1. wa.de
  2. Kultur

Das Zentrum für Lichtkunst in Unna zeigt die Ausstellung „Hypersculptures“

Erstellt:

Von: Ralf Stiftel

Kommentare

Installation „Submergence“ der britischen Künstlergruppe Squidsoup in Unna Zentrum für internationale Lichtkunst
Ein Raum aus leuchtenden Punkten, mal als strenges Muster, mal als sich bewegende Lichtwolke: Die Installation „Submergence“ der britischen Künstlergruppe Squidsoup ist in Unna zu sehen. © Ralf Stiftel

Unna – Zuerst sind da nur einzelne Leuchtkörperstränge, die aufstrahlen. Da wirkt es wie Lichttropfen. Dann bilden sich Wolken aus Helligkeit, grün, rötlich, blau, mal hinten in der raumfüllenden Installation, mal weiter vorn, und man denkt an einen Geist, der herumtanzt. Dazu erklingt eine elektronische Musik, synchronisiert, so dass zu einzelnen Tönen einzelne Lampen aufblitzen. Später erstrahlt das ganze Ensemble aus tausenden kleinen LED-Körpern, wechselt die Farben, überströmt uns mit leuchtenden Wellen. Dieser Raum bietet unmittelbare sinnliche Erfahrung. Wie der Titel „Submergence“ verspricht, taucht der Besucher hier ein. Man darf die Arbeit der britischen Gruppe Squidsoup sogar betreten, zwischen den Leuchtfäden gehen, im Licht und in der durchdringenden Klangschöpfung baden.

Zu erleben ist das Werk im Zentrum für Internationale Lichtkunst in Unna. Die Ausstellung „Hypersculptures“ sucht das große Format, das Monumentale, eben hyper. Den Titel hat Museumsdirektor John Jasper von einem der vertretenen Künstler geklaut, wie er sagt. So wurde aus einem Werktitel ein Ausstellungskonzept. Zu sehen sind „nur“ Arbeiten von fünf Künstlern. Aber jede von ihnen füllt einen der 20 Meter langen, sechs Meter breiten Keller der einstigen Brauerei. Und sie sprechen unmittelbar die Sinne, die Wahrnehmung an. Das Übernormale war hier Auswahlprinzip. Zu sehen ist zwar Lichtkunst, aber die ausgestellten Arbeiten sind doch auch zugleich materielle fassbare Skulpturen. Auch dieses Übergreifen zwischen Genres ist ein Aspekt des „Hyper“ im Titel.

Eine andere Überwältigung erlebt der Besucher vor Philip Vermeulens Apparat „10 Meters of Sound“. Der niederländische Künstler hat eine archaisch wirkende Maschine entworfen, die in Ruhe unscheinbar wirkt. Da sind vier Gummibänder gespannt. Ein Motor versetzt sie in Rotation, und es bilden sich Wellen, Schwingungen im Material. Die Bänder reflektieren das Licht. Je schneller sie rotieren, schwingen, scheinen, desto mehr gaukeln sie dem Auge vor, dass breite Energiestreifen im Raum stehen, in denen sich Muster bilden, Schraffuren, Trübungen, aber auch Konturen, die wie Drehkörper wirken, Ellipsoide, sonnenuhrartige Erscheinungen. Die Bewegung der Installation wechselt in Tempo und Intensität, wodurch ständig neue Eindrücke entstehen. Der Betrieb ist begleitet von einem lauten Schwirren und Sausen, manchmal scheint ein Sturm aufzukommen. Es verblüfft, welche atemberaubenden optischen Effekte mit Mitteln erreicht werden, die dem analogen Zeitalter entstammen.

Der erste Saal dagegen ist viel ruhiger. Hier hat die New Yorker Künstlerin Christine Sciulli ihre Skulptur „Breath of the Sea“ (2019). Hier herrscht im Dunkel meditative Konzentration. Über dem Betrachter schimmern leuchtende Strukturen, die in ständiger Bewegung sind. Es könnten meteorologische Phänomene sein, Nordlichter oder Wetterleuchten, bevor sich ein Gewitter entlädt. Man denkt vielleicht auch an organische Erscheinungen, an Leuchtquallen oder übergroße Mikroben, die ineinander gleiten. Erzeugt hat Sciulli diese Phänomene mit transparenten Stoffbahnen, in denen sich scharf gebündelte Lichtstreifen fangen.

Minimalistisch sind die Resonanzobjekte, die Julius Stahl präsentiert. Dabei überträgt er die Schwingungen von Sinustönen auf eine Lichtquelle. So kommt Bewegung in die Erscheinung: Ein Quadrat verliert seine scharfen Konturen, scheint sich in den Raum auszubreiten, zu einem transparenten Körper zu werden.

Eine Arbeit ist nicht im Museum, sondern davor. Auf dem Lindenplatz weckt ein mehr als zwei Meter hoher Glaswürfel das Interesse der Passanten. Giny Vos hat „Light Phenomena“ konstruiert. Die Skulptur bleibt dauerhaft vor Ort, als Bestandteil von „Hellweg – ein Lichtweg“. Schon in Ruhe ist das fragile Objekt sehenswert, eine Struktur aus 1600 feinen LED-Modulen mit jeweils 36 LEDs, ein abstraktes Gewebe im Raum aus 57 600 Leuchtkörpern. In Betrieb leuchten immer neue Teile dieser Arbeit auf, in den Grundfarben Grün, Rot, Blau. Sie symbolisieren verschiedene Vorgänge, die unter dem Einfluss von Licht ablaufen, zum Beispiel das Wachstum eines Baumes, wie die niederländische Medienkünstlerin erläutert. Das allgegenwärtige Licht wird in einer Art körperlosem Tanz vorgeführt. Von nun an ist das Werk immer von 8 Uhr morgens bis 22 Uhr zu erleben.

Auch das Lichtkunst-Museum steht vor Fragen der Energieeinsparung. Da ist es John Jasper wichtig, dass sein Haus für die Erlebnisse, die es bietet, wenig Strom verbraucht. Konventionelle Häuser müssen empfindliche Gemälde klimatisieren und beleuchten. Im Zentrum aber leuchten die Kunstwerke selbst. Und Leuchtröhren, die einst für den Außenraum erfunden wurden, sind anspruchslos, was Temperatur und Luftfeuchtigkeit angeht. So liegt der Energieverbrauch des Zentrums bei einem Fünfzigstel dessen, was Museen üblicherweise einsetzen.

Bis 30.4.2023, Besuch im Rahmen einer Führung,

Tel. 02303 / 103 751

www.lichtkunst-unna.de

Auch interessant

Kommentare