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„Dem Wasser folgen“ ist eine Themenausstellung in der Bielefelder Kunsthalle

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Von: Achim Lettmann

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Leuchtschläuche von Adrian Paci sind in der Bielefelder Kunsthalle zu sehen.
Leuchtschläuche von Adrian Paci sind in der Bielefelder Kunsthalle zu sehen. Seine Installation trägt den Titel „Di queste luci si servirà la notte“ („Die Beleuchtung wird in der Nacht eingesetzt“). © Lettmann

Wasser ist lebenswichtig und immer wieder Thema in der Kunst. In Bielefeld sind nun über 150 Werke ausgestellt, die neben Hafen-Gemälden auch Videos zur Klimakatastrophe zeigen.

Bielefeld – Das Thema ist uferlos. „Dem Wasser folgen“ heißt die Ausstellung der Kunsthalle Bielefeld, die sich einem Element widmet, das lebenswichtig und allgegenwärtig ist. Christina Végh, die den Bestand des Hauses gesichtet hat, war überrascht: „Wir haben soviel Wasser in der Sammlung gefunden.“ Dabei liegt Bielefeld gar nicht am Meer. Die Kunsthallendirektorin sagte, wir seien alle vom Wasser geprägt. Sie unterstreicht damit, wie substanziell diese Ausstellung ist. Neben 50 Werken der klassischen Moderne von 31 Künstlerinnen und Künstlern werden zusätzlich acht zeitgenössische Positionen mit oft mehrteiligen Exponatgruppen mit Videos, Plastiken, Installationen und Bildern im ganzen Haus präsentiert – das sind nochmal rund 100 Arbeiten.

Christina Végh öffnet mit ihrer Doppelstrategie Perspektiven. Während Wasser in den klassischen Gemälden vor allem sinnliche Assoziationen fördert, wird es in der Kunst unserer Zeit zum Gradmesser für Umweltverständnis und Klimapolitik. Dagegen schwelgte der französische Maler Henri Manguin (1874–1949) in einer irisierenden Landschaft am Meer. Er positionierte seine Frau ins Zentrum des Bilds „Jeanne mit Sonnenschirm, Cavalière“ (1906). Wasser reflektiert hier das Tageslicht und wird zur Lichtimpression, die alles durchdringt. Von Max Ernst ist das erstaunliche Bild „Drei Vögel in einem Boot“ (1959) zu sehen, das die Tiere in einem Kaleidoskop aus geschichteten Flächen abstrahiert und so ihre Existenz in einem Vexierbild aus Konturen verrätselt.

Umfassender wird Wasser von Adrian Paci und Carolina Caycedo aufgefasst. Paci ist mit einem Boot über den Arno in Florenz gefahren und hat mit Leuchtschläuchen dem Unergründlichen des Flusses eine trübe grüne Ansicht in seinem Video verliehen. Daneben ist in Bielefeld die Installation „Di queste luci si servirà la notte“ („Die Beleuchtung wird in der Nacht eingesetzt“) zu sehen, die Pacis Bootsfahrt in Teilen materialisiert. Der albanische Künstler, der seit 1997 in Italien lebt, demonstriert in seinem Video „The Column“ (25:40 Min.), dass die Meere nicht nur Transportwege sind. Die globale Wirtschaft optimiert die Frachtzeit. Fünf chinesische Steinmetze behauen einen Marmorblock auf der Überfahrt. In Italien kommt eine korinthische Säule an – aus der Werkstatt auf dem Wasser.

Auch die kolumbianische Künstlerin Carolina Caycedo ist von Wasserläufen fasziniert. Flüsse werden in Südamerika verehrt. Sie speichern kulturelle Praktiken, heißt es. Für Caycedo erwächst daraus die Aufgabe, unsere Bindung zum Wasser zu erneuern. In Kalifornien schafft sie „Waterportraits“. Sie bedruckt lange Stoffbahnen mit Fotografien vom San Gabriel River, der in Los Angeles nur noch als Kanal in den Pazifik mündet. Die Fotos zeigen dagegen die naturbelassenen Flussbereiche. Daneben ist eine längliche Form ausstaffiert, die an einen Flussverlauf erinnert – man darf hier Platz nehmen. Ein Video dokumentiert Caycedos Performance. Am Ufer wird mit den bedruckten Stoffen gebadet. Das ist intensiv und problemorientiert.

Gleich neben den prozessualen Auseinandersetzungen wirken die Gemälde von Ernst Sagewka („Im Hafen von Rotterdam“, 1913) und Hans Hubertus Graf von Merveldt („Schlepper im Hafen“, 1947) etwas brav, wie Ansichten aus besseren Zeiten.

Dabei war der Eingriff in die Natur schon immer ein Thema der Kunst. Lovis Corinth („Walchensee“, 1923) malte den Alpensee in Bayern rund sechzig Mal. Auch weil ein Wasserkraftwerk zur Stromgewinnung errichtet wurde. Der Künstler besaß ein Haus am See und schätzte die unberührte Landschaft.

Das Votum für die Natur fällt bei Enrique Ramírez (Chile) ganz pfiffig aus. In Bielefeld ist seine mehrteilige Installation „The lament of the inverted boat“ (Die Klage des gedrehten Boots, 2021) zu sehen. Ramírez ergänzt die bauchige Form lateinamerikanischer Musikinstrumente. Mit Wasser gefüllt, geben sie einen Pfeifton von sich, wenn die Gefässe gekippt werden. Gemeinsam beklagen sie den Zustand unserer Gewässer.

Und so folgt man dem Wasser in der Kunsthalle und stößt auf die Kupfer-Skulpturen von Katinka Bock. Wie „Sonar International“ (2021), eine übergroße Kelle, die dem Wasser der Lutter ausgesetzt war. Der Fluss verläuft unterhalb der Kunsthalle. Bocks Arbeit zählte zum vielteiligen Prolog der Ausstellung „Dem Wasser folgen“. In Planung ist bereits ein Epilog, dann gilt: „Wenn man über Wasser spricht, spricht man über die Zukunft.“ Das Zitat stammt von Roni Horn. Die US-Künstlerin ist mit der lithografischen Serie „Still Water (The River Thames, for Example)“ von 1997–1999 in Bielefeld vertreten. 15 Bilder sind in der Kunsthalle verteilt. Sie zeigen Wasseroberflächen und Horns tiefgründige Aussagen im Bildtext.

Die Kuratorinnen Laura Rehme und Linda Walther schaffen in der Ausstellung Bezugsgrößen zum Wasser, die für das kostbare Element sensibel machen. Das transitorische Sehen in der Kunsthalle – ein Nebeneinander von Kunstwerken aus hundert Jahren – erzählt auch von der Not, in die der Mensch gerät, wenn das Wasser unkontrollierbar wird – Hochwasser, Klimawandel.

Als Otto Fischer, Gründer des Kunstsalons in Bielefeld, das Gemälde „Am Waldesrand“ mit Flusslauf 1905 von Ludwig Dill ankaufte, war davon noch nichts zu ahnen. Das Bild trägt die erste Inventarnummer der Kunsthallensammlung. Es ist ein Idyll.

Bis 16.10.; di – so 11 – 18 Uhr; Tel. 0521/329 995 00; www.kunsthalle-

bielefeld.de;

Katalog im August

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