Chris Brookmyres Thriller „Dunkle Freunde“

Chris Brookmyreschottischer SchriftstellerFoto: CHRIS CLOSE/ROWOHLT

Der Journalist Jack Parlabane ist nicht zimperlich. Er scheut auch vor Einbrüchen nicht zurück, um das Material für eine Enthüllungsstory zu bekommen. In seinem letzten Fall hatte der Held der Krimireihe von Chris Brookmyre die Unterstützung des Hackers Buzzkill in Anspruch genommen, von dem er selbst nicht wusste, wer sich hinter dem martialischen Pseudonym verbirgt.

Im aktuellen Thriller „Dunkle Freunde“ erfahren wir, dass es zwar im Internet keine Frauen gibt. Aber Buzzkill heißt in Wirklichkeit Samantha Morpeth, 21, und holt die Oberstufe nach, weil sie studieren will. Online mag sie fast unbesiegbar sein. Im „real life“ aber steht sie ganz unten. Ihre Mutter sitzt eine Haftstrafe ab. Sie wird von Mitschülerinnen gemobbt. Sam muss sich um ihre Schwester Lilly kümmern, die an Trisomie 21 leidet. Weil sie nicht jobbt, sondern vollzeit lernt, wird ihr die Beihilfe gestrichen. Dann will der Ex-Dealer ihrer Mutter noch Schulden bei Sam eintreiben. Doch richtige Probleme erwischen sie nach einer Aktion gegen eine gierige Großbank. Da meldet sich auf einmal ein Hacker bei ihr, der alles über sie weiß. Und er will, dass sie für ihn etwas richtig Kriminelles erledigt. Der einzige, der Sam noch helfen kann, ist vielleicht Parlabane. Der allerdings versucht gerade, beruflich wieder auf die Beine zu kommen beim Internet-Nachrichtenportal Broadwave.

Man merkt bei Brookmyre, dass der Autor von den Dingen, über die er schreibt, etwas versteht. Man wird sicher nicht zum Hacker, wenn man diesen Thriller liest. Aber der Autor vermittelt sehr schön, dass zum erfolgreichen Eindringen in geschützte Strukturen so etwas wie soziale Kompetenz hilft. Wie Sam alias Buzzkill als Mitarbeiterin der IT-Abteilung bei Bankern anruft und ihnen Passwörter entlockt, das schildert Brookmyre glaubhaft. Ebenso souverän ist der Fall um Patente in der Medizintechnik konstruiert, im Milieu der Start-Ups und der Techno-Branche. Trickreich auch die Konstruktion des Romans. Wie beim Vorläufer wechselt Brookmyre von Kapitel zu Kapitel die Perspektive: Mal erleben wir mit Sam als Ich-Erzählerin Höhen des Hackerlebens und Tiefen der Existenz am Rande des Minimums. Mal durchstreifen wir mit dem Schnüffler Parlabane Geschäftsessen mit abgebrühten Medienfrauen und nächtliche Einbrüche in hochgradig gesicherte Tech-Firmen. Das ist rasant erzählt, und der Autor trifft den Nerd-Slang ebenso sicher wie den Tonfall von Besprechungen in der Newsportal-Branche. Und vor allem: Immer wenn der Leser glaubt, er hätte verstanden, was abgeht, findet Brookmyre einen weiteren unerwarteten Dreh.

Chris Brookmyre: Dunkle Freunde. Deutsch von Karl-Heinz Ebnet. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg. 542 S., 13 Euro

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