Christoph Marthaler übersetzt Charles Ives‘ Musik bei der Ruhrtriennale in Bilder

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Mächtige Klänge, bewegte Darsteller und ein Dinosaurier: Szene aus „Universe, incomplete“ bei der Ruhrtriennale.

BOCHUM - Gleich am Anfang hat dieser Abend schon gewonnen. Da grollen über dem Publikum dumpfe Paukengewitter, es klacken Schlaghölzer, bimmeln Triangeln, es rühren Trommeln. Ein anschwellender Klangrausch aus sich überlagernden, ganz unterschiedlichen Rhythmen füllt die Bochumer Jahrhunderthalle. Das ist freie, atonale Musik – und sie fesselt das Publikum der Ruhrtriennale.

Der Regisseur Christoph Marthaler hat sich mit „Universe, incomplete“ an ein Monsterprojekt gewagt. Er hat das Hauptwerk des US-Komponisten Charles Ives (1874–1954) in ein Stück umgesetzt, das sich keinem Genre zuordnen lässt. Eine Kreation eben, wie sie ja die Ruhrtriennale prägen sollen. An der „Universe Symphony“ hat Ives von 1911 bis 1928 gearbeitet, vollendet hat er sie nicht. Aber gerade das Fragmentarische macht Marthaler zum Thema dieses Abends.

Das Universum in Musik abzubilden ist ohnehin unmöglich. Und doch schaffen Marthaler und die Ausstatterin Anna Viebrock Bilder von betörender Schönheit in der einstigen Industriekathedrale, die komplett bespielt wird, während der Sommertag dahindämmert. Selbst das natürliche, schwindende Tageslicht wird eingeplant. Ein Riesenunternehmen mit einem Dutzend Schauspielern, die auch singen und tanzen, mit zwei Orchestern, einem Schlagzeugensemble und Solisten.

Es gibt in der zweieinhalbstündigen Produktion keine geschlossene Erzählung. Stattdessen formt Marthaler Einzelszenen zu einer Art Mosaik existenzieller Befindlichkeiten, manchmal bringt er Texte ein, poetische Fragmente von Gerhard Falkner und Martin Kippenberger, Da geht es dann darum, dass einer zu wenig geschlafen hat in diesem Jahrhundert. Oder einer fragt sich, was er mit den Holzdingern und den Gummidingern machen soll, kleben oder tackern?

Vieles hat den Charakter einer Choreografie, die an das Tanztheater von Pina Bausch erinnert. Während zwei Pianisten vorn eines der Viertelton-Stücke von Ives interpretieren, sitzen die Schauspieler an langen Tischen, legen sich dann auf sie und ziehen sich vorwärts wie eine Prozession aus Raupen. Immer wieder rennt ein Mann mit einer Tuba im Hintergrund von einem Ende der Halle zum andern, immer verspätet, immer dem Leben hinterher. Dann wieder erstarren die Akteure, die gerade noch einen hauchzarten Choral angestimmt haben, zu einem lebenden Bild, starren nach oben mit weit geöffneten Mündern. Über eine Brücke geht ein Mann, sein Kopf berührt einen der Stahlträger der Jahrhunderthalle, und er zappelt, als durchfahre ihn ein Hochspannungsstoß. Und einmal schwebt ein Dinosauriertorso ein. Erklären, ausdeuten lassen sich diese Bilder nicht unbedingt. Aber sie berühren durch emotionale Intensität, durch ihre Schönheit, durch ihren zuweilen überraschenden Witz.

Durch die Halle ist eine Schiene verlegt, auf der anfangs ein Waggon steht. Der fährt nach einer Weile beiseite und gibt den Blick frei auf eine uniformierte Kapelle, die munter einen der Märsche von Ives intoniert.

Diese Wunderkiste an optischen Reizen entspricht aufs Schönste dem Geist von Ives‘ Musik. Marthaler und der Dirigent Titus Engel haben die unkomplette Sinfonie mit anderen Kompositionen des Musikers ergänzt. Und auch Ives‘ Musik lebt aus den Kontrasten. Immer wieder greift er auf populäres Material zurück, Märsche, Ragtime, Folksongs, und gerade wenn sich der Hörer allzu heimisch fühlt, verschiebt Ives Melodien in die Dissonanz oder lässt einen Akkordcluster in ein zartes Geigenmotiv krachen. Bei den Pianokompositionen sind die Klaviere gegeneinander verstimmt, damit eben Vierteltöne gespielt werden können. Das Frappierende ist eben, wie an diesem Abend – auch durch die dezente Bebilderung – die Musik als schön erlebbar wird, obwohl sie so offensichtlich gegen die abendländische Musiktradition mit ihren zwölf Halbtönen verstößt.

Die Bochumer Symphoniker spielen die meiste Zeit in einem Winkel der Halle, den die Zuschauer nicht einsehen können. An einer Stelle liefern sie sich ein Duell mit dem Kammerorchester Rhetoric Project, dessen Musiker unverdrossen ihr Thema wieder und wieder anstimmen, obwohl ihnen jedes Mal die Klanggewalt der anderen in die Parade fährt. Als hätte Beckett komponiert. Großer Beifall für ein faszinierendes Gesamtkunstwerk.

22., 23., 24., 25.8.,

Tel. 0221/ 280 210,

www.ruhrtriennale.de

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