Die Faszination der Nordseeküste

Der Kunstpalast Düsseldorf zeigt Max Liebermann als europäischen Künstler

Gemälde „Badende Knaben“ (1900) von Max Liebermann
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Eine neue Natürlichkeit entdeckte Max Liebermann im Badebetrieb an der holländischen Nordseeküste. Das Gemälde „Badende Knaben“ (1900) ist im Kunstpalast Düsseldorf zu sehen. Foto: Michael Setzpfand / Stiftung Stadtmuseum Berlin

Düsseldorf – Schon sein Abschlussbild für die Großherzogliche Kunstschule in Weimar ist ein Fest der Malerei. Max Liebermann porträtierte sich 1873 als Koch hinter einem Küchenstillleben in der Tradition der niederländischen Malerei. Mit Bravour schildert der Künstler das weiße Tuch, die Struktur der grünlappigen Kohlblätter und den glänzend polierten Kupferkessel. Das Wechselspiel von erkennbarem Pinselstrich und täuschendem Naturalismus verblüfft.

Zu sehen ist das Werk im Kunstpalast in Düsseldorf in der Ausstellung „Ich. Max Liebermann – ein europäischer Künstler“. Felix Krämer, Generaldirektor des Museums, betont, dass es viele Ausstellungen zu diesem Wegbereiter der Moderne gab. Aber noch keine habe sich bislang damit befasst, wie Liebermann international vernetzt war. Dabei ist es bemerkenswert genug, dass der Künstler nach seinem Studium 1873 nach Paris übersiedelte und dort 1881 für ein Gemälde im Salon eine ehrenvolle Erwähnung erhielt.

Kuratiert wurde die Schau von Martin Faass, dem Direktor des Hessischen Landesmuseums Darmstadt, wo sie zuerst zu sehen war. Faass war Gründungsdirektor der Liebermann-Villa in Berlin. Er wählte rund 100 Bilder Liebermanns aus und stellte ihnen Werke von Vorläufern und Zeitgenossen gegenüber, um seine Stellung in der europäischen Kunst herauszuarbeiten. Zwei wesentliche Quellen sind zu benennen. Zum einen Frankreich mit der Freiluftmalerei der Schule von Barbizon und dem Impressionismus. Zum anderen die Niederlande mit Barockmeistern, aber auch mit der Haager Schule.

Liebermann (1847–1935) war als Sohn eines Industriellen nicht auf Einnahmen aus der Kunst angewiesen. Konzessionen musste er nicht machen. Die Lehre selbst an der eher liberalen Weimarer Akademie empfand er als einengend. Sein Professor Theodor Hagen nahm ihn mit nach Düsseldorf. Dort traf er auf den damals sehr populären ungarischen Maler Mihály Munkácsy. Liebermann lernte eine neue Kunst kennen, abseits der akademischen Historienmalerei. Sie sollte einen bedeutsamen Inhalt vermitteln, ein Ereignis wie eine Schlacht oder eine Krönung, oder eine Szene aus Bibel. Munkácsy malte Landschaften. Und Genre-Szenen wie „Der letzte Tag des Verurteilten“ (1869), eine emotionale Momentaufnahme aus dem Leben einfacher Leute, ohne moralische Überhöhung. Hier knüpfte Liebermann an. Munkácsy riet ihm, nach Paris zu gehen und die Freiluftmalerei von Barbizon zu studieren. Im Kunstpalast wird die Bedeutung Düsseldorfs in Liebermanns Entwicklung unterstrichen, unter anderem mit Beispielen für den Realismus der rheinischen Maler aus der eigenen Sammlung.

Die Schau vermittelt mit prägnanten Werken, wie Millet, Courbet, Corot und andere für Liebermann zu Augenöffnern wurden. Jean-François Millet malte Motive wie die „Reisigträgerinnen“ (um 1867). Ähnliche Themen griffen die Künstler der Haager Schule auf, hier ließ sich auch Vincent van Gogh inspirieren. Hier schloss Liebermann an. In Düsseldorf hängen die „Kartoffelernte“ (1875) und die „Konservenmacherinnen“ (1880), großformatige realistische Szenen aus der Arbeitswelt.

Liebermann bereiste ab 1876 regelmäßig die Niederlande, einerseits, weil die Landschaft noch fast so aussah wie in Gemälden von Ruisdael, andererseits, weil er die alten Meister studieren konnte. Noch sein Selbstporträt im Anzug mit Skizzenblock orientiert sich in Ikonografie und Bildaufbau an Rembrandt. Holland blieb ein Fixpunkt für den Künstler, hier fand er Motive wie den „Schweinemarkt in Haarlem“ (1894) und die „Judengasse in Amsterdam“ (1909).

Inzwischen war Liebermann arriviert, hatte eine Professur an der Akademie in Berlin. Er wandte sich um 1900 neuen Themen zu, seine Bilder wurden lichter und farbiger. Nun bildet er Freizeit ab, dynamische Sportszenen wie „Polospieler in Jenischs Park“ (1903) und den Badebetrieb an Hollands Küste („Am Strand in Noordwijk“, 1908). Er griff nicht alle Stilmittel der Impressionisten auf, den Pointillismus etwa lehnte er ab. Aber beim Bild „Muschelfischer am Strand“ (1908/09) löst er das Motiv fast völlig auf in einer Modellierung fetter, breiter Farbstriche. Seine Malerei wurde vorbildhaft zum Beispiel für den jungen Max Beckmann.

Mit Ausbruch des Weltkriegs war es selbst dem wohlhabenden Malerfürsten Liebermann nicht mehr möglich, nach Holland zu reisen. Nun begann sein Spätwerk, seine Motive fand er im Garten seiner Villa am Wannsee. Wie er hier die Beete, Blüten und Wege immer neu variiert, wie er in Farbe schwelgt, das sieht Kurator Faass zu Recht als einen Höhepunkt des deutschen Impressionismus an, vergleichbar dem ebenfalls auf ein Thema fixierten Spätwerk Claude Monets. Hier trumpft die Düsseldorfer Schau mit einem Raum noch einmal auf.

Bis 8.5., di – so 11 – 18, do bis 21 Uhr, Tel. 0211/ 566 42 100, www.kunstpalast.de

Katalog, Sandstein Verlag, Dresden, 29,80 Euro

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