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Die Photographische Sammlung in Köln stellt ihre Bestände vor

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Von: Ralf Stiftel

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Jerry L. Thompsons Porträt entstand am 19 Juni in Williamsburg.
Körpergestaltung als Ausdruck von Identität: Jerry L. Thompsons Porträt entstand am 19 Juni in Williamsburg. Zu sehen in Köln. Foto: © Jerry L. Thompson/ SK Kulturstiftung © Jerry L. Thompson

Köln – Die junge Frau blickt direkt in die Kamera. Sie hat dafür gesorgt, dass sie auffällt. Dafür sorgt schon das farbige Tattoo einer Frau mit Sonnenschirm auf ihrem linken Oberarm. Den Katzenkopf auf ihrem anderen Arm sieht man, ein weiteres Motiv auf ihrer Brust am Ausschnitt des Hemds kann man nur ahnen. Dazu kommen einige Piercings und ein kräftiges Make-Up, das besonders den Kontrast zwischen den streng geschnittenen blonden Haaren und den Augenbrauen akzentuiert. 

Es scheint wie eine Zufallsbegegnung, und doch hat Jerry L. Thompson sein Porträt vom 19. Juni 2016 präzise komponiert. Er nahm die junge Frau vor Plakaten auf, deren Gelb das Blau des Shirts steigert. Und er fing ein sehr aktuelles Phänomen ein: Die junge Frau versucht, sich durch den Körperschmuck unverwechselbar zu machen, einzigartig. Dabei hängt der großformatige Abzug an einer Wand neben einer ganzen Serie sehr ähnlicher Aufnahmen.

Zu sehen ist sind die Aufnahmen in der Photographischen Sammlung der von der Sparkasse Köln Bonn getragenen SK Kulturstiftung in Köln. Seit 25 Jahren besteht nun der Ausstellungsort im Mediapark. Im Jubiläumsjahr greift das Institut in zwei Ausstellungen auf seine enorm angewachsene Sammlung zurück. Die erste Schau widmet sich mit rund 380 Bildern von 25 Fotografen den Themen „Porträt, Landschaft, Botanik“. Leiterin Gabriele Conrath-Scholl weist darauf hin, dass die erste Ausstellung 1997 schon unter dem Titel „Vergleichende Konzeptionen“ stand. Daran knüpfen die aktuellen Projekte an.

Mit seinen zwischen 2013 und 2016 entstandenen „Street Portraits“ greift der 1945 geborene Künstler ein Konzept auf, das der Kölner Fotograf August Sander (1876–1964) fast ein Jahrhundert früher entwickelt hatte mit seiner Serie „Menschen des 20. Jahrhunderts“. Die Fotografie wurde dabei als Instrument zur Untersuchung und Dokumentation der gesellschaftlichen Vielfalt eingesetzt. Sander nahm tausende Porträts auf und sortierte sie in Gruppen wie „Der Bauer“, „Der Handwerker“, „Die Stände“. Und das einzelne Bild stand nicht mehr für sich, sondern wurde in einem konzeptionellen Überbau integriert. Sander wurde damit zu einem bis heute prägenden Vorbild.

Mit dem August Sander Archiv begann die Photographische Sammlung. Sie besitzt den größten Bestand überhaupt, rund 10 500 Negative und 6000 Originalabzüge. Insgesamt hat das Institut laut Conrath-Scholl 40 000 Fotos. In der Sammlung sind Bestände von Klassikern wie Eugène Atget, Walker Evans, Albert Renger-Patzsch, Karl Blossfeldt und Chargesheimer. Hinzu kommt ein bedeutendes Konvolut des Fotografenpaars Bernd und Hilla Becher, das einerseits mit seinen formal streng gestalteten Serien bei Sander anknüpft, andererseits mit bedeutenden Schülern wie Andreas Gursky, Candida Höfer, Simone Nieweg, Thomas Struth, Boris Becker selbst stilprägend wirkte.

August Sander gibt mit mehreren Werkgruppen den roten Faden durch die Ausstellung her. Eine Auswahl von rund 50 Aufnahmen vermittelt einen schönen Eindruck seines Porträt-Projekts. Es fasziniert, wie sich von hier Beziehungen zu zahlreichen Folgeprojekten herstellen lassen. Das beginnt mit der „Ode an August Sander“ , mit der der niederländische Fotograf Hans Eijkelboom 1981 das serielle Prinzip auf seine Aufnahmen in Fußgängerzonen übertrug. Er sortiert seine Zufallsporträts unter Kategorien wie „Menschen vom Land“, „Halbstarke“, „Arbeiter“, „Bonzen“. Sein Ordnungsraster, das wird in der Reihung deutlich, ist willkürlich und zufällig.

Die Fotografie erweist sich als Versuch, Ordnung in die Welt zu bringen, mal mit mehr Ironie, mal ganz ohne. Dazu gehören auch die Bilder tätowierter junger Menschen von Jerry L. Thompson. Oder die Serie „J_Subs“, die Oliver Sieber 2006 in Osaka und Tokio aufnahm, Menschen, die durch mächtige Irokesenschnitte, Hüte und Jacken ihre Zugehörigkeit zur Punk- und Rockabilly-Szene ausdrücken. Zu sehen ist in Köln auch eine Serie, die Candida Höfer noch während ihres Studiums bei Bernd Becher fertigte, „Türken in Deutschland“. Bei ihren Schwarz-Weiß-Bildern einer Metzgerei in Köln (1975) und einer Familie im Wohnzimmer in Ratingen (1976) bezieht sie aber Arbeits- bzw. Lebensumfeld der Porträtierten ein. In der Schau zeigt sich der Reichtum der Sammlung auch in den Porträts von Judith Joy Ross, die Schüler in Cleveland und Berufstätige ablichtete, hinreißend das Bild eines Polizisten (1990): Fleisch gewordene Autorität. Andreas Mader macht seine Freunde zum Thema des Langzeitprojekts „Die Tage Das Leben“. Der Betrachter wird mit Brüchen und Kontinuitäten konfrontiert. Auf das Bild von Pia, Bettina und Benno von 1993 folgt ein Hochzeitsbild von Gitte und Benno von 2001.

Die Ausstellung arbeitet aber noch weitere Themen ab, die Sander ebenfalls beschäftigten. Ein Werkkomplex sind die „Handstudien“ aus den 1920er Jahren. Aber er befasste sich außerdem mit botanischen Studien und Landschaften. Auch hier arbeitete er in Serien, wie eine Bildgruppe mit Panoramen aus dem Siebengebirge zeigt, wo er bestimmte Orte im Lauf der Jahreszeiten immer neu ablichtete. Und er fotografierte Pflanzen in Nahaufnahmen. Diese Bilder stehen im Kontext der berühmten Makroaufnahmen, die Karl Blossfeldt von Kürbisranken, Blüten und Knospen machte. Hier hängen auch die ältesten Fotografien der Ausstellung. August Kotzsch (1836–1910) Pilze im Weinberg und Kohlrabi auf, sein Bild „Wurzeln über Felsgestein“ (um 1870) zeigt nuanciert die Struktur einer Abbruchkante im Wald bis in feinste Wurzelstränge. Hier findet man auch Bilder, die in den 1920er Jahren für den Folkwang-Auriga-Verlag entstanden, eine Gründung von Karl Ernst Osthaus. Bei vielen der hochästhetischen Nahaufnahmen wie der Knospe einer Zinnia elegans (1929/30) sind die Fotografen nicht mehr zu ermitteln.

Ins Detail geht auch Natascha Borowsky in ihrer Serie „Remedies“ (1998). Sie nahm Heilmittel der traditionellen chinesischen Medizin auf, als isolierte Objekte vor monochromem Hintergrund, die sie in repräsentativen Großformaten abzog. Sie gibt keine Informationen zu den Objekten, eins könnte die Flosse eines Rochen sein, man erkennt eine Schlangenhaut. Unscheinbarer wirken die Tafeln, auf denen Simone Nieweg Gemüsegärten (2004) zeigt. Erst wenn man lange hinschaut, erschließt sich die Detailfülle dieser Arbeiten.

Bis 10.7.,

tägl. außer mi 14 – 19 Uhr, Tel. 0221/888 95 300, www. photographie-sk-kultur.de

im Herbst folgt Teil 2 der Sammlungspräsentation, „Urbanes Leben, Architektur, Industrie“

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