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Der Kunstpalast in Düsseldorf widmet der Techno-Musik die Schau „Electro“

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Von: Ralf Stiftel

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Jean Michel Jarres „imaginäres Studio“ in der Ausstellung „Electro“ im Kunstpalast Düsseldorf
Vom Tonband bis zur Laserharfe: Der französische Musiker Jean Michel Jarre öffnet für die Ausstellung „Electro“ in Düsseldorf sein imaginäres Studio. Foto: Stiftel © Ralf Stiftel

Düsseldorf – Diese Ausstellung hört man, bevor man sie sieht. Stetig pulst das Ump Ump Ump Ump mit mehr als 100 Beats per Minute. Der französische DJ Laurent Garnier hat Playlists entworfen. Auf Leuchttafeln kann man nachlesen, ob man gerade „Gettoblaster“ aus dem Chicago Mix auf die Ohren bekommt oder „Squarepusher“ aus dem Elelectronica & Ambient Mix. Bruno Peinados großer Leuchtsmiley grinst. Und dann ist man drin. Erstmals widmet sich der Kunstpalast in Düsseldorf einem musikalischen Thema, und dann gleich einem eher bauchlastigen Genre. „Electro“ folgt den Spuren der elektronischen Tanzmusik von Kraftwerk bis Techno.

Erarbeitet hat die Schau das Musée de la musique, das der Pariser Philharmonie angegliedert ist. Dort und in London war sie zuerst zu sehen. Und nun in Deutschland, wo Kraftwerk von 1970 die Elektronik in den Pop brachten. Von Düsseldorf aus. Ralf Hütter, einer der Bandgründer, sorgte nicht nur für wichtige Ausstellungsstücke, die die Präsentation gegenüber ihren ersten Stationen wesentlich erweitern. Er half auch den Kuratoren Jean-Yves Leloup und Alain Bieber, vermittelte zum Beispiel Leihgaben von Daft Punk. So dröhnt und klingelt es begleitend zu mehr als 500 Exponaten, die den Spuren der Musikgattung durch rund ein Jahrhundert folgen.

Die Wurzeln von Electro liegen in der Avantgarde. Schon in den 1920er Jahren arbeiteten gleich mehrere Erfinder an entsprechenden Instrumenten. Das „Croix Sonore“, das der russische Komponist Nikolai Obuchow 1926 in Paris entwarf, wurde kontaktlos gespielt. Mit den Händen wurden elektrische Felder um die Metallstäbe beeinflusst, so dass Töne entstanden – ein Film zeigt, wie es funktioniert. Um die selbe Zeit baute Maurice Martenot ein „Ondes Martenot“, das mit einer Tastatur bedient wurde. Frühe Synthesizer, Geräte wie das Gmebaphone (1975), mit dem verschiedene Tonquellen live manipuliert werden konnten, und Geräte aus dem legendären Studio für elektronische Musik des WDR in Köln zeigen, dass elektronische Musik ursprünglich kein Massenvergnügen war, sondern harte Hörkost für die Avantgarde. In einer Hörstation warnt der Sprecher noch das Radiopublikum der 1960er Jahre: Zu verstörend war, was da erklang. Gegenüber blickt man in das imaginäre Studio des französischen Musikers Jean-Michel Jarre, das Instrumente seiner Karriere versammelt, vom Tonbandgerät von 1969 bis zur Laserharfe.

Der Kontrast vom vereinzelten Hörer des Radio-Spätprogramms zu Hallenevents wie dem Mayday könnte kaum größer sein. Der Fotograf Andreas Gursky ist ein Fan der Techno-Szene. Von ihm sind monumentale Abzüge von Raves zu sehen wie dem „Mayday“ in der Dortmunder Westfalenhalle, wo zehntausende Fans dicht an dicht zu elektronischen Beats tanzten, als es die Pandemie noch nicht gab. Zur Zeit sind die Clubs geschlossen. Der Kunstpalast, so Museumsdirektor Felix Krämer, möchte den Trennungsschmerz ein wenig lindern.

Kurator Jean-Yves Leloup unterstreicht, dass die Ausstellung weniger eine systematische Aufarbeitung sein will, die alle lokalen Szenen, Genres, Stars präsentiert. Er will vielmehr das Lebensgefühl und die Werte der Techno-Gemeinschaft einfangen. Man spürt die Lücken, zum Beispiel hätte ein kritischer Blick auf Drogenkonsum nicht geschadet. Man hätte auch die Love Parade thematisieren können, einschließlich der Katastrophe von Duisburg 2010. Die dunklen Seiten gibt es ja auch.

Gleichwohl bietet die Ausstellung einen durchaus kulturhistorischen Überblick über viele Aspekte der Szene. So gibt es eben doch spektakuläre Erinnerungsstücke wie die Kostümteile der französischen Supergruppe Daft Punk. Aber mit einem breit gestreuten Material und vielen Video- und Hörstationen werden eben auch andere Themen angesprochen.

Die 1970 in Düsseldorf von Ralf Hütter und Florian Schneider gegründete Gruppe Kraftwerk gab eine Initialzündung. Ihre acht Alben wurden weltweit wahrgenommen. Die US-Hiphop-Szene sampelte immer wieder ihre Stücke. Der Detroiter Techno-Produzent Mike Banks sagte: „Für uns waren sie keine Deutschen. Sie waren keine Weißen. Um ehrlich zu sein, glaubten wir, dass sie tatsächlich Roboter waren.“ Ein guter Grund, Kraftwerk ein eigenes Ausstellungskapitel einzuräumen, das die lebensgroßen Roboterfiguren zeigt, in einem Kabinett zudem einen Querschnitt durch die acht Alben der Band vermittelt, mit bestem Raumklang und 3D-Videos. Die Brillen gibt’s an der Kasse. So fahren zu „Autobahn“ wieder die digital animierten VW-Käfer bei strahlendem Sommerwetter über seltsam staufreie Fernstraßen. Es sei fast wie ein Konzert, meint Kurator Alain Bieber. Tatsächlich hat man eine konzentrierte Retrospektive in einem audiovisuellen Gesamtkunstwerk.

Die Techno-Szene entwickelte ähnlich wie zuvor Hippies und Punk eine eigene Ästhetik, die viele Vorbilder zitierte. Collagen aus Schallplattencovern, fantasievoll gestaltete Flyer zu Techno-Events und Club-Abenden vermitteln einen vitalen Eindruck davon. Techno stand für Liebe und Toleranz. Wie schon zuvor in der Disco-Szene bot das auch dem queeren Publikum Entfaltungsräume. Große Techno-Abende waren auch Treffpunkte der LGBT-Community. Man kostümierte sich, trug eigenwillige Masken. So wie sich auch Musiker in verschiedenen Rollen inszenierten.

In Düsseldorf sind viele Aspekte aufgearbeitet. Sei es eine Neonarbeit von Alice Gavin, die den Slogan aufgreift, mit dem 2018 in der georgischen Stadt Tblissi gegen die Schließung von Clubs protestiert wurde: „We dance together, we fight together“. Seien es Videos mit modernen Choreografien von Sasha Waltz und (La) Horde, mit denen das Tanztheater Bewegungsmuster und Klänge des Techno verarbeitet.

Kunstwerke ergänzen die Schau, zum Beispiel der Kubus aus Metallstäben der Pariser Gruppe 1024 Architecture, der unvermittelt zum Leben erwacht und scheppernd tanzt. Oder Bruno Peindos Diskokugel in der Form eines gewaltigen Totenkopfs, ein Memento Mori von barocker Vieldeutigkeit. Oder die Heliogravur, in der Philip Topolovac den legendären Berliner Klub Berghain darstellt, als wäre es die Radierung eines antiken Monuments aus dem 18. Jahrhundert.

Gewiss wird das letzte Wort über Techno in dieser Ausstellung nicht gesprochen. Aber sie zeigt, dass die elektronische Tanzszene mehr ist als eine flüchtige Zeitgeisterscheinung.

Bis 15.5.2022, di – so 11 – 18 do bis 21 Uhr,

Tel. 0211/ 566 42 100

www.kunstpalast.de

Katalog 24,80 Euro

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