Deichkind begeistern in Münster mit einer bonbonbunten Show

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"Wer sagt denn das?" - Deichkind in Münster auf jeden Fall.

Münster - Deichkind spielte am Dienstag in Münster ein begeisterndes Konzert in der ausverkauften Halle Münsterland  - es ist eine bonbonbunte Show zwischen Kommerzkritik,  Kunstinstallation und Stumpfsinn.  

 Kann man Streaming tanzen? Deichkind versuchen es zumindest zu ihrem Song „Cliffhänger“. So ganz zündet diese Idee trotz der fließenden Bewegungen nicht. Dass ist aber angesichts eines zweieinhalbstündigen Exzesses mit hoher Eskalationsstufe auf und vor der Bühne in der ausverkauften Halle Münsterland eher eine Nuance. 

Dabei stellt sich die Frage – ist das noch ein Konzert oder eher eine Kunstperformance? Los geht es so: Auf einer weißen Leinwand vor der Bühne ist der Schauspieler Lars Eidinger zu sehen. Nackt wird der Band-Buddy mit einer an seinen Knöcheln befestigten Konstruktion über den Boden gezogen und wie ein Pinsel in einen Topf mit blauer Farbe getunkt. Anschließend räkelt er sich minutenlang auf einem weißen Laken, kleckst und verreibt die Farbe mit seinem Körper – so entsteht das erste Bühnenbild für die neue Deichkind-Show. 

Die Hamburger Hiphopper und Electropunker stehen in weißen Kostümen mit blauen Sprenkeln auf der Bühne und spielen das (natürlich) ironische „Keine Party“ vom neuen Album „Wer sagt denn das?“ „Ihr habt ein geiles Video gesehen und einen geilen Song gehört. Reicht das nicht?“, fragt MC Philipp Grütering. Natürlich nicht. Danach schleppt er einen riesigen Rucksack, von dessen dampfenden Inhalt der Rest der Band gerne probieren möchte („Richtig gutes Zeug“) – ein Song, der sich über die Sehnsucht nach raren Produkten lustig macht und die immer wieder durchscheinende Konsumkritik auf die Spitze treibt.

 Eine Live-Band gibt es nicht. Der Platz auf der Bühne wird von den drei Stammmitgliedern Kryptik Joe (Grütering), dem leicht erkrankten Sebastian „Porky“ Dürre und Geburtstagskind Roger Rekless in immer wieder wechselnden Formationen ausgefüllt. Dazu kommen vier weitere Personen für ihre Tanzchoreografien, den Mummenschanz und die subversiven Kurzgeschichten, die das Ziel haben, ihre Fans 30 Lieder lang mit ihren aberwitzigen Ideen zuzuballern – inklusive permanenter Kostümwechsel vor knallbunten Bühnenbildern.

 Die Fans nehmen das überbordende Angebot zwischen Techno-Stumpfsinn wie am Ballermann („1000 Jahre Bier“) und nachdenklicheren, fast ruhigen Tönen wie in „Die Welt ist fertig“ begeistert auf. „Niemand hat die Absicht, eine Wall of Death zu bauen“, fordert Kryptik Joe die Fans vor der Bühne zum frontalen Ineinander-Reinrennen auf. Der Befehl wird von ihnen erhört. Deren Verkleidungen mit 80er Jahre Ballonseide-Elementen, Tiermützen und Leuchtstäbchen-Basteleien feiern auch frühere Deichkind-Bühnenelemente. 

Einige Klassiker tauchen dabei immer wieder auf wie LED-Pyramidenhelme etwa zu „Arbeit nervt“ und die Bürostuhl-Choreographie zu „Bück dich hoch“. Und Fassreinrollen mit Fahnenschwenk-Botschaft („Kein Bier für Nazis“) oder Gummibootausfahrt auf den Fanhänden mit Kissenschlacht-Elementen sind ohnehin zum festen Bestandteil eines Deichkind-Abends geworden. Es geht ja auch um die Interaktion – denn das Publikum wird so Bestandteil der Performance und ein Teil des Anarcho-Kollektivs. Die zitieren in ihren Songs immer mal wieder andere Künstler wie Frankie Goes To Hollywood, Michael Jackson und Billie Eilish - denn alles kann im Deichkind-Universum. 

Sockenmonster als Waschbäume um Krytik Joes.

Dazu gibt es Bühnenbilder, bei denen Sockenmonster wie Lappenbäume in der Waschstraße um Kryptik Joe herumwirbeln („Gewinne Gewinne“). Das Talent zu griffigen Parolen hatten Deichkind schon immer, dazu kommt ihr Talent, dass alles in einer irrwitzigen optischen Umsetzung zu transportieren. Zum einpeitschenden Techno-Stampfer „Oma gib Handtasche“ lassen Deichkind eine Horde junger Frauen auf Trampolinen synchron springen, ein Laufbandfahrrad dreht eine Runde über die Bühne, überdimensionierte Kopffüßler-Masken leuchten später durch rote Augen („Voodoo“) und aus einer martialischen Kanone mit 16 Rohren und mit Logos des weltgrößten Versandhändlers versehen, werden T-Shirts aus der eigenen Kollektion ins Publikum geschossen. 

Gummibootausfahrt auf den Fanhänden.

23 Jahre Bandgeschichte haben auch einen Bezug zu Münster. „Wir haben in einem Skaterschuppen für 15 Mark Eintritt gespielt. Da wussten wir schon, dass wir später in ausverkauften Hallen spielen“, erinnert Grütering an die Anfänge der Band als Rapper. „Komm schon!“ , „Bon Voyage“ und „Limit“ stammen aus dieser Zeit – und bereiten das furiose Finale vor. 

Während der Schlauchbootfahrt im Federmeer gibt es zu „Remmidemmi“ als Karaoke-Song (als ob das niemand mitgrölen könnte…) eine Art „Alice im Wunderland-Installation“. Es schwebt eine Abrissbirne über die Bühne, ein Schubladenmensch läuft umher, ein riesiger Kack-Emoji füllt den hinteren Bühnenbereich aus und ein „Leider geil“-Luftballon hebt ab… Impulsive Menschen kennen eben keine Grenzen, wie die Hamburger eben im Abschlusssong singen. 

Weitere NRW-Termine

29.2. in Köln, 4.3. in Dortmund, 11.9. in Essen

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