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Der Schauraum Comic in Dortmund dokumentiert „Horror im Comic“

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Von: Ralf Stiftel

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Bernie Wrightson Frankenstein in der Ausstellung Horror im Comic Dortmund
Detailverliebter, altmeisterlicher Schrecken: Bernie Wrightson illustriert Frankenstein (1983), zu sehen in Dortmund in der Ausstellung „Horror im Comic“. © © The Estate of Bernie Wrightson

Dortmund – Schon der erste Blick am Kiosk sollte einen lustvollen Angstschock auslösen. Die grandiosen Zeichner der EC-Comics waren Routiniers darin: Jack Davis ließ beim Dezember-Heft 1953 von „Tales from the Crypt“ (Geschichten aus der Gruft) auf die jugendlichen Käufer panisch flüchtende Teenager zurennen, verfolgt von einem Werwolf, der auch noch ein riesiges Messer schwang. Das geschah im Vollmond auf dem Friedhof. So ein Bild versprach hübsch-gruselige Lektüre für einen langen Winterabend.

Es war das Erfolgsrezept für die kurze Blüte der „Entertaining Comics“, die ab 1950 den Markt in den USA aufmischten. Kurator Alexander Braun erzählt um diesen Verlag und seine herausragenden Künstler die Geschichte eines unterschätzten Genres der neunten Kunst. Die Ausstellung „Horror im Comic“ im Dortmunder Schauraum Comic bietet mit 72 raren Originalblättern und weiterem opulenten Material einen Querschnitt durch das Thema. Der Bogen spannt sich von einem frühen Streifen um Disneys Mickey Mouse als Geisterjäger über Vampirgeschichten und Tiefseemonster bis zu Zombie-Erzählungen. Selbst Superman und Spider-Man trafen auf Dracula und Frankenstein.

Es gibt eine lange Tradition des Schreckens in den visuellen Künsten. Im Katalog verfolgt Braun sie zurück bis zu mittelalterliche Darstellungen christlicher Märtyrer, den Gemälden von Barockmeistern wie Rembrandt sowie den Radierungen Goyas. Auch da sieht man verstümmelte Körper und spritzendes Blut. Der Horror-Comic knüpft hier an, so Braun. Die verstörenden Bilder von Verletzungen, Schleim, Knochen, von entstellten Monstern lenken die Aufmerksamkeit auf die dunkle Seite der Gesellschaft. Im Horror-Comic fand vieles Ausdruck, was sonst im Medium nicht vorkommen durfte.

Die besonders drastischen Horror-Manga in Japan sieht Braun in der Nachfolge von Geistergeschichten, die im 19. Jahrhundert monströse Gestalten zeigen. In Dortmund ist ein Beispiel von Hishikawa Kiyoharu von 1844 zu sehen. Das fernöstliche Publikum war krasse Darstellungen gewohnt. Die modernen Manga reagieren, so Braun, aber auch auf die Schockbilder von Opfern der Atombomben in Hiroshima und Nagasaki. In Shintaro Kagos Epos um Prinzessinnen (2021), die sich für das Reich opfern, wird gezeigt, wie eine sich zum Beispiel Maden in die Haut einnähen lässt.

Die EC-Comics führten das Medium in den USA zu erstaunlichen ästhetischen Höhen. Bill Gaines krempelte ab 1947 den Verlag um, den er geerbt hatte. Er war interessiert an guten Zeichnern und entdeckte den Horror als das nächste heiße Ding auf dem Comic-Markt. Ab 1950 kamen mehrere Heftreihen mit Geschichten von Zeichnern wie Graham Ingels, Johnny Craig, Jack Davis und Harvey Kurtzman heraus. Die Künstler wurden zwar schlecht bezahlt, nach Seiten, aber sie lieferten Grafik, deren Qualität in den Originalblättern bewundert werden kann.

Comics hatten in den puritanischen USA keinen guten Ruf. Die Hefte waren, so Braun, das erste Massenmedium einer eigenständigen Jugendkultur. Hier verlockte, was die Eltern schockte. Es kam zu öffentlichen Comic-Verbrennungen. Der Senator Joseph McCarthy startete seine Hetzjagd auf Kommunisten. Der Psychologe Fredric Wertham wurde zum Kronzeugen der Kulturkonservativen mit der Behauptung, die Lektüre von Horror-Comics würde aus Kindern jugendliche Straftäter machen.

Dabei, so Kurator Alexander Braun, waren die Geschichten ausgesprochen moralisch. Sie thematisierten Rassismus, Heuchelei, Habgier, Auswüchse des Kapitalismus, den Ku Klux Klan. Zwar zeigten sie gruselige Bilder wie den Mann, der im Spiegel sieht, wie ihm das Fleisch vom Gesicht geätzt wird. Doch in Joe Orlandos Geschichte „The Meddlers!“ (1953) geht es um fremdenfeindliche Kleinstädter, die einen freundlichen Biochemiker mobben, bis er stirbt. Seine Versuchsstoffe schütten sie in die Kanalisation, wo sie sich mit dem Abwasser zu einem tödlichen Etwas mischen, das die hassgeleiteten Provinzler ihrer gerechten Strafe zuführt.

Solche Pointen prägen die EC-Erzählungen. Jack Davis zeichnete 1954 „Comes the Dawn!“ um drei Abenteurer, die in der Arktis Uran suchen. Sie finden einen Schatz – und einen im Eis eingefrorenen Vampir. Einer der drei kommt auf die Idee, das Monster aufzutauen, die Gefährten töten zu lassen und in der Hütte auf den Morgen zu warten. Der Vampir würde in der Sonne zu Stau zerfallen, der Schatz bliebe für den Mörder. Er vergisst, dass die Polarnacht Wochen dauert. Ihm bleibt die Wahl, in der Hütte zu verhungern oder sich aussaugen zu lassen.

Die Sittenwächter ließen sich auf die Geschichten nicht ein. Sie sahen nur die Schockbilder. Unter dem Druck verabschiedete die Branche 1954 den Comic Code. Dieser Selbstzensur fielen Abweichungen von einem tief konservativen Weltbild zum Opfer. Der subversive Blick auf die dunklen Seiten die Gesellschaft durfte nicht mehr sein. EC-Comics überlebte dank der satirischen Zeitschrift MAD. In einigen Nachfolge-Verlagen lebte das Genre fort. Man sieht die meisterlichen Arbeiten von Bernard Wrightson, zum Beispiel ein Blatt seiner Adaption von Edgar Allan Poes „The Black Cat“ (1975). Man kann die Weltraum-Exotik einer Seite für „Vampirella“ von Gonzalo Mayo (um 1983) auskosten. Man sieht Aaron Kuders Zombie-Versionen von Batman und weiteren Superhelden im Kampf mit Kuscheltieren, ein Virtuosenstück in Dynamik und Perspektive (2015).

Schade nur, dass der Ausstellungsraum so begrenzt ist. Der profunde Katalog, der fertig, wegen Papiermangels aber noch nicht gedruckt ist, zeigt, dass das Material für eine weit größere Präsentation gereicht hätte – zum Beispiel nebenan im Museum für Kunst und Kulturgeschichte. In der gleichwohl sehr sehenswerten Präsentation im Schauraum bleibt manches doch sehr verkürzt.

Empfohlen ab 16 Jahren. Bis 14.8., di – so 11 – 18, do, fr bis 20 Uhr,

Tel. 0231/ 50 29 697, www.comic.dortmund.de

Katalog, avant-Verlag, Berlin, 39 Euro

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