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Deutschland-Bilder von Andreas Teichmann in der Städtischen Galerie Iserlohn

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Von: Ralf Stiftel

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50days 2019 Projekt Adreas Teicmann: Foto von Kathrin Bockelmann und Söhnen
Eine Begegnung auf Andreas Teichmanns Deutschland-Spaziergang in Bispingen, Niedersachsen: Kathrin Bockelmann und ihre Söhne. © Andreas Teichmann

Iserlohn – Es wirkt ja so spontan, wie Thiark den kleinen Kürbis hochhält und Hannek den großen mit beiden Armen stemmt, wie Bent sich an das Bein von Mama Kathrin Bockelmann klammert, wie Mart und Thees ein wenig verlegen in die Gegend schauen. Ganz so einfach war es bestimmt nicht, dieses Foto im Spätsommerlicht aufzunehmen. Schon deshalb, weil Andreas Teichmann mit einer hochauflösenden 100-Millionen-Pixel-Kamera unterwegs war und ein Stativ einsetzte. 

Er plaudert mit den Menschen, lockert sie auf. Das Ergebnis sind Aufnahmen wie diese, die so beiläufig wirkt und doch so viel von diesem Stück Deutschland mitten in der Lüneburger Heide einfängt.

Zu sehen ist das Foto in der Städtischen Galerie Iserlohn. Die Ausstellung „Durch Deutschland“ dokumentiert ein Projekt von Andreas Teichmann. Der 1970 geborene Fotograf aus Essen verwirklichte sich einen Jugendtraum: Er durchwanderte Deutschland. Sogar zweimal: Einmal im Sommer 2017 in 50 Tagen von Aachen im äußersten Westen nach Zittau am Ostzipfel der Republik. Dann 2019 in 51 Tagen von Oberstdorf im Süden nach Sylt. Alles zu Fuß, mit 15 Kilogramm Gepäck im einfachen Rucksack, davon zwölf Kilogramm Fotoausrüstung mit Kamera, Stativ, Laptop.

Wer täglich etwa 25 Kilometer wandert, der nimmt Deutschland auf eine neue, ungewohnte Art wahr. Teichmann notiert, dass er es „menschenleerer als gedacht“ empfand. Und doch begegnete er andauernd Menschen, die er ansprach und dafür gewann, sich fotografieren zu lassen. Sehr wenige der überwiegend im Großformat von zwei Quadratmetern abgezogenen Aufnahmen kommen ohne Menschen aus. Das sind allerdings auch spektakuläre Momente wie der Wolkenbruch in der Sächsischen Schweiz, bei dem man genau sieht, wie die kompakten Wolken zum Boden hin eine Art Fuß ausstülpen.

Auch auf dem Bild vom rheinischen Braunkohletagebau in Inden, das am Anfang der Ausstellung hängt, erblickt man keine Personen, sondern nur Menschenwerk. Neben dem gewaltigen Abbaubagger wirken selbst Lastwagen wie Spielzeug. Daneben hängt ein Bild mit drei maskierten Aktivisten aus dem Hambacher Forst. Hier machen Schubkarre und Sonnenblumen das Motiv nahbar. Wir erfahren im Begleittext zum Bild, dass die Frau in der Mitte eine Schweinemaske trägt, die von ihrer Mutter gestrickt wurde.

Aus solchen Gegensätzen, aus Aha-Momenten ist diese Ausstellung komponiert. Geplant sind die Fotografien nicht, konnten es nicht sein. Teichmann ließ die Motive auf sich zukommen. An einem anderen Tag, auf einer nur wenig anderen Route hätte es ganz andere Aufnahmen gegeben. So ergibt sich ein wunderbar unaufgeregtes Bild von Deutschland, eine beruhigende Normalität, die gerade in aufgeregten Zeiten wie diesen gut tut. Teichmann traf Menschen, die ihn teilhaben ließen. So fand er im Sauerland Annette aus Hilversum, die sich an einen Baum schmiegt. Norbert Galliger pflückte in Korbach Birnen von den Gemeindebäumen. Eine schenkte er dem Wanderer.

Deutschland erscheint angenehm vielfältig auf Teichmanns Weg. In Leipzig kam er bei Tim und Mario vorbei, die gerade ihre Hochzeit feierten. In Leipzig betreiben Hung und seine Frau Trang ein vietnamesisches Restaurant. Ihre Hochzeitsbilder ließe sie aber in den Elbe-Auen machen, vor dem prächtigen Panorama der Altstadt von Dresden. Und Teichmann nahm das auf: das Paar, den Fotografen, die Skyline über der Elbe und den malerisch bewölkten Himmel. Daneben hängt ein anderes Bild aus Dresden, von der letzten Pegida-Demonstration vor der Bundestagswahl 2017. Da stehen alte Männer herum, die weniger wütend aussehen als abgestumpft.

Im Rappenalptal im Oberallgäu trifft Teichmann die Wirtin der „Schwarzen Hütte“, die ihm eine „Russ‘n-Maß“ einschenkt. In Memmingen besucht er eine Gospelmesse der freikirchlichen Gemeinde, deren Mitglieder aus Nigeria, Liberia, Kenia und Ghana nach Bayern kamen. Manche Szenen wirken surreal: In Lauben im Allgäu sitzen Rosemarie und Peter Kalus vor dem Wrack eines Bundeswehrflugzeugs, während ihre Enkeltochter Karussell fährt. Der Düsenjäger gehört zu einem Freizeitpark.

Auf seiner zweiten Wanderung hat Teichmann auch Interviews mit den Menschen geführt, denen er begegnete. Über QR-Codes kann der Ausstellungsbesucher kleine Ausschnitte abrufen. Da hört er die Blasmusik aus dem Festzelt des Kirchfests von Bergrheinfeld. Und das Trio, das in Vöhringen seine Hunde Gassi führt und nun auf der Bank pausiert, erklärt, was Gelbfüßler und Muhackl (Sturköpfe) sind. In Bergen-Belsen nahm Teichmann Diego Bernardini aus der Schweiz auf, der seit Jahren Gedenkstätten von KZ und Vernichtungslagern besucht.

Diese Ausstellung zeigt Deutschland als ein Land, das manchmal den Klischees entspricht, viel öfter aber ganz anders wirkt: nahbar, bunt, friedlich. Es macht Freude, diese Touren in Bildern nachzuvollziehen.

Bis 17.4., mi – fr 15 – 19, sa 11 – 15, so 11 – 17 Uhr,

Tel. 02371/ 217 1940

www.iserlohn.de/

staedtische-galerie

www.50days.de

www.durchdeutschland.eu

Katalog 10 Euro

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