marcks nicht zu übersehen. Die weihevolle Göttin, die Schicksal und Reichtum verkörpert, wacht passenderweise vor der Filiale der Bundesbank. Gegenüber scheinen ein Vorhang und geisterhafte Gestalten aus der Fassade des Schauspielhauses zu drängen. Das „Szenario“ schuf 1986 Bernd Altenstein. Wir überqueren den Platz der alten Synagoge und die Hansastraße. Am Eingang zum Stadtgarten stehen zwei Sandsteinreliefs von Pan und einer Nymphe. Die 1913 geschaffenen Figuren zierten das alte Olympiatheater, das im Zweiten Weltkrieg ausgebombt wurde. Jahrelang nutzte der Abbruchunternehmer die Reliefs in seinem Privatgarten, bis die Stadt sie 1990 kaufte und am neuen Ort aufstellte.

Im Stadtgarten wird an Eberhard Linkes „Gauklerbrunnen“ (1982) gerade gebaut. Am Eingang zur U-Bahn schwenkt der urige „Bierkutscher“ von Artur Schulze-Engels sein Fass (1964). Auf dem Friedensplatz erhebt sich 8,50 Meter hoch, gekrönt von einer Goldkugel, die „Friedenssäule“ (1989) von Susanne Wehland. In den Sprachen der Partnerstädte ist zwischen abstrahierten Figuren das Wort „Frieden“ zu lesen.

Wir gehen durch den Garten zum Südwall und biegen in die Ruhrallee. An der Ecke vor dem Landesbehördenhaus steht die fünf Meter Hohe Aluminiumskulptur „II/1969“ (1969), die Karl Josef Dierkes als Steckspiel aus vieleckigen Platten gestaltete. Wir überqueren die Ruhrallee zum Platz von Rostow. Vor der U-Bahnstation galoppieren die bronzenen „Kosakenpferde“, ein Geschenk von Dortmunds Partnerstadt Rostow, entworfen von Alexej Karkow, ausgeführt von Artur Schulze-Engels. Wir überqueren den Ostwall. Vor der Hauptverwaltung der DEW21 errichtete Michael Odenwaeller die „Energiesäulen“ (2005) aus Stahllamellen. Wir folgen der Kleppingstraße und biegen in die Olpe ein, zum Baukunstarchiv NRW. Davor und im kleinen Park hinter dem einstigen Museum am Ostwall finden sich moderne Metallskulpturen. Ansgar Nierhoff montiert drei rechteckige Platten aus Corten-Stahl zu einem gleichzeitig massiven und fragilen Gebilde (1982/83). Das Metall scheint geradezu zu tanzen. Wilfried Hageböllings „Passage“ (1984/85) ist von Graffiti verunstaltet. Man kann die winklige Konstruktion aus Stahlelementen betreten. Aus geometrischen Elementen hat auch Heinz-Günter Prager 1981 seine „Liegende Zylinderskulptur II“ geschaffen. In den 1960er Jahren nutzten Künstler Formen und Bauteile der Industrie. Beispiele sind im Park Gerlinde Becks „Säulenwand“ (1969/78) und vor dem Bau Friedrich Gräsels „AC II/Große ovale Ringfigur“ (1966).

Auf dem Grünstreifen am Ostwall findet sich Kunst einer ganz anderen Epoche, das Denkmal für Heinrich Schüchtermann von Gerhard Janensch (1899). An den Unternehmer, Wohltäter und politischen Visionär, dem Dortmund unter anderem den Hafen verdankt, erinnern Figuren dankbarer Kinder und eines in die Arbeit vertieften Maschinenbauers.

Wer noch Energie hat, kann den Spaziergang auf die Rückseite des Hauptbahnhofs ausdehnen. An der Steinstraße findet man vor der Hauptpost das Ensemble „Lebensrhythmus“ (1989) von Michael Schwarze, Mischgestalten aus Körperteilen und Körpern. Gegenüber, im Treppenhaus des Arbeitsamts, hat Emil Schumacher eine monumentale Wandarbeit (1994/95) geschaffen. 128 Keramikplatten zeigen die für den Hagener Maler typischen informellen Gesten. Die Glasur behandelte er expressiv wie die Farbe bei seinen Gemälden. Auch wenn man das Gebäude nicht frei betreten kann, sieht man das Werk durch die Frontverglasung.

www.dortmund.de/de/freizeit_und_kultur/museen/kior/alle_kunstwerke/index.html

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare