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Das Kunstforum Hermann Stenner stellt den Visionär Wenzel Hablik vor

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Von: Ralf Stiftel

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 Gemälde „Sternhimmel“ (1913) von Wenzel Hablik
Wie ein Detail aus einem Science-Fiction-Film wirkt das Gemälde „Sternhimmel“ (1913) von Wenzel Hablik, das in der Ausstellung im Hermann-StennerKunstforum in Bielefeld zu sehen ist. © © Wenzel-Hablik-Stiftung, Itzehoe

Bielefeld – Als stünde man auf der Brücke des Raumschiffs Enterprise. Der Blick fällt auf Planeten mit Ringen, Kometen, Sternen, alle gebunden durch eine leuchtende Spirale. Aber Wenzel Hablik kannte die Illusionen der Filmindustrie nicht, als er 1913 seinen grandiosen „Sternenhimmel“ malte. Er musste seine Vision selbst schaffen, die Formen aus Licht, das kosmische Blau, das Gesicht von Planeten, mal mit bunten Ringen, mal mit Kontinenten und Kratern.

Wenzel Hablik (1881–1934) war ein Künstler der Visionen und Utopien. Er schöpfte seine Inspirationen aus den Pionierarbeiten der astronomischen Fotografie, die Anfang des 20. Jahrhunderts kosmische Nebel und Sternenhaufen sichtbar machte. Er ließ sich auch durch Schriftsteller anregen wie Paul Scheerbart, Kurt Laßwitz, H.G. Wells anregen. Seine Himmelsbilder jedenfalls sind für die Zeit überraschend und ohne Gegenstück. Zu sehen sind die Werke im Kunstforum Hermann Stenner in Bielefeld, das den Maler und Universalkünstler in einer faszinierenden Retrospektive vorstellt.

Der Mann, der in Brüx geboren wurde, in der böhmischen Provinz der k.u.k. Monarchie, absolvierte zunächst eine Lehre im Tischlerbetrieb seines Vaters. Dann besuchte er in Wien die Kunstgewerbeschule, im Zentrum des Jugendstils, zog weiter nach Prag, wo er an der Kunstakademie studierte. Auf einer Reise lernte er 1907 den Holzgroßhändler Richard Biel kennen, der ihn nach Itzehoe einlädt, ihn als Mäzen unterstützt, ihm Aufträge vermittelt. Einerseits ist das ein existenzsicherndes Glück. Andererseits bindet es den Künstler an die norddeutsche Provinz, was seinen Nachruhm nicht förderte. Zwar gibt es in Itzehoe eine Stiftung und ein Museum, die das Erbe Habliks bewahren. Aber er ist nicht annähernd so bekannt wie Zeitgenossen, die er kannte und mit denen er Pläne schmiedete. In den letzten Jahren wird seine überbordende Kreativität wieder entdeckt. So gab es vor vier Jahren eine große Retrospektive im Berliner Gropius-Bau, und in der Neuen Nationalgalerie der Hauptstadt hängen zwei seiner Werke neben denen von Hodler und Munch, berichtet Christiane Heuwinkel, Direktorin des Stenner-Forums.

Er war seinerzeit gut vernetzt. So stellte er in Herwarth Waldens „Sturm“-Galerie aus, einem Zentrum der Avantgarde im Vorkriegsberlin. Nach dem Krieg ist er Mitglied der Gruppe „Die Gläserne Kette“ und tauscht sich mit den Architekten Walter Gropius, Hans Scharoun und Brundo Taut aus.

Mit rund 200 Exponaten wird in Bielefeld Habliks weit gespanntes Werk ausgebreitet. Er liebte es, mit der Vorstellungskraft Grenzen zu überschreiten. „Muss ich schon hier an der Erde kleben – dann wenigstens nicht mit dem Hirn“, lautete sein Motto. Er begann in der Tradition des Jugendstils, wie herrlich dekorative Pflanzenstudien und ein „Knabenbilderbuch“ (um 1903) belegen. Aber schon da zeichnet er „Kristallbauten“, vorzugsweise auf Berggipfeln.

In Prag sah er die Werke von van Gogh und Munch. In seiner Malerei wurde er expressiv, mit kräftigem Farbauftrag. Der rätselhafte Akt „Schlafende Mutter“ (1907) löst die Formen in einen mächtigen Energiefluss auf. Die Tendenzen zur Abstraktion sind offensichtlich: Im monumentalen Gemälde „Gewitter an der Stör“ (1910) findet man die Wucht des Naturereignisses wieder. Aber Hablik bildet es in einem wandfüllenden, monochromen Gewölk aus Blautönen ab, das den Betrachter überwältigt. Er zeichnet karikaturenhafte Blätter von „Phantasievögeln mit Weingläsern und Pfeife“, aquarelliert die Rochen im Aquarium von Helgoland als verschwommene, bewegte Farbkleckse. Bei einer Reise durch den Mittelmeerraum, die ihn bis nach Konstantinopel führt, beeindrucken den Künstler die Orte und die Menschen. Er malt Kuppelbauten wie die Moschee und die „Grüne Turba“ von Brussa, er porträtiert die Landbewohner und einen Hodscha.

Hablik war aber nie nur Maler. Er arbeitete auch als Designer und Architekt. Gerade bei Bauten entfaltete er seine ganze visionäre Fantasie. In Zeichnungen skizzierte er Luftschiffe und fliegende Siedlungen. Seine Zeichnungen von Flugmaschinen lassen an die absurden Kreationen eines Panamarenko denken. Zugleich entwarf er immer gewagtere Kristallbauten auf Berggipfeln. Manche Entwürfe erscheinen realisierbar wie das „Vielfamilienhaus im Gebirge“. Anderes hingegen gleicht den Glastürmen Bruno Tauts. Hablik dachte über besondere Kuppelkonstruktionen nach, ein Bild zeigt eine „freitragende Kuppel“ (1919), und er notiert unten in der Skizze: „in den grössten Dimensionen ausführbar, 30 bis 1000 m D.M.“. Ein Gemälde treibt den Gigantismus noch weiter, da stellt er eine „freitragende Kuppel“ auf fünf Bergspitzen (1918/23/24). Dabei zeigt sich auch sein Humor: Seine gezeichneten Kristalltürme recken sich wie phallische Pilze. Und wenn er 1920 „Bergspitzen“ skizziert, die Steinbockschädel tragen und Menschenköpfe, dann denkt er vor, was in den Präsidentenköpfen von Mount Rushmore 1941 in den USA realisiert wurde. Sein Gemälde „Große bunte utopische Bauten“ (1922) nimmt die Formensprache der postmodernen Malerei der 2000er Jahre vorweg.

In Itzehoe übernahmen er und seine Frau, die Weberin Elisabeth Lindemann, viele gestalterische Aufträge. Hablik entwarf Möbel, Teppiche, Tapeten, Tischlampen, Besteck. Sein eigenes Haus formte er zu einem Gesamtkunstwerk mit Präsentierschränken für seine Sammlung von Muscheln, Mineralien und Kristallen, mit avantgardistisch geformten Objekten wie einem Metall-Tintenfass und einer Bonbonniere in Gestalt des Saturn, mit einer knallbunten Bemalung von Wänden und Decken. Er betätigte sich auch als Innenarchitekt, gestaltete die Räume des Zentral-Hotels und den Contorsaal für die Firma Bölck, wobei er da freilich die Farben zurückhaltender einsetzte.

Die Ausstellung macht mit einem vielseitigen, sprühenden Künstler bekannt, der seine Geistesblitze in originellen Werken einfing.

Bis 6.3.2022, mi – so 14 – 18, sa, so 11 – 18 Uhr, Tel. 0521/ 800 6600, www.kunstforum-hermann-stenner.de

Begleitend wird der Katalog der Ausstellung im Gropiusbau angeboten: Prestel Verlag, München, 34 Euro

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