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Das Museum Haus Opherdicke stellt den Bielefelder Maler Victor Tuxhorn vor

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Von: Ralf Stiftel

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Victor Tuxhorn: „Die Sehnsucht (Eva)“  (um 1920) Ausstellung Haus Opherdicke
Eine intime Situation verband Victor Tuxhorn mit biblischen Assoziationen in seinem Gemälde „Die Sehnsucht (Erna)“ (um 1920), das im Museum Haus Opherdicke zu sehen ist. © Foto: Museum

Holzwickede – „Die Sehnsucht“ betitelte Victor Tuxhorn sein Aktgemälde (um 1920). Und man spürt in seiner Darstellung der nackten, schlafenden Geliebten Erna Ertel genau diese Leidenschaft. Seine spätere Frau, zehn Jahre jünger als er, war sein bevorzugtes Modell. Er porträtierte sie sitzend, sittsam mit einer Blume in der Hand, und im Profil am Klavier. Und eben auch nackt, wie in dem großen Gemälde, das eine schlichte, intime Alltagssituation emotional auflädt. Mit dem Wandteppich voller exotischer Tiere als Hintergrund lässt der Künstler eine zusätzliche Bedeutungsebene anklingen, eine Paradiessituation, in der Erotik und Unschuld schön zusammenschwingen.

Zu sehen ist das Bild im Museum Haus Opherdicke in Holzwickede. Der Kreis Unna zeigt dort die Ausstellung „Victor Tuxhorn – ein westfälischer Expressionist“. Die Kuratoren Wilko Austermann und Arne Reimann folgen damit dem Konzept, weniger bekannte Vertreter der klassischen Moderne und der frühen Avantgarde vorzustellen, gern auch mit regionalem Bezug. Tuxhorn (1892–1964) passt in dieses Schema. Der Künstler stammt aus Bielefeld und verbrachte, abgesehen von einer Studienzeit an der Kunstakademie Dresden Anfang der 1920er Jahre, sein Leben dort. Mit mehr als 120 Kunstwerken zeichnet die Schau, eine Kooperation mit dem Herforder Kunstverein im Daniel-PöppelmannHaus, ein differenziertes Bild Tuxhorns.

Das Sehnsuchts-Bild trägt das Etikett des Expressionismus zu Recht. In derselben Zeit entstand ein starkfarbiges, geradezu glühendes Gemälde von St. Johannis in Lüneburg. Hinzu kommen Grafikblätter wie der herrlich aus einer Linie aufsteigende „Eistänzer“ (1919), bei dem das Schwarzweiß perfekt Bewegung einfängt. Oder religiöse Motive wie die schreitenden „Jungfrauen“ und der „Christuskopf“ (beide 1920). Aber einen Expressionisten kann man Tuxhorn nur in einer kurzen Phase nennen.

Tuxhorn zeigte schon als Schüler Interesse an der Kunst. Er absolvierte eine Malerlehre und besuchte danach die Kunsthandwerkerschule in Bielefeld. Dort traf er auf Ludwig Godewols als Lehrer, der zwar selbst in der akademischen Tradition malte, aber ein aufgeschlossener Pädagoge war und auch Peter August Böckstiegel, Heinz Lewerenz und Ernst Sagewka unterrichtete. Sie alle trafen sich später in der Künstlergruppe „Rote Erde“, und einige Werke von ihnen sind in Opherdicke ausgestellt.

Die frühen Arbeiten Tuxhorns zeigen noch keine klare Linie. Da hängt die Ölstudie „Vier Frauen auf einer Wiese“ (1911) in impressionistischer Machart, da hängt das Druckblatt „Apfelbaum schüttelnder Mann“ (um 1912), ein Nachhall des Jugendstils. 1914 wurde Tuxhorn zum Kriegsdienst an die Westfront einberufen, wo zum Beispiel der kleine Holzschnitt „Handgranatenwerfer“ (1918) entstand.

Bestimmend für Tuxhorn war die Beziehung zu Erna, die er 1923 heiratete. Das Paar zog zu ihren Eltern, die in Schildesche (später zu Bielefeld eingemeindet) einen Gasthof betrieben. Das sicherte den Lebensunterhalt, und Tuxhorn malte dort auch die Gaststube aus. Aber in der westfälischen Provinz gab es kaum einen Markt für avantgardistische Malerei. So beruhigte sich Tuxhorns Palette, er malte Porträts und stimmungsvolle Landschaftsbilder. Ein Heimatmaler, Vertreter der Region. Sein Blick war durchaus wach und aufmerksam, wie das ungewöhnlich große und ambitioniert ausgeführte Gemälde „Bildnis eines Arbeitslosen“ (1931) belegt, das Tuxhorns Kenntnis der Neuen Sachlichkeit ahnen lässt.

Die Person Tuxhorn ist in Bielefeld umstritten wegen seines Verhaltens nach 1933. So wurde eine Tuxhorn-Straße umbenannt. Er wurde 1937 Mitglied der NSDAP und in der „Reichskammer der Bildenden Künste“. Seine Werke wurden in Gelsenkirchen, Hagen, Münster gezeigt und angekauft, zum Beispiel vom Kunsthaus Bielefeld, Vorläufer der Kunsthalle. Allerdings beschlagnahmten die Nazis einige seiner expressionistischen Werke bei der Schandaktion „Entartete Kunst“. Die Ausstellung stellt diese Werkphase nuanciert vor, auch mit einer Dia-Show von Zeitungsartikeln und Dokumenten. Tuxhorn arbeitete als Presseamtsleiter von Schildesche, illustrierte eine Ortschronik und schuf 1933 eine Radierung vom „Horst-Wessel-Stein“. Propaganda-Kunst aber ist von ihm nicht überliefert. Er war wohl eher Mitläufer, der zurechtkommen wollte, weniger ideologisch verstrickt als beispielsweise der berühmtere Kollege Emil Nolde.

Das Nachkriegswerk fällt gegen Tuxhorns expressionistische Phase ab. Reiseimpressionen zum Beispiel aus Italien, gern mit Booten oder Gondeln in Venedig, bedienen die touristische Sehnsucht des Wirtschaftswunders. In Radierungen zeigte er das Stadtbild Bielefelds, Einkaufsstraßen mit Autos und die Rudolf-Oetker-Halle. Eine melancholische Zeitstimmung findet man in dem Gemälde „Zeitgenossen (Wartende)“, das vielleicht eine Situation bei einem Arzt oder in einem Amt aufgreift. Aber die Tiefenschärfe des „Arbeitslosen“-Porträts erreicht die Szene aus der Stunde Null nicht mehr.

Ein Expressionist war Tuxhorn nur kurz. Die Schau stellt aber eine exemplarische Künstlerkarriere abseits der Metropolen vor.

Bis 19.2.2023, di – so 10.30 – 17.30 Uhr,

Tel. 02303 / 275 041,

www. museum-haus-

opherdicke.de

Monografie Tuxhorn,

Verlag Kettler, Dortmund, 32 Euro

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