„Doing the Document“: Museum Ludwig stellt die Schenkung Bartenbach vor

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Das Foto blickt zurück: August Sanders „Gesichtsstudie Auge“ gehört jetzt dem Kölner Ludwig. Museum

KÖLN - Überlebensgroß ist das Auge ins Bild gerückt. Man sieht die Äderchen, den feuchten Schimmer, in der Pupille spiegelt sich das Atelier von August Sander. Diese „Studien zum Menschengesicht“ des berühmten Fotografen sind kaum bekannt. Es sind Raritäten, wie auch der angeklebte, maschinengetippte Fotovermerk ahnen lässt. Jetzt gehört die Serie dem Kölner Museum Ludwig.

Eine komplette Fotosammlung hat das Haus geschenkt bekommen, die der Familie Bartenbach. Der Anwalt Kurt Bartenbach, seine Frau Ursula und die Töchter Anja und Britta haben sich von mehr als 200 Fotos getrennt. Museumsdirektor Yilmaz Dziewior betont, dass diese Werke von 19 Fotografen Lücken in der Sammlung schließen. Es sind Meisterwerke der Fotografie von Künstlern wie Diane Arbus, Karl Blossfeldt, Lee Friedlander, Garry Winogrand, aber auch einzigartige Dokumente wie eine Bewerbungsmappe, die der mit Sander befreundete Journalist Fritz Husten 1931 beim Ullstein Verlag einreichte.

Es verwundert, dass es in der Sammlung des Museums überhaupt Lücken gibt. Das Haus hat einen Schwerpunkt auf Fotografie und besitzt rund 70 000 Werke vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Bislang allerdings gab es im Haus keine Aufnahmen des berühmten US-Fotografen Walker Evans (1903–1975). Nun kommen 44 Bilder von ihm ins Haus, eine ganze Reihe davon sehr klein, fast im Format von Kontaktabzügen. Aber dafür sind einige Inkunabeln der Fotografie dabei wie das Porträt des Farmers Bud Fields aus dem Bildband „Let us now praise famous men“ oder die Aufnahmen mit versteckter Kamera aus der New Yorker U-Bahn. Und es gibt auch bislang kaum bekannte Entdeckungen wie die Serie von Gladiolenblüten, die Evans 1929 in der Gärtnerei seines Vaters aufgenommen hatte.

Schon vor drei Jahren hatten die Bartenbachs die Schenkung vollzogen. Erst jetzt wird sie der Öffentlichkeit vorgestellt. „Wir haben uns Zeit gelassen“, sagt Dziewior. Die Kuratorinnen Barbara Engelbach und Miriam Halwani bearbeiteten die Bilder und stellten mit ihnen die Ausstellung „Doing the Document“ zusammen. Die Sammler konzentrierten sich auf künstlerische dokumentarische Fotografie. Das heißt, dass in den Aufnahmen einerseits Realität eingefangen wurde. Aber, erläutert Engelhard, die Wirklichkeit wurde eben in eine bestimmten Moment aus einer bestimmten Perspektive fixiert. In den Arbeiten der Ausstellung sind Fotografien nicht Abbild, sondern gestaltetes Bild.

Was damit gemeint ist, erkennt man in der Ausstellung schnell, zum Beispiel in dem Raum, der August Sander gewidmet ist. Seine Porträts folgen einem strengen Gestaltungskonzept. Und seine Gesichtsstudien sind schon durch die Beschriftung als konzeptuell erkennbar.

Seit 30 Jahren sammeln die Stifter. Damals sei Fotografie noch erschwinglich gewesen, sagt Kurt Bartenbach. Ihre Sammlung erweist sich in der Schau als durchdacht. Bei vielen Künstlern ergaben sich Serien, obwohl die Sammler die Fotos nach und nach erwarben. Aber schön wird deutlich, wie Max Regenberg mit seinen Aufnahmen von Plakattafeln im Stadtraum Zeitdokumente der Bundesrepublik um 1980 schuf, ebenso wie Tata Ronkholz mit ihrer Serie von Kiosken aus dem Rheinland. In die 1970er Jahre führen Gabriele und Helmut Nothhelfer zurück mit ihren eindringlichen Porträts von Menschen bei Festen und Veranstaltungen. Miriam Halwani sieht in diesen Bildstrecken Zeitkapseln der alten Bundesrepublik. Die Nachkriegszeit wird in den Vorher-Nachher-Aufnahmen von Karl Hugo Schmölz deutlich, der Bilder des zerbombten Köln aufnahm und mit früheren Fotos der selben, unzerstörten Orte konfrontierte.

Die Kuratorinnen finden auch eine Verbindung zwischen den Fotografen aus dem Rheinland und denen aus den USA. Walker Evans kannte und schätzte das Werk von August Sander. Selbst seine Blumenfotos beziehen sich auf Vorbilder aus Europa, die hoch ästhetischen Makro-Aufnahmen, die Karl Blossfeldt von Pflanzen erstellte. Über beide Kollegen hat Evans später auch geschrieben. Auf Blossfeldt bezieht sich offensichtlich auch Lee Friedlander in einer Serie von Blumenvasen, bei denen er nur die Stängel aufnahm. Und die Porträts von Exzentrikern wie der jungen Frau mit Zigarre und Madame Alix Greis, die Diane Arbus in den 1960er Jahren aufnahm, beziehen sich in ihrem ruhigen Aufbau auf die typologischen Serien Sanders.

So bietet die Schau einen prägnanten Querschnitt durch die Fotogeschichte – mit Ausreißern: So sind auch Aufnahmen des britischen Malers David Hockney zu sehen. Die pastellfarbigen Fotos von Swimming Pool korrespondieren mit seinen berühmtesten Gemälden.

Bis 6.1.2019, di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0221/ 221 261 65,

www.museum-ludwig.de,

Katalog, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 25 Euro

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