In Christian Torklers Roman „Der Platz an der Sonne“ fliehen Deutsche in den Süden

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Erzählt von einem Deutschen, der nach Afrika flüchtet: Christian Torkler.

Roller hat‘s geschafft. Das steht zumindest auf der Ansichtskarte, die er seinem Kumpel Joshua Brenner nach Berlin schickt. „Ich hab Arbeit und verdien an einem Tag so viel wie in Berlin in einer Woche mindestens.“ Roller ist aus Deutschland abgehauen, nach Afrika. Ein Wirtschaftsflüchtling aus einem Europa, das aus gescheiterten Staaten besteht.

Christian Torkler erzählt in seinem Roman „Der Platz an der Sonne“ von einer Parallelwelt. Dort endete 1945 der Krieg nicht, stattdessen zerlegte sich der Kontinent. Deutschland zerfiel in Kleinstaaten wie den Süddeutschen Bund, die Freie Sozialistische Republik Mitteldeutschland, die Neue Preußische Republik mit Berlin als Hauptstadt, wo Joshua sich mehr schlecht als recht durchzuschlagen versucht. Natürlich gelingt ihm das nicht. Er scheitert mit dem Versuch, eine Bar zu betreiben, sein Kind stirbt, seine Ehe zerbricht. Nichts hält ihn mehr. Er begibt sich auf die gefährliche Reise dahin, wo alles vermeintlich besser ist.

Natürlich ist diese Umkehr der Perspektive ein politisches Statement. Torkler, 1971 in Greifswald geboren, in einem Pfarrhaus aufgewachsen, hat sieben Jahre lang in Afrika gelebt, vor allem in Tansania. Offensichtlich bekommt man durch solche Nähe einen anderen Zugang zum Thema Flucht und Migration. Es befördert eben die Empathie, wenn man nicht fiktive „Männerhorden“ in den Blick nimmt sondern Individuen, einzelne Menschen.

Die Literatur der parallelen Wirklichkeit scheint sich zu einem eigenen Genre zu entwickeln. Robert Harris hatte 1992 in „Vaterland“ eine Welt beschrieben, in der Hitler den Krieg gewonnen hat. Abdourahman Waberi hatte schon 2008 den Roman „In den Vereinigten Staaten von Afrika“ geschrieben, in dem ebenfalls Massen aus dem verarmten Europa in den Süden fliehen. Aber der dschibutische Schriftsteller kommt seinen Protagonisten nicht so nah wie Torkler. Hier lesen wir die fiktiven Erinnerungen Josua Brenners, der Horizont ist exakt der des Protagonisten, und all die Fakten der veränderten Weltgeschichte sind in die Nebensätze verbannt. Dieses menschliche Maß macht die Handlung zugänglich.

Im ersten Teil ist dies ein Großstadtroman in der Tradition Döblins. Brenner wächst in der Diktatur heran, wird von manchen Lehrern gepiesackt, von anderen gefördert, wurschtelt sich in einer prekären Gesellschaft durch, in der das Geld von den „Bongos“ kommt. Die Entwicklungshilfe-Afros verbessern aber nicht die Situation der einfachen Leute, sondern versickern bei den Eliten. Brenner hat zwischendurch auch mal Glück, findet eine Frau, macht sich mit einer Bar trickreich selbstständig. Aber Schutzgelderpresser und korrupte Behörden sorgen dafür, dass er scheitert. Als auch noch sein Sohn stirbt und seine Ehe zerbricht, hält ihn nichts mehr in Berlin.

Es folgt ein Abenteuerroman, freilich ein bitterernster. Torkler schildert Europa als gefahrenreiche Wildnis. Brenner findet Gefährten, jobbt für Reisegeld, das er betrügerischen Schleppern zahlt, die den Rest gleich auch noch stehlen, überquert zu Fuß die Alpen, wird an die Polizei verraten, schafft es auf das Boot auf dem Mittelmeer. Dass ein Flüchtling, der nirgends gewollt ist, ausgeliefert ist, wird bei Torkler nicht bloß behauptet, sondern anschaulich.

Torkler spricht durch Brenner zum Leser, legt die Aufzeichnungen vor, die der Held im Abschiebegefängnis niederschrieb. Darum ist der Ton robust, rustikal. Dieser Prekarier, der nicht studiert hat und sich gegen immer neue Widrigkeiten behaupten muss, spricht in kurzen Sätzen, verschleift die Wörter, guckt „aus‘m Fenster“ und legt etwas „auf‘n Tisch“. Er ist von einer gewissen Volksfrömmigkeit geprägt, zitiert gern mal die Bibel oder Sprichwörter. Seine geliebte Mutter nennt er immer „Muttchen“, fast wie bei Vater Zille. Diese Schlichtheit sollte man nicht unterschätzen: Josua Brenner weiß seine Lage einzuschätzen, und er vermittelt auch eine Fülle von Empfindungen in sehr präzisen Sätzen. Torkler spielt erstaunlich souverän mit literarischen Versatzstücken aus Schelmen-, Gangster-, Bürokratie-Roman, er beherrscht die satirische Spitze ebenso wie Sentiment und Pathos.

Ob ein solcher Roman einen verstockten Menschen klüger, zugänglicher macht? Wahrscheinlich leider nicht. Aber Torkler gelingt eine berührende Geschichte voller Relevanz.

Christian Torkler Der Platz an der Sonne. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart. 592 S., 25 Euro

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