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„Brücke und Blauer Reiter“ im Von-der-Heydt-Museum ausgestellt

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Von: Achim Lettmann

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Im Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum ist Mackes „Mädchen mit Fischglas“ zu sehen.
August Mackes Gemälde „Mädchen mit Fischglas“ (1914) ist im Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum ausgestellt. © von-der-heydt-museum Wuppertal

160 Bilder des deutschen Expressionismus gibt es im Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum zu sehen. „Brücke und Blauer Reiter“ ist eine großartige Ausstellung.

Wuppertal – August Macke ging zu Wassily Kandinsky auf Distanz. Für den Künstler aus Bonn gehörte der abstrakte Moment in einem Gemälde immer zum Gegenstand, also zur abgebildeten Welt. Folglich sind in „Mädchen mit Fischglas“ – ein unvollendetes Werk von 1914 – einige farbige Flächen der hohen Schale verpflichtet. Das Lichtspiel in dieser Form bezieht sich auf das Gelb, Grün und Blau der gartenartigen Umgebung. Und Macke deutet farbliche Bezüge an, ohne die räumliche Staffelung des Bildes aufzulösen. Zentrum bleibt die Frauenfigur im blauen Kleid.

Im Wuppertaler Von-der- Heydt-Museum wird der Konflikt der beiden Expressionisten anschaulich. Die Ausstellung „Brücke und Blauer Reiter“ ist eine prächtige Präsentation, die den Stellenwert dieses Malstils für die Kunstgeschichte feiert und einordnet. Es sind insgesamt 160 Werke ausgestellt, 90 Gemälde und 70 Arbeiten auf Papier, die zwischen 1905 und 1917 entstanden sind. Im Mittelpunkt stehen die Künstlergruppierungen, die gern in einem Atemzug genannt werden, aber signifikant unterschiedlich waren. Die Ausstellung vergleicht und fragt nach dem Frauenbild, nach außereuropäischer Kultur und den Differenzen.

Wassily Kandinsky zählt wie Macke zum „Blauen Reiter“. Er versuchte die Farbe vom Abbild zu lösen, und sie über die sichtbare Welt zu erheben, wie es das Wesen der Musik war, so seine Überzeugung. Kandinskys großformatiges Gemälde „Improvisation Sintflut“ (1913) lässt ein paar Tierbildnisse erahnen, die aus wolkigen und amorphen Farbmischungen aufscheinen. Vor allem die Energie aus dem Farbrausch dominiert das abstrakte Bild, das vom Thema her an Katastrophe und Untergang denken lässt. Kandinskys Beitrag zur Kunst des „Blauen Reiters“ war dieser Schritt in die Abstraktion. August Macke lehnte in dem Zusammenhang auch Themen mit menschlicher Tragweite wie die Sintflut ab. „Unfassbare Ideen äußern sich in fassbaren Formen“ schrieb er im Almanach „Der Blaue Reiter“ (1912).

Die Publikation gab Kandinsky und Macke, aber auch Gabriele Münter, Franz Marc, Alexej von Jawlensky, Marianne von Werefkin und Paul Klee einen Namen, unter dem die eigenständigen Kunstschaffenden zusammengefasst wurden. Aber nur zweimal gab es gemeinsame Ausstellungen in Münchener Galerien: 1911 und 1912.

Neben Kandinsky und Macke ist noch Franz Marcs Gemälde „Schafe“ (1912) zu sehen. Die Tiere schweben als Umrisskontur in Schwarz über einer abstrakt-geschwungenen Farbkomposition, die die friedvolle Stimmung der Tiere mitträgt, aber nicht ihre Körperformen ausmacht – ein Zwischenspiel zur Abstraktion.

Am Anfang der Wuppertaler Ausstellung ist Erich Heckels „Der schlafende Pechstein“ (1910) neben Gabriele Münters Skizze „Kandinsky am Tisch“ (1911) zu sehen. Die Gegensätze der Künstlerporträts werden erkennbar: Einerseits wirkt der schlafende Maler – ganz in Rot – in seinem Liegestuhl sehr gelassen, andererseits sammelt sich der aufrecht sitzende Künstler neben Kanne, Tasse und Brotkorb – in gedeckten Farben – bei einem Päuschen. Sinnlicher Mensch hier, ein Herr in Lodenjacke dort. Flächig aufgebrachte Farben werden in den Bildern zu Ausdrucksmittel, was beide wiederum vereint. Ebenso stehen sie im Gegensatz zu einer Gesellschaft mit großbürgerlichem Pomp und nationalem Gepränge.

Gabriele Münter sortiert in dem „Stillleben mit Madonna und Teekanne“ (1912/13) Utensilien eines einfachen Lebens in Bayern. Zurück zu den Wurzeln ist eine Überzeugung, die sich mit dem Interesse am Primitivismus und außereuropäischen Kulturen verbinden lässt. Von Max Pechstein, dem „Brücke“-Maler, wird „Der Sohn des Künstlers auf dem Sofa“ (1917) ausgestellt. Ein braver Junge mit Kussmund ist hier hingesetzt, vor einer Wandmalerei, die eine farbige Frau mit stilisierten Tieren zeigt. Sie erinnert an Paul Gauguins Südseebilder. Beide Figuren drücken Unschuld kulturell ganz verschieden aus.

Die Ausstellung verweist auf Vorbilder der Expressionisten: Cézanne, Picasso, van Gogh, de Vlaminck, Boccioni, Matisse, Signac und Munch. Insgesamt sind 31 Kunstschaffende vertreten.

Die „Brücke“-Maler vermittelten mit ihrer Pleinair-Malerei einen Freiheitsbegriff, der körperlich noch heute spürbar ist. „Badende“ zeigen Heckel, Kirchner und Mueller. Otto Mueller, der erst 1910 zur „Brücke“ kam, gibt dem Aktbild „Adam und Eva“ (1913) etwas Erotisches, sind die beiden doch einander zugewandt. Eva hat exotische Gesichtszüge und steht neben der Sehnsucht nach dem paradiesischen Ursprung auch für den männlichen Blick der „Brücke“-Maler.

1905 hatten vier Freunde die Gruppe in Dresden gegründet: Kirchner, Heckel, Schmidt-Rottluff und Bleyl. Während Fritz Bleyl 1907 ausschied, kam Pechstein bereits 1906 dazu. Emil Nolde war 1906/07 nur kurzzeitig dabei. Der Künstler, der wegen seiner Nähe zum Nationalsozialismus mittlerweile kritisch gesehen wird, hatte in hellfarbigen Bildern das Licht der Impressionisten für seine Kunst („Lesende Dame“, 1906) eingefangen.

Die „Brücke“-Maler arbeiteten gemeinsam, trafen sich mit Freundinnen und Models an den Moritzburger Seen. Ihr unbeschwertes Leben war programmatisch für die Figurenbilder. Erst der Wechsel nach Berlin und Kirchners Chronik zur Gruppe führte zum Streit und zum Ende 1913. Kirchners „Frauen auf der Straße“ (1914) ist einer der zahlreichen Höhepunkte dieser außerordentlichen Ausstellung.

Direktor Roland Mönig hat mit Kuratorin Anna Storm und Kollegen aus Bernried und Chemnitz expressionistische Kunst für „Brücke und Blauer Reiter“ vereint. Das Buchheim Museum der Phantasie, die Kunstsammlungen Chemnitz und das Von-der-Heydt-Museum Wuppertal realisieren eine Schau, die ohne internationalen Leihverkehr auskommt. Mönig nennt das nachhaltig. Die Institute bieten vor allem beide Strömungen des Expressionismus aus Deutschland. Dies war das letzte Mal vor 25 Jahren im Dortmunder Museum am Ostwall zu erleben.

Bis 27.2. 2022; di – so 11 – 18 Uhr; do bis 20 Uhr; Tel. 0202/563 6231; www. von-der-heydt-museum.de,

Katalog, Wienand Verlag, Köln, 29 Euro

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