Designmuseum in Holland zeigt das „Design des Dritten Reiches“

Der Hitlerjunge als Sympathieträger in der Reklame: Das Werbeschild Gerlach’s Gehwol Präservativ-Krem (1939) ist in ‘s Hertogenbosch zu sehen. Fotos: Stiftel

‘s Hertogenbosch – Der Junge auf dem Reklameschild cremt die Füße ein, die er sich im Dienste des Vaterlands wundgelaufen hat. Eine Sympathiefigur in der Uniform der Hitlerjugend, mit Hakenkreuzarmbinde. 1939 war auch Salbe gegen Blasen politisch im NS-Staat.

Wie schaut man 80 Jahre später auf diese Werbeidee? Das Designmuseum im niederländischen ‘s Hertogenbosch versucht einen Zugriff auf das „Design des Dritten Reiches“ (Design van het Derde Rijk) in einer umfangreichen Ausstellung. Es ist die erste Übersichtsschau. Die Hauptleihgeber, das Münchner Stadtmuseum und das Deutsche Historische Museum in Berlin, unterstützten das Projekt zwar, mochten aber nicht als Mitveranstalter auftreten. Museumsdirektor Timo de Rijk hat eine solche Resonanz nicht erwartet. Die New York Times schickt eine Reporterin in die holländische Provinz. Die „Bild“-Zeitung regt sich auf, dass das Haus die 270 Exponate der NS-Zeit „feiere“.

Nichts könnte falscher sein. Die Kuratoren um de Rijk breiten ihr Material mit extremer Nüchternheit aus. So legen sie Fahnen in Vitrinen, um ihnen das Auftrumpfende zu nehmen. Die Exponate werden mit Informationen erschlossen. Neben Schrifttafeln gibt es einen Audioguide, alles in Niederländisch, Englisch und Deutsch. Zur Einführung gibt es eine ebenso sachliche Videoinstallation, die auch dem Ahnungslosen vermittelt, welchen verbrecherischen Charakter das NS-Regime hatte. Design heißt hier nicht, dass Ästheten in der Schönheit von Möbeln, Besteck und Schmuck schwelgen.

Museumsdirektor de Rijk erklärt, warum er eine Ausstellung zum Thema notwendig findet: Es gebe in der Designgeschichte des 20. Jahrhunderts eine große Lücke. Hitler selbst habe sich als Entwerfer verstanden und betätigt. Weil der Nationalsozialismus eben nicht als Naturgewalt über die Welt kam, sondern von Menschen gemacht und gestaltet wurde, müsse man das zeigen.

Die Ausstellungsmacher fassen den Begriff Design weit auf. In der Schau geht es nicht nur um Dinge, sondern auch um die Choreografie von Massenveranstaltungen, um den Krieg, um die Umgestaltung Osteuropas zu „deutschen Landschaften“ und auch um die Vernichtung von Millionen Menschen in Konzentrationslagern, die von Architekten entworfen, eben designt wurden, um den Massenmord effizient ausführen zu können.

Man sieht eine Karte von Warschau, auf der der SS-Offizier Max Jesuiter 1940 den Bereich eingezeichnet hat, der als Getto für die Juden dienen sollte. Man sieht Entwurfszeichnungen für das Krematorium von Auschwitz. Die Ausstellungsmacher zeigen klar das tödliche Ende, auf das das Design des NS-Staates zulief. 7,7 Millionen Zwangsarbeiter, 50 Millionen zivile Opfer im Weltkrieg, 6 Millionen ermordete Juden.

Man kann Einwände haben. So zeichnet die Schau ein monolithisches Bild des NS-Alltags. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass jede deutsche Familie vor dem Volksempfänger saß und mit dem „deutschen“ Besteck von „deutschen“ Tellern aß. Timo de Rijk gesteht zu, dass es zwischen 1933 und 1945 im Reich nicht nur eine Design-Schule gab. Aber eine noch ausführlichere Präsentation hätte die Möglichkeiten des Hauses überfordert.

Die Ausstellung setzt einen Anfang für ein tabuisiertes Thema. Das „Design des Dritten Reiches“ verschwand ja 1945 nicht einfach. Am Eingang erwartet den Besucher der „Kraft-durch-Freude“-Wagen, den Ferdinand Porsche 1938 im Auftrag des Führers entwickelt hatte. Das Fahrzeug wurde nach 1945 als „Käfer“ zum Symbol des bundesdeutschen Wirtschaftswunders. In der NS-Zeit hatten Tausende Anrechtscheine gezeichnet. Das Auto bekamen sie nie. Gebaut wurde vor allem die Militärausführung. Mit dem Geld der Leute, die auf ihr Auto warteten. Ein verkappter Kredit für die Rüstungsindustrie.

Manches Objekt hätte noch mehr Erläuterung vertragen, wie das unscheinbare Buch, die „Bauentwurfslehre“ von Ernst Neufert, in einer Ausgabe von 1943, herausgegeben von Reichsminister Albert Speer. Neufert (1900–1986) war ein Bauhaus-Schüler, der um ein Haar in die USA emigriert wäre. Aber dann wurde seine ursprünglich 1936 erschienene Bauentwurfslehre ein durchschlagender Erfolg, die Nazis hatten Verwendung für den Systematiker. Neufert machte Karriere, wurde Reichsbeauftragter für Baunormung und von Hitler auf die „Gottbegnadeten-Liste“ gesetzt, was den Architekten vor dem Kriegseinsatz bewahrte. Seine Bauentwurfslehre blieb nach dem Krieg ein Bestseller, 2012 erschien die 40. Auflage. Und Neufert arbeitete weiter in ganz Deutschland, entwarf unter anderem den Goldbuchstaben U auf dem Dortmunder Brauereigebäude und plante das Röhrenwerk für Hoesch in Hamm.

Das Design des Dritten Reichs war jedenfalls weder originell noch konsequent. Timo de Rijk nennt drei Quellen: das war der Klassizismus, der sich in monumentalen Formen niederschlug, die Folklore und das Regionale zum Beispiel im Wohnungsbau und schließlich die Moderne, wenn es um Industrie und Technik ging. So gern man sich auf die Germanen berief, bei Autos, Flugzeuge, Waffen, Radio und Fernsehen war man offen für neueste Entwicklungen.

Die Ausstellung breitet vieles aus, was bislang allenfalls Fachleuten bekannt war. Zum Beispiel wie Hitler mit seinem Leibfotografen Heinrich Hoffmann ein Corporate Design entwarf. Hitler-Bilder waren streng normiert. Wer sie nutzen wollte, zum Beispiel für Briefmarken, trug mit Lizenzgebühren zum Privatvermögen des Führers bei. Heute kaum vorstellbar: Bildbände, die vorgeblich das Privatleben Hitlers dokumentieren, waren auch kommerzielle Erfolge.

So bildet die Ausstellung doch eine große Bandbreite ab, samt den Widersprüchen. Zum Beispiel zeigt sie neben dem eher schlichten Alltagsdesign einige Prunkmöbel der Parteifunktionäre.

Es gibt schauerliche Dokumente wie den Lehrfilm „Wer gehört zu wem?“ über Erbbiologie, den Anton Kutter 1944 drehte. Da werden Vater, Mutter und Sohn am Schädel vermessen, um nachzuweisen, dass das Kind nicht in der Geburtsstation vertauscht wurde. Im Grundton väterlicher Fürsorglichkeit wird das rassistische Menschenbild popularisiert.

Wenn man sich Zeit nimmt, hinschaut, die Erläuterungen zu Einzelstücken im Audioguide anhört, dann ist dies eine lehrreiche Ausstellung. Man könnte sie vielleicht auch in einem deutschen Museum zeigen. Oder man erarbeitet eine weitere, bessere Schau. Das Thema lohnt.

Design des Dritten Reiches im Designmuseum ‘s Hertogenbosch. Bis 19.1.2020, di – so 11 – 17 Uhr.

Tickets müssen vorab unter www.designmuseum.nl gebucht werden, eine Vorsichtsmaßnahme.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare