1. wa.de
  2. Kultur

Die Choreografin Joana Tischkau entlarvt am Theater Oberhausen das Phänomen „Karneval“

Erstellt:

Von: Ralf Stiftel

Kommentare

Szene aus der Choreografie „Karneval“ am Theater Oberhausen mit Sophia Hankings-Evans, Moses Leo und Dori Antrie.
Dieser König Karneval glänzt mit echtem Gold: Szene aus der Choreografie „Karneval“ am Theater Oberhausen mit Sophia Hankings-Evans, Moses Leo und Dori Antrie. Foto: Katrin Ribbe © Katrin Ribbe

Oberhausen – Wenn der Bass pumpt, wenn die Autotune-Chöre einem die Ohren wegblasen, wenn die glitzerbunten Kostümierten wild tanzen oder sich in einer sinnlichen Polonaise aneinander schmiegen, dann hat dieser Abend so richtig Power. Ein Rausch, wie es sich gehört für „Karneval“. Was treibt Joana Tischkau, eine Woman of Color aus Norddeutschland, dazu, dem deutschen Brauchtum eine Choreografie zu widmen? 

Sie findet hinter den Frohsinnsmasken Auswüchse an Rassismus, den sie mit einem „Playback-Musical“ entlarven will. Das Ergebnis ist ein Abend am Theater Oberhausen mit allem, was Nicht-Jecken auf die Nerven geht: Schlagern, Kostümen, Prunksitzungen.

Es beginnt mit einer Mauer aus Bierfässern, die auf die Installation von Christo und Jeanne-Claude 1999 im Gasometer anspielt. Hier ziehen Clowns einzelne Bierfässer heraus und öffnen so Türen und Fenster für weitere Akteure. Man tafelt und kippt Bier. Man trägt Scheinkämpfe aus zwischen weißen und bunten Clowns. Und man grimassiert zu eingespielten Textfragmenten und Liedern. Da kommt Annegret Kramp-Karrenbauer zu Wort, die die „Kultur des Karnevals“ verteidigt, dabei hatte sie diskriminierend über queere Personen gescherzt. Thomas Gottschalk hat einen Auftritt, der meinte, sich mit Blackfacing wie sein Idol Jimi Hendrix fühlen zu können. Der Nachkriegsschlager über die „Eingeborenen von Trizonesien“ wallt auf mit all seinen postfaschistischen Klischees, wenn es etwa heißt: „Wir sind keine Menschenfresser“. Die sonst sehr aufdringlichen elektronischen Verfremdungen haben hier Sinn: Das im Original so biedere Schunkellied klingt wie der Schlachtengesang aus dem Zombiekeller (Musik: Frieder Blume).

Es ist eine wilde Collage aus Momentaufnahmen, unsystematisch und leider oberflächlich. Das „Trizonesien“-Lied ist sicher nicht mehr unter den Top-Hits, wenn die Närrinnen und Narralesen nach der Pandemie wieder feiern dürfen. Dieser Theaterabend dreht sich um einen Eindruck, eine Wahrnehmung von Karneval, die ausschließlich auf die dunklen Seiten des Phänomens schaut. Sicher gibt es aktuelle Beispiele, gerade unter Laien-Humoristen sind Ausfälle wahrscheinlich in Sachen Rassismus, Ausgrenzung, Dummheit. Aber statt dieses konkrete Material aufzuspüren und aufzubereiten, nimmt Tischkau für ihre Performance, was ihr gerade unterkommt. Das macht den Abend so bequem und beliebig.

Da muss noch einmal das mit Recht bekannt gewordene Interview mit AfD-Chef Tino Chrupalla herhalten, der gefordert hatte, dass deutsche Schüler mehr deutsche Gedichte lernen sollen. Aber als der Schüler-Reporter ihn nach seinem Lieblingsgedicht fragte, fiel dem rechten Politiker keins ein. Diese Szene entfaltet ihre entlarvende Komik unübertrefflich im Original. Sie verliert an Kraft, wenn man den Text einspielt und zwei Schauspieler dazu Faxen machen, wenn der Name des Hauptakteurs nicht genannt wird. Vor allem aber hat es nun wirklich nichts mit Karneval zu tun. Es erklingt der Schlager „Ein bisschen Spaß muss sein“, und man kann Roberto Blanco manches vorwerfen. Blackfacing sicher nicht. So irrlichtert die Inszenierung um ihre Themen herum, ohne sie zu durchdringen. Auch der Disney-Film „König der Löwen“ arbeitet mit einem rassistischen Bild von Afrika. Aber was die eingespielten Szenen um den verirrten Simba über das jecke Treiben aussagen, bleibt an diesem Abend Geheimnis der Regisseurin.

„Karneval“ ist ohrenbetäubend laut, manchmal rätselhaft. Manchmal findet die Produktion wirklich scharfe Bilder, zum Beispiel wenn der Tisch des Elferrats unten einen roten Kiefer bildet mit weißen Zahnschildern obendrauf: Die Jecken tagen im Maul eines Monsters (Bühne: Carlo Siegfried).

Die Truppe um Joana Tischkau kehrt den Spieß um. Sie eignet sich eine exotische Kultur an. Das Zerrbild des Karnevals wird mit sichtbarer Lust an der Performance präsentiert. Wie da getanzt und posiert wird, mit welcher Coolness zum Beispiel Moses Leo die Afro-Perücke und das weite rote Rüschencape trägt als Zeremonienmeister des Quatsches, das würde jede Prunksitzung bereichern. Vielleicht ist das eine Lösung: Nicht die Trennung der Kulturen, sondern eine möglichst bunte Mischung, die das Andere, das Fremde heimisch macht. Dann könnte man sich auch das Schluss-Grafitto sparen, das fordert: „Jecken raus“.

19., 26., 27.2., 5., 11., 12., 19.3.,

Tel. 0208/ 8578 184, www.theater-oberhausen.de

Auch interessant

Kommentare