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Die Bundeskunsthalle in Bonn zeigt „Das Gehirn in Kunst und Wissenschaft“

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Von: Ralf Stiftel

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Wachsmodelle von André-Pierre Pinson (Frankreich, 18. Jh.) aus dem Musée de l‘homme in Paris
Schöne Demonstrationsobjekte: Wachsmodelle von André-Pierre Pinson (Frankreich, 18. Jh.) aus dem Musée de l‘homme in Paris, zu sehen in Bonn. © Ralf Stiftel

Bonn – Das Gehirn stellt die Menschen vor Rätsel. Wie genau unser Denken funktioniert, hat selbst die Magnetresonanztomographie noch nicht abbilden können. Forscher sehen, dass bestimmte Hirnzonen in bestimmten Momenten erhöhte Aktivität aufweisen, beim Sprechen vielleicht andere als beim Betrachten eines Films. Man weiß, dass in den durchschnittlich 1350 Gramm Nervenmasse in unserem Kopf unglaublich viele Rechenprozesse ablaufen. Die Speichergröße unseres Hirns beträgt angeblich rund 200 Milliarden Gigabyte. Aber hilft uns eine solche Zahl weiter?

Eine Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle versucht, dem komplexesten Organ des Menschen näher zu kommen. Die Kuratorinnen Henriette Pleiger und Johanna Adam haben für „Das Gehirn in Kunst und Wissenschaft“ mehr als 300 Exponate in fünf Themenkapiteln inszeniert.

Zunächst wird das Organ an sich thematisiert. Schon in der Steinzeit öffneten Menschen Schädel und führten Operationen durch. Die Ägypter hielten das Herz für das zentrale Steuerorgan des Körpers. Dem Hirn schenkten sie weniger Respekt, beim Einbalsamieren wurde es entfernt. Aber schon der antike Philosoph Hippokrates von Kos (um 460–370 v. Chr.) sah das Hirn als Sitz des Verstandes an, während Aristoteles es nur für eine Art Kühlaggregat für den Körper hielt. In Bonn findet man neben einem ägyptischen Haken zur Entfernung des Hirns beim Mumifizieren anatomische Darstellungen und Modelle. Der niederländische Kupferstecher Pieter van Gunst zeigt in seinen Blättern (1685, nach Zeichnungen von Gerard de Lairesse) den geöffneten Schädel mit der aufgeschnittenen Hirnhaut und den markanten Windungen des Hirns. Hoch ästhetisch sind die Wachsnachformungen, die André-Pierre Pinson (1746–1828) von einer Frauenbüste schuf. Vor dem lächelnden Kopf mit der abgenommenen Schädeldecke liegen die Teile des Hirns. Daneben steht Pinsons „Frau mit der Träne“, ein halbierter Kopf, auf der einen Seite sieht man ein lebendig wirkendes Porträt, auf der anderen das frei gelegte Innenleben mit Knochen, Zähnen, Speiseröhre, Luftröhre und eben Gehirn. Die Künstlerin Isa Genzken schuf 2010 ein Selbstporträt aus CT-Aufnahmen ihres Kopfes: „Mein Gehirn“.

Im nächsten Kapitel geht es darum, wie das Organ arbeitet. Lange konnten Wissenschaftler nur vermuten, in welcher Weise das Gehirn denkt und steuert, welche Funktion wo angesiedelt ist. Der Anatom Franz Joseph Gall (1758–1828) wollte aus der Schädelform Charakterzüge und mentale Funktionen ableiten. Er markierte auf Schädeln Bereiche, die für psychische Veranlagungen stehen sollten. Wie sieht es aus, wenn jemand denkt? Lange griff man zu Symbolbildern. Von solchen Verbildlichungen zehrt noch Fritz Kahns Symbolbild des Menschen als Industriepalast (1926). In Bonn ist eine Filmanimation zu sehen, die Herz, Darm und Leber als Motoren zeigt und im Kopf Büros ansiedelt mit Schaltzentralen für Leber und Nieren, mit einer Kamera als Auge und einem Direktorentisch für den Willen. Das Motiv reizt auch moderne Künstler wie den britischen Maler Richard Ennis, der im geöffneten Schädel eine surreale Szenenfolge mit Elementen von Hieronymus Bosch und M.C. Escher inszeniert (Gouache, 1991).

Hier liegen die Stärken der interdisziplinären Ausstellung: Fakten und Fantasie stehen in einem befruchtenden Austausch. Die zunehmende wissenschaftliche Erkenntnis ermöglicht neue Sehweisen. Man sieht, wie der französische Maler Corot ein sinnendes Mädchen malt (um 1855/60), mit in die Ferne gerichtetem Blick. Maria Lassnig malt „Die Inspiration“ (2012) als freundliches grünes Alien, das über einem Liebespaar schwebt. Die Fotografin Frances Kearney fotografiert Menschen, die dasselbe denken (1998/9), und das gibt irritierende Effekte, wenn wir eine rauchende Frau im Badezimmer sehen und einen Mann, der vor einem Kamin kniet, immer in Rückenansicht. Welcher Gedanke verbindet sie?

Die Ausstellung schreitet fort zu philosophischen und psychologischen Fragen. Gibt es so etwas wie eine Seele und ist vielleicht das Gehirn ihr Sitz? Meistens funktioniert das Denken auch hier eher symbolisch, bildhaft, wie bei einer berühmten, kostbaren Reliquie der Wissenschaft. In Bonn ist der Schädel von René Descartes ausgestellt. Der französische Philosoph definierte über seine berühmte Formel menschliche Identität: Cogito ergo sum, ich denke, also bin ich. Sein denkendes Gehirn ist längst verwest. Was repräsentiert sein Schädel? Man wendet sich vielleicht zu Gustav Heinrich Eberleins Skulptur „Goethe in Betrachtung von Schillers Schädel“ (1897). Wo sitzt das Ich? Ist vorstellbar, dass der Dichter über den Knochen eine Verbindung zum toten Kollegen bekommt?

Wenn das Gehirn aber nicht richtig arbeitet, bekommt der Mensch schwere Probleme. Fiona Tan zeigt in einem Video „A Lapse of Memory“ (2007) einen Demenzkranken, der mit seinen Erinnerungen auch seine Identität verliert. Daneben ist eine Installation von Karin Schulte, der Zettelkasten eines dementiell veränderten Mannes, und die Notizen auf hunderten, tausenden Zetteln, zuweilen ergänzt von Zeitungsausschnitten, zeugen vom verzweifelten Versuch, sich seiner selbst zu vergewissern, wenn es um die Namen von Nachbarn geht. Ein Zettel lautet: „Wie erreiche ich Karin?“ Die Wissenschaft hielt vieles für heilbar, zuweilen mit brutalen Eingriffen. Ausgestellt sind die Instrumente für die Lobotomie, bei der ins Hirn geschnitten wurde, um psychische Störungen zu beseitigen, wodurch aber zugleich die Persönlichkeit schwer gestört wurde. Weniger verstörend ist eine „Traumwerkstatt“ aus Japan, mit der man durch Düfte und Klänge in seine Träume eingreifen kann.

Ein weiteres Kapitel der Schau trägt den Titel „Wie mache ich mir die Welt?“ Hier geht es um unsere Sinne, um Wahrnehmung und Projektion. Das reicht vom Gemälde der fünf Sinne der flämischen Meister Abraham Govaerts und Ambrosius Francken II bis zum modernen Cochlea-Implantat, durch das Ertaubte mit viel Training wieder das Hören lernen. Ein Gemälde der Op-Art-Künstlerin Bridget Riley zeigt, wie das Auge getäuscht wird und in Dreiecken auf einer Fläche räumliche Effekte entdeckt. Wassily Kandinsky wiederum reagiert im Bild „Grüner Duft“ (1929) auf seine synästhetischen Empfindungen, die Farbe löste eine Geruchswahrnehmung bei ihm aus.

Schließlich geht es darum, ob man sein Gehirn optimieren kann oder soll. So kursiert zum Beispiel das Gerücht, dass wir nur einen Teil unseres Gehirns nutzen und zu größeren Denkleistungen fähig wären, wenn wir nur die richtige Technik anwenden würden. Sekten wie Scientology machen aus dieser Vorstellung ein Glücksversprechen und ein Geschäft. Biologen wissen, dass das Unsinn ist. Schon die Evolution sorgt dafür, dass Organe, die nicht genutzt werden, verkümmern, weil es für einen Organismus aufwendig ist, sie zu entwickeln und zu betreiben. Aber witzig ist schon der „Denkhelm“, den Mirco Erbe (SmirkMasks) dem Film „Per Anhalter durch die Galaxis“ nachempfand. Gekrönt ist das gute Stück mit einer Saftpresse, und der Saft einer Zitrone reicht für zehn Minuten gesteigerte Denkleistung. Es gibt allerdings Menschen, die von Eingriffen in ihr Hirn sehr profitieren. Parkinson-Erkrankte bekommen durch Implantate stimulierende Impulse, was ihr Leiden lindert.

Das Rätsel um das komplexe Organ löst die Bonner Ausstellung auch nicht. Aber sie bietet eine Fülle an Geschichten, Denkanstößen und lustvoller Aufklärung.

Bis 26.6., di – so 10 – 19, mi bis 21 Uhr,

Tel. 0228/ 9171 243, www.bundeskunsthalle.de

Virtuelle Ausstellung unter www.gehirn.art

Katalog, Hirmer Verlag, München, 24 Euro

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