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Das Märkische Museum Witten stellt Kunst von Frauen vor

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Von: Ralf Stiftel

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 Das Gemälde „Der Kardinal“ (1969) von Rissa im Märkischen Museum Witten
Als Machtmenschen porträtiert die Malerin Rissa den Würdenträger. Das Gemälde „Der Kardinal“ (1969) ist im Märkischen Museum Witten zu sehen. Foto: Stiftel © Ralf Stiftel

Witten – Selbstbewusst ruht der „Kardinal“ auf seinem goldenen Thron. Er hält einen großen Fisch auf dem Schoß. Schon die ersten Christen hatten den Fisch als Erkennungszeichen gewählt. Im Gemälde von Rissa allerdings ruht die Hand des Würdenträgers auf dem Tierleib wie auf einem persönlichen Besitz. Wie ein Schutzschild hält der Fisch Betrachter auf Abstand. Flankiert ist der Geistliche von zwei großen Hunden. Dieser Mann verkündet keine frohe Botschaft, er zeigt sich als unnahbarer Machtmensch. In ihrem 1969 entstandenen Gemälde erweist sich die Künstlerin als treffsichere, hellsichtige Analytikerin.

Das Werk ist im Märkischen Museum Witten ausgestellt. Das Haus hat es 1980 erworben, seitdem gehört es zur Sammlung. Das gilt auch für die anderen Exponate der Ausstellung „Anders normal!“ Und doch ist der Querschnitt durch die Kunstgeschichte mit rund 100 Werken von 50 Künstlerinnen ungewohnt. Die Schau kehrt die Verhältnisse um. Normalerweise ist Kunst von Frauen eine Ausnahme im Ausstellungsbetrieb. Für das Wittener Haus hat Kuratorin Claudia Rinke das in Zahlen dokumentiert: Das Märkische Museum hat in der Sammlung 5172 Werke von 726 Künstlern. 534 Gemälde, Skulpturen, Grafiken wurden von 92 Frauen geschaffen. Was eine Quote von rund zehn Prozent bedeutet. Ist das fair? Ist das korrekt? Die Ausstellung soll eine lückenhafte Wahrnehmung korrigieren.

Ganz neu ist der Ansatz nicht. In den letzten Jahrzehnten rückt die Kunst von Frauen in den Fokus. 2015 beleuchtete die Kunsthalle Bielefeld den weiblichen Anteil an der klassischen Moderne, von Agnes Martin bis Gabriele Münster begegnete man in den letzten Jahren bedeutenden Malerinnen in den Museen des Landes. Überraschend ist, wie das Wittener Institut die eigene Sammlung befragt. Nicht jedes Bild hier wurde zu Unrecht den Kunstfreundinnen vorenthalten. Der knorrige alte Mann, den Elisabeth Schmitz 1940 porträtierte, entspricht doch sehr den damals erwünschten Schönheitsvorstellungen. Annemarie Kirchner-Kruse fixiert den „Herbst im Odenwald“ als eine Gruppe von Fachwerkhäusern, die sich in ein bewaldetes Tal schmiegen, was in seiner Gefälligkeit eher an Heimatfilme und den Wohnzimmerschmuck im Gelsenkirchener Barock anschließt als an museumswürdige Kunst. Man sollte allerdings gerecht sein: In Depots deutscher Museen finden sich sicher deutlich schlechtere Bilder von Männern. Und Kirchner-Kruses „Jugendliches Selbstbildnis“ hat ein ganz anderes Format.

Das macht die Schau spannend. Das Museum, 1886 gegründet vom „Verein für Orts- und Heimatkunde in der Grafschaft Mark zu Witten“, in dem Frauen nicht mal Mitglied sein durften, hat eine Sammlung, in der Zeitgeist und -geschmack sedimentierte. Planmäßig gesammelt wurde erst nach 1945, insbesondere die Direktoren Wilhelm Nettmann und Wolfgang Zemter setzten Schwerpunkte bei der Kunst des Informel und des Kritischen Realismus. Es gab Ausstellungen von Künstlerinnen. Ihre Werke kamen auch in die Sammlung.

So bietet die Schau die Chance, Wahrnehmungslücken zu schließen. Man begegnet hier Künstlerinnen, die längst kanonisiert wurden, von der Radiererin Käthe Kollwitz über die Malerin Ida Gerhardi bis zur Expressionistin Gabriele Münster, von Paula Modersohn-Becker über Renée Sintenis bis zu Hannah Höch. Wer möchte zweifeln an der Qualität des kühlen Selbstporträts der Gerhardi (1903) oder an Modersohn-Beckers „Bäuerin mit Kind“ (1902), eingefangen als geisterhafte Erscheinungen aus der Heide? Und Ida Kerkovius knüpfte nach 1945 erfolgreich und stilsicher bei der klassischen Moderne an, setzte fort, was sie 1920 im Bauhaus bei Kandinsky und Klee lernte.

Noch spannender aber ist es, hier Entdeckungen zu machen. Skulpturen von Gerlinde Beck sind ja durchaus präsent im öffentlichen Raum. Aber das kleine Ensemble mit der farbig gefassten Eisenskulptur „Liegenden Figur“ (1958) und den strengen Siebdrucken behauptet sich auch sehr gut im musealen Raum. Oder das fabelhafte informelle Gemälde „Vergangenes steht bevor“ (1964) von Chow Chung-cheng. Die gebürtige Chinesin studierte an der Sorbonne in Paris, heiratete einen deutschen Diplomaten. In den 1950er Jahren kam sie zur Kunst. In das Informel brachte sie Elemente der Kalligrafie und der fernöstlichen Landschaftsmalerei ein. Anders blickt Maina-Miriam Munsky auf Mutterschaft in ihrem provozierend nahen und kalten Bild „Kreiß-Saal“ (1972), das dem Thema Mutterschaft die romantische Verklärung austreibt.

Einfach nur „Objekt“ nannte Eva Niestrath-Berger ihre Wandarbeit von 1989: Sie montierte Papier auf ein Gerüst aus flachen Stahlblech-Stäben. Mit verschiedenen Techniken von Wachsen bis zu Falzen wurde dem Material eine spannende Oberfläche verliehen. Das Ding bringt sofort die Assoziationsmaschine auf Touren. Man denkt an ein Kultobjekt, an ein archaisches Schild, an ein Signal.

Susanne Stähli zeigt in „ohne Titel (6/15gr)“ (2015), wie mit handelsüblichem Material eine aktuelle Form von Farbmalerei funktioniert.

Kirsten Krüger wiederum lässt seltsame Blüten blühen in ihrer Raumarbeit „Fischblumenland“ (2001). Sie verarbeitet Naturschwamm und Fischgräten zu einer trügerischen, witzigen Landschaft.

Bis 20.2.2022, mi – so 12 – 18 Uhr, Tel. 02302/ 581 2550, www.maerkisches-museum-witten.de

Katalog 20 Euro

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