David Marton mischt bei der Ruhrtriennale Purcells „Dido and Aeneas“ neu ab

Überschwang der Gefühle: Szene aus der Produktion „Dido and Aeneas. Remembered“ bei der Ruhrtriennale mit Alix Le Saux und Guillaume Andrieux. Fotos: Paul Leclaire

Duisburg – Erinnerung ist Stückwerk. Ein Sammelsurium des Nichtmehrverstandenen. Ein halb ausgeräumtes Lagerregal im Keller, mit alten Perücken und Winkekatzen. So betrachtet die Produktion „Dido and Aeneas, Remembered“ bei der Ruhrtriennale Kulturgeschichte. Die Götter selbst machen eine archäologische Ausgrabung: Jupiter und Juno legen ein Smartphone frei und staunen es an. Elektroschrott versenken sie im Wasser. Was sonst damit tun?

Zu sehen ist in der Kraftzentrale des Landschaftsparks Duisburg-Nord nicht einfach Henry Purcells Oper von 1689, sondern unter Regie von David Marton ist eine Fusion von Ideen, Szenen und Texten entstanden, die auch das Musiktheater als Ansammlung von Angespültem versteht. Es mischen sich Texte aus Vergils „Aeneis“, Szenen aus der Originaloper und Neukompositionen (vom finnischen Jazzgitarristen Kalle Kalima, der das Orchester an der E-Gitarre ergänzt). Aus einer Stunde Originalspieldauer werden mehr als zwei, und in der Zeit geht das Projekt über einen Zitatsteinbruch nicht hinaus.

Das Smartphone, das Jupiter und Juno (Thorbjörn Björnsson, Marie Goyette in Sprechrollen) aus dem Sand befreit haben, taucht in Didos (Alix Le Saux) Hand auf. Beim Durchscrollen überlagern sich antike Malereien und Titelbilder des „Time“-Magazins. Zeit wird zu Bildfetzen, die aneinander vorbeidriften.

Die Ebenen sind vertauscht: Die mythischen Götter versuchen mühsam, Sinn zu erzeugen aus Bruchstücken, die auf der Dido-Ebene noch zur gelebten Gegenwart gehören. Doch auch die Götter schaffen aus dem Müll der Zeit nichts Sinnhaftes mehr: Sie scharren ihre kaputten Tastaturen und Fernbedienungen wieder ein, Juno legt sich besitzergreifend auf den Haufen, während der Chor das „Remember-me“-Motiv aus Didos berühmter Abschiedsarie „When I am laid in earth“ in schrägen, flirrenden, sich reibenden Harmonien wiederholt. Erinnerung als Inbesitznahme.

Von der Opernhandlung bleiben ebenfalls nur Bruchstücke. Dido und Aeneas tändeln, eine Videokamera zeigt, wie sie ihm den Mund rot bemalt. Das Bühnenbild (Christian Friedländer) zeigt ein weißes Haus, wie ein Schutz, der über eine Ausgrabungsstätte gestellt worden ist. Aber es wird auch neben und hinter dem Haus gespielt, was die Handlung, die dann von einem wandernden Kamerateam übertragen wird, zusätzlich zerlegt.

Didos Wohnzimmer enthält bemalte Amphoren, ein Verweis darauf, wie Kulturbruchstücke zum Renommieren genutzt werden. Das bleibt aber eine Seitenanmerkung. Juno taucht als Queen-Elizabeth-I-Karikatur auf einem Schubkarrenthron auf – noch ein Zitat, das vorbeitreibt. Marton scheint auch eine Gag-Sammlung zu betreiben.

„Dido und Aeneas“ besitzt aus aktueller Sicht erhebliches politisches Potenzial. Die Handlung spielt in Karthago, also Libyen. Die Trojaner sind Kriegsflüchtlinge, die nach Italien übersetzen wollen. Deshalb trägt der Chor zusammengewürfelte Klamotten und tritt vor einer Projektion von Meereswellen auf. Das bleibt allerdings ebenfalls ein Seitenstrang im Kabelsalat der Ideen.

Wie die Inszenierung, so löst auch die Musik Motive aus dem Original heraus, wiederholt und isoliert sie. Kalle Kalima an der E-Gitarre lässt die Motive einsam aufheulen, oft entsteht eine skurrile, verfremdete Atmosphäre wie in einem Science-Fiction-Film. Das Orchester – Musiker und Chor kommen von der Opéra de Lyon – spielt flexibel und elegant. Das Hinzukomponierte schließt nahtlos an; die Einpassung ist wirklich gut gelungen. Dirigent Pierre Bleuse behält bewundernswert die Übersicht, auch bei wechselnden Bühnenebenen und Kamera-Übertragungen.

Durch Martons Fetzen-Technik bleibt wenig Raum für Alix Le Saux‘ gefühlsintensive Dido und den etwas überdrehten Guillaume Andrieux als Aeneas. Claron McFadden ist eine erdige, nicht immer sauber intonierende Belinda, eine Schicksalsbotin im Businessdress (Kostüme: Pola Kardum). Gesang wird durch Sprechdialoge ersetzt; so wiederholen sich Szenen. Warum Dido und Aeneas zwar Englisch singen, aber Französisch sprechen, leuchtet nicht ein.

Keine Regeln gelten für Erika Stucky. In der hinzuerfundenen Rolle der Venus ist die Performancekünstlerin ein Trickster, das unvorhergesehene Element im Zitatkaleidoskop. Kehlig wie eine Folksängerin, gurrend und kieksend wie Björk, röhrend wie ein Glamrockstar weist sie ihren Sohn Aeneas auf sein Schicksal hin: nach Italien reisen, die Grundlagen für das Imperium legen, das einmal Rom werden wird. Geschichte vorantreiben.

Stucky spricht mal Italienisch, Englisch, Jiddisch oder Unverständliches: eine babylonische Verwirrung auf zwei Beinen. Plötzlich holt sie einen Eierschneider unter ihrem Rock hervor und spielt darauf. Wenn Stucky auftaucht, wird deutlich, was Martons Arbeit am offenen Herzen der Kulturgeschichte fehlt: Risikobereitschaft, aus Zitaten und Einfällen eine neue, eigene Ebene zu formen. Wir bleiben im Zitatsteinbruch.

30., 31.8.,

Tel. 0221/ 280 210

www.ruhrtriennale.de

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